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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 28.09.2011

Larissa Boehning - Das Gl├╝ck der Zikaden
Evelyn Gaida

Drei Frauen in Berlin, drei Generationen vor dem Hintergrund ersch├╝tternder historischer Umw├Ąlzungen: Zweiter Weltkrieg, Mauerbau und -fall, Nach-Wende-Zeit. Laut wird in diesem Roman jedoch etwas ...



... anderes: Das Schweigen von Frauen ohne Selbstbestimmung, die Perspektive der Ausgeblendeten.

Es sind Biographien voller "ungelebtem Leben". Das Extreme der geschichtlichen Ereignisse wird hier immer mehr zum surrealen Rauschen in der Ferne. Boehning schreibt dennoch keinen ideologischen Opferroman ├╝ber ├Ąu├čere Zw├Ąnge. Sie schreibt ├╝ber die "Schlagb├Ąume der Angst" in den K├Âpfen und Herzen, die Menschen voneinander und vom Leben abschneiden. ├ťber Pr├Ągungen, die unbemerkt in nachfolgende Generationen hin├╝berflie├čen, und ├╝ber die Suche des modernen Menschen nach Orientierung ÔÇô allzu h├Ąufig der Tunnelblick in die selbstgemauerte Gef├Ąngniszelle, das erleichterte Abtreten eigenst├Ąndiger Denkfreiheit f├╝r einen vorgegebenen geistigen Unterschlupf.

Schwindelerregende Themen. F├╝r Boehning ist es zudem der schwierige zweite Roman nach dem erfolgreichen Deb├╝t "Lichte Stoffe" (2007), das mehrere Auszeichnungen erhielt und auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand. Die unnahbaren, in sich zur├╝ckgezogenen Figuren des neuen Werkes machen es den LeserInnen nicht leicht, mit ihnen warm zu werden und Zugang zum Geschehen zu finden. Vielleicht ist das auch einer der Gr├╝nde daf├╝r, dass die Charaktere oftmals nicht den Eindruck erwecken, aus Fleisch und Blut zu sein, sondern Figuren bleiben, eine Art historisches Konzentrat. Boehning betont es sogar wiederholt selbst: Es sind Figuren auf einer B├╝hne, gefangen in der falschen Rolle. Der Roman verstr├Âmt die Atmosph├Ąre eines k├╝hl sich entziehenden Graus ÔÇô das jedoch immer wieder von Sprachsch├Ątzen und herausragenden Bildsch├Âpfungen durchbrochen wird.

Die zur├╝ckgenommene, gem├Ą├čigte Tonart der Autorin beinhaltet eine gro├če St├Ąrke. Boehning r├╝ckt ihren Protagonistinnen, deren Widerspr├╝chen und Irrwegen, nicht als Richterin zu Leibe: Nadja, ehemals leidenschaftliche Revuet├Ąnzerin, findet sich Ende der 30er Jahre in einer `verkehrten┬┤ Welt wieder. Obwohl sie sich als Russin f├╝hlt und Stalin verehrt, sind sie und ihre Familie als Deutschst├Ąmmige in Russland nicht mehr erw├╝nscht. Ihr pragmatischer Ehemann Anton beschlie├čt nach Berlin auszureisen, Nadja f├╝gt sich voller Abwehr und Widerwillen. Das faschistische Deutschland ist ihr verhasst.

V├Âllig entwurzelt f├╝hrt die Vertriebene nunmehr ein Hausfrauenleben und zieht sich in die innere Emigration ihrer eigenen Welt zur├╝ck. Sie verkl├Ąrt Russland zum Staat, in dem "Frauen als wahrhaft gleichberechtigt" betrachtet werden, und Stalin zum "gutm├╝tigen Herrn mit den treuen Augen", zur ├╝bergeordneten v├Ąterlichen Autorit├Ąt: "Sie brachte ihm die Zuneigung eines Kindes entgegen, im Grunde bedingungslose Liebe (ÔÇŽ). ├ťber Jahre hinweg, nach seinem Tod, hatte sie beharrlich alle Aufkl├Ąrungsversuche ignoriert, die Historiker betrieben, damit gerade Menschen wie sie ihre Meinung ├╝ber diesen Mann ├Ąnderten. Es war keine Ignoranz, im Gegenteil." In ihrer schwerm├╝tigen Resignation wird Nadja f├╝r ihre Tochter Senta zur wandelnden Unerreichbarkeit.

Senta m├Âchte als junge Frau nicht so unrealistisch sein wie ihre Mutter. Die Lehramtsstudentin ist schwanger von ihrer gro├čen Liebe Gregor, dem 68er-Prototyp schlechthin. Er geht freiwillig in die DDR, um von dort aus die Weltrevolution voranzutreiben. Senta verschweigt das Kind und h├Ąlt ihn nicht zur├╝ck, will ihn aber auch nicht begleiten. Kurz darauf heiratet sie Gregors Freund Michael, einen aufstrebenden Juristen, den sie nicht liebt. Sie erinnert sich daran, "als Frau in dieser Zeit nicht wirklich die Wahl zu haben, selbstbestimmt zu leben. Es schien ihr ein Recht zu sein, zu schauen, da├č sie eine gute Partie machte und nicht pl├Âtzlich schwanger und ledig dastand."

Bei der Schilderung des Lebensweges von Senta l├Ąuft Boehning zur Hochform auf. In den Charakteren des zweiten Romanabschnitts l├Ąsst sie die Obsession einer ganzen Generation von traumatisierten Kriegskindern aufscheinen: Das unbedingte Streben nach Sicherheit und Wohlstand als oberste Priorit├Ąt. Sentas Haus soll eine Burg sein, ein "Hochsicherheitstrakt", kein Provisorium. Vergeblich versucht Senta, die Leere ihrer Vernunftehe mit dem Geb├Ąren und Aufziehen von vier weiteren Kindern auszuf├╝llen. "Wie ihre Mutter verlie├č sie diese B├╝hne nicht mehr, diesen Ort des R├╝ckzugs, die Einsamkeit."

Auch Sentas Ehemann Michael wird in seiner Rolle des lenkenden Ern├Ąhrers nicht gl├╝cklich. Der Anspruch, alles unter Kontrolle haben zu m├╝ssen, wird zur psychischen Erkrankung, zur Manie. Gegen den Kontroll- und Gr├Â├čenwahn der Leistungsgesellschaft hilft kein erwirtschaftetes Verm├Âgen, keine Flucht ins Spaniendomizil, helfen keine hohen Z├Ąune. Boehning zeigt sich als Entdeckerin gro├čartiger Sprachbilder: Obwohl jede erdenkliche Ritze im mediterranen Refugium mit Silikon versiegelt ist, dringen sie ein, die Schaben und Kakerlaken, bricht sich das Unterdr├╝ckte und Verleugnete unaufhaltsam Bahn. "Eine Ahnung vielleicht auch, von den Kr├Ąften, die in jedem Menschen wirken."

In geistesgegenw├Ąrtiger Abwandlung eines Gedichtzitats aus Rilkes "Archaischer Torso Apollos" erfindet die Autorin eine unvergessliche Figur. Senta folgt einem au├čergew├Âhnlichen Impuls und besucht einen Wahrsager auf dem Jahrmarkt. Verkr├╝ppelt, ohne Beine und am Kopf von einem Geschw├╝r ├╝berwuchert, verstr├Âmt dieser Mann nichts als Gelassenheit und Heiterkeit. Menschenw├╝rde jenseits des allumfassenden Funktionierens. Um gesund zu werden, m├╝sse man sein Herz ├Âffnen, sagt er.

Dagegen steht "unser verletzlichster Punkt. (...) Wo wir meinen, allein sein zu m├╝ssen, damit niemand unsere Schw├Ąche sieht." Auch Sentas Tochter Katharina flieht vor der Wirklichkeit und aus der erlittenen Distanz zur Mutter ins mentale Exil, l├Ąsst sich ziellos treiben. Im letzten Teil des Romans geht Boehning etwas die Puste aus. Katharinas Charakter bleibt blass und stilisiert. Dennoch spiegelt sich in ihr die diffuse Orientierungslosigkeit all der Wohlstandskinder, die in den emotional ausgeh├Âhlten Vorstadtfestungen ihrer Eltern obdachlos blieben. Gerade diesen Richtungsverlust begreift die Autorin am Ende jedoch als M├Âglichkeit, sich selbst zu finden.

AVIVA-Tipp: "Das Gl├╝ck der Zikaden" ist das Schweigen ihrer Weibchen, hei├čt es in einem Ausspruch des griechischen Dichters Xenarchos. Larissa Boehning verfolgt ├╝ber drei Frauengenerationen hinweg unauff├Ąllig einen Weg vom Verstummen hin zu einer Stille, die das "Gegenteil von Schweigen" sein k├Ânnte: Zu-Sich-Selbst-Kommen statt Selbstverleugnung und Zwang, eine Wende und ein Neuanfang wider den Zeitgeist, aus der Perspektive von Frauen.

Zur Autorin: Larissa Boehning, Jahrgang 1971, ist in Hamburg aufgewachsen und lebte eine Zeit lang in Spanien. Seit 2007 wohnt sie mit ihrer Familie wieder in Berlin. Larissa Boehning arbeitet als Grafikerin, Dozentin und freie Schriftstellerin. F├╝r eine Geschichte aus "Schwalbensommer" erhielt sie den Literaturpreis Prenzlauer Berg (2002). Ihr Romandeb├╝t "Lichte Stoffe" (2007) war auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und wurde mit dem Kulturpreis der Stadt Pinneberg und dem Mara-Cassens-Preis f├╝r das beste Deb├╝t des Jahres 2007 ausgezeichnet. Weitere Infos und Kontakt: www.stagelabor.de (Quelle: Galiani Berlin)

Larissa Boehning
Das Gl├╝ck der Zikaden

Verlag Galiani Berlin, erschienen: Juli 2011
Gebunden mit Schutzumschlag, 320 Seiten
ISBN 978-3-86971-039-6
19,99 Euro

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.galiani.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

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Literatur Beitrag vom 28.09.2011 Evelyn Gaida 





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