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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 28.12.2010

Rose-Anne Clermont - Buschgirl. Wie ich unter die Deutschen geriet
Claire Horst

Multikulti ist gescheitert? Dieses Buch beweist, dass etwas dran ist an Angela Merkels Satz. Allerdings in anderem Sinne, als die Kanzlerin es gemeint hat. Gescheitert sind n├Ąmlich die ...



... Mehrheitsdeutschen und nicht die Minderheiten.

Wenn eine schwarze Frau sich beim Zahnarzt fragen lassen muss, ob sie denn auch schwitze bei ├╝ber 40 Grad, wenn der deutsche Freund kein Verst├Ąndnis hat f├╝r die junge Amerikanerin, die nach ganzen drei Monaten in Deutschland immer noch nicht perfekt Deutsch spricht, dann stellt sich schon die Frage, was "deutsche Kultur" ├╝berhaupt sein soll. Die Kultur der Ignoranz wahrscheinlich.

Rose-Anne Clermont, in Amerika aufgewachsene Journalistin, beschreibt ihre eigene Migrationsgeschichte nach Deutschland und ihre Erfahrungen mit den EinwohnerInnen dieses merkw├╝rdigen Landes. Zu einer Minderheit geh├Ârte sie auch in den USA, wo sie die einzige Schwarze in ihrem Wohnviertel und eine unter wenigen an ihrer Schule war. Dass ihr Vater als Arzt zu einer sonst meist Wei├čen vorbehaltenen Schicht geh├Ârte, hinderte dessen Kollegen nicht daran, ihn bei einem Kongress f├╝r den Koffertr├Ąger zu halten.

Rose-Annes Liebesbeziehung zu einem deutschen Austauschsch├╝ler f├╝hrt an ihrer Highschool zu gro├čem Erstaunen - Liebschaften gibt es sonst nur unter Sch├╝lerInnen mit der gleichen Hautfarbe. Als sie aber Jahre sp├Ąter nach Deutschland geht, um sich mit demselben Mann wiederzutreffen, funktioniert die Beziehung nicht mehr so reibungslos. Aus dem aufgeschlossenen Sch├╝ler ist ein gestresster Arzt geworden, der ├╝ber seine t├╝rkischen PatientInnen schimpft, die kein Deutsch spr├Ąchen, und dem das Aussehen seiner Freundin pl├Âtzlich peinlich ist. "Da Jens kapiert hatte, dass ich schon aus rein physischen Gr├╝nden niemals unauff├Ąllig werden w├╝rde, sorgte er daf├╝r, dass ich nicht f├╝r die falsche Ber├╝hmtheit gehalten wurde: nicht f├╝r Miriam Makeeba, sondern f├╝r Tina Turner."

Den Alltagsrassismus in Deutschland beschreibt Clermont ebenso anschaulich und bei allem Entsetzen zugleich humorvoll, wie sie ihre Familiengeschichte erz├Ąhlt. Die Handlung springt zwischen den Jahrzehnten und Kontinenten hin und her - so berichtet Clermont auch von der Migration ihrer Eltern aus Haiti in die USA und erkl├Ąrt ganz nebenbei die Unterschiede zwischen amerikanischem Patriotismus, der auch Menschen unterschiedlicher Herkunft einschlie├če, und dem deutschen Nationalismus, der sich versch├Ąmter ├Ąu├čert und ausschlie├čend ist.

Man muss nicht mit allen Einstellungen der Autorin ├╝bereinstimmen, um das Buch mit Gewinn zu lesen. Verk├Ąuferinnen, die sie nicht gr├╝├čen, vermeintlich aufgeschlossene Menschen, die mit ihrem Wissen ├╝ber Afrika prahlen und Vergleiche von Clermonts Aussehen mit wahlweise Condoleezza Rice oder Michelle Obama, die als Kompliment gemeint sind, geh├Âren zum Alltag einer schwarzen Frau in Deutschland. Insofern ist es ein wichtiges Buch, das sich mit einer Mischung aus Wut und fassungsloser Belustigung liest.

Clermonts richtige Ablehnung eines einheitlichen Kulturbegriffs zeigt sich am besten an ihrer Hochzeit mit Georg, einem deutschen Kulturmanager. Ein Yoruba-Priester, j├╝dische und haitianische New YorkerInnen, Schwarzw├ĄlderInnen und KreuzbergerInnen, Schwule und Heteros, AnthroposophInnen und KatholikInnen - hier vertritt jeder Gast seine eigene Kultur. Hinterzarten hat so etwas noch nie gesehen. "Wenigstens waren in letzter Minute die Mohrenfiguren, die sonst den Eingang zum Hotel zierten, entfernt worden."

Schade, dass Clermont dennoch nicht frei ist vom Integrationsgestus der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Patriotismus hat f├╝r sie eine positive Bedeutung, und Integration ist die Aufgabe der MigrantInnen. Im Gegensatz zu den t├╝rkischen Jugendlichen, denen sie in Berlin Englisch beibringt, haben ihre eigenen Eltern sich in den USA angepasst: "Selbst wenn wir ungerecht behandelt wurden, wenn man uns verspottete oder sich vor uns f├╝rchtete, sprachen wir die Gew├Âhnlichensprache und passten uns an die herrschenden Sitten an. Meine Geschwister und ich sagten immer Dankesch├Ân. Wir benutzten Parf├╝m. Wir b├╝gelten unsere Kleider, auch wenn wir nur zu einem Barbecue gingen. Wir schafften es an die Elite-Universit├Ąten, damit man uns ernst nahm. Wir assi-migrierten uns jeden Morgen von Neuem und atmeten einmal tief durch, wenn wir abends die Haust├╝r schlossen."

Dass diese ├ťberanpassung nicht die L├Âsung sein kann f├╝r die Integrationsverweigerung der Deutschen, wei├č Clermont allerdings selbst. Selbst als Autorin und Journalistin erlebt sie immer noch Diskriminierung in Deutschland. Ihr Buch endet dennoch hoffnungsvoll - mit dem Verweis darauf, was ihre Kinder heute in der Schule lernen: dass der deutsche Bundeskanzler eine Frau und der amerikanische Pr├Ąsident das Kind einer wei├čen Amerikanerin und eines Migranten ist. "Wer h├Ątte es je geglaubt?" Es dauert zwar lange, doch es besteht Hoffnung, so ihr Fazit.

AVIVA-Tipp: Trotz ihrer stellenweise etwas konservativen Haltung ist Clermonts sehr pers├Ânliches Buch eine Bereicherung der einseitig gef├╝hrten Integrationsdebatte. Hier meldet sich eine Autorin zu Wort, die wei├č, wovon sie spricht, und auch den Vergleich mit anderen Migrationsgesellschaften nicht scheut. "Buschgirl" ist unterhaltsam und regt zum Nachdenken an - das ist viel mehr, als von den meisten B├╝chern zum Thema behauptet werden kann.

Zur Autorin: Rose-Anne Clermont wurde 1971 als Tochter haitianischer Einwanderer in New York City geboren. Sie kam nach dem Journalismus-Studium an der Columbia University 1998 als Fulbright Fellow nach Berlin und hat u.a. f├╝r Spiegel Online, Die Zeit und International Herald Tribune ├╝ber Integration und Bildung geschrieben. Die Autorin lebt heute mit ihrem deutschen Mann und ihren Kindern in Berlin. (Verlagsinformationen)

Rose-Anne Clermont
Buschgirl. Wie ich unter die Deutschen geriet

├ťbersetzt von Sigrid Ruschmeier
Paperback, 224 Seiten
ISBN: 978-3-570-10042-4
14,99 Euro
Verlag: C. Bertelsmann
Erscheinungstermin: 20. September 2010

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