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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 28.12.2010

Elif Shafak - Als Mutter bin ich nicht genug
Claire Horst

Was es bedeutet, kritische Schriftstellerin zu sein, hat Elif Shafak am eigenen Leib erfahren. Nach der Ver├Âffentlichung ihres Romans "Der Bastard von Istanbul", der sich unter anderem mit den ...



... Tabuthemen Abtreibung und Genozid an den ArmenierInnen besch├Ąftigt, wurde sie wegen "Herabsetzung der t├╝rkischen Nation" angeklagt.

Ein weiterer Prozess wird gegen die Autorin wegen ihrer angeblichen Beteiligung an einem Bombenanschlag gef├╝hrt. Gegenreaktionen bleiben nicht aus, wenn eine progressive Autorin sich mutig gegen politische Missst├Ąnde ├Ąu├čert. Shafak hat sich lange Zeit auf ihre schriftstellerische und wissenschaftliche Arbeit konzentriert, unter anderem lehrte sie Politologie an amerikanischen Universit├Ąten.

In ihrem j├╝ngst auf Deutsch erschienenen autobiografischen Buch "Als Mutter bin ich nicht genug" nimmt sie eine andere Facette ihrer Pers├Ânlichkeit ins Visier. Lassen sich Mutterschaft und Schriftstellerinnendasein vereinen?, fragt die Autorin sich und ihre LeserInnen. Dabei analysiert sie ihre eigene Rolle als professionelle Autorin und setzt sich mit dem eigenen Kinderwunsch auseinander.

F├╝r Shafak scheint dieser Wunsch eine logische Folge ihrer gl├╝cklichen Partnerschaft zu sein. Kaum ist die Frau verliebt, will sie auch heiraten und Kinder in die Welt setzen, so wirkt es in ihrer Darstellung. Konflikte bietet dieser neue Ansatz nicht nur in der Auseinandersetzung mit der Umgebung, die von ihr als Intellektueller und Frauenrechtlerin entt├Ąuscht ist, sondern vor allem in der Diskussion mit den eigenen Teilpers├Ânlichkeiten.

Ihre innere Debatte f├╝hrt Shafak zum einen mit anderen Schriftstellerinnen, die dem gleichen Dilemma ausgesetzt waren. Virginia Woolf, Emily Bront├ź oder Sylvia Plath sind Autorinnen, mit deren Entscheidungen sie sich besch├Ąftigt. Viel zentraler aber sind die Stimmen in ihrem Kopf, die "Fingerfrauen", die jeweils f├╝r einen Aspekt ihrer Pers├Ânlichkeit stehen. Denn jeder Mensch besteht aus vielf├Ąltigen Teilpersonen, und bislang ist Shafak mit ihrem "inneren Harem" auch gut zurechtgekommen.

Darin lebt "das kleine Fr├Ąulein Praktisch", die rationale und bestens organisierte Frau, die glaubt, mit dem richtigen Plan sei alles zu schaffen. Fr├Ąulein Praktisch liest nur Ratgeberb├╝cher und hat f├╝r alles eine L├Âsung. Leider ist da aber auch "Frau von Derwisch", die spirituelle Seite ihrer Seele. Sie r├Ąt Elif Shafak, zu f├╝hlen statt zu planen, das f├╝r sie Richtige werde sich schon ergeben. Dass es auch noch "die ehrgeizige Tschechowianerin" gibt, die Kinder ablehnt, weil sie der Karriere hinderlich sind und "Miss Zynisch-Intellektuell", die jede Frage nach ihren philosophischen Implikationen abklopft, macht es nicht leichter.

Vollends kompliziert wird die Lage jedoch erst, als zwei weitere Fingerfrauen auftauchen: die pummelige, f├╝rsorgliche "Mama Milchreis" und die sexy "Blue Belle Bovary". Denn diese Teile ihrer Pers├Ânlichkeit erheben pl├Âtzlich Anspruch auf Geh├Âr, und Shafak muss ich auf ganz neue Weise mit ihren W├╝nschen auseinandersetzen. Blue Belle Bovary verlangt nach st├Ąrkerem Fokus auf die Sexualit├Ąt - im Leben wie in ihren Werken, und Shafak erkennt die eigene Beschr├Ąnkung als Frau: "In einer Gesellschaft, in der (die z├╝chtige Romanheldin) Rabia dem Idealbild einer Frau entspricht, k├Ânnen wir unseren K├Ârper nur heimlich und hinter verschlossenen T├╝ren zeigen. Diese Denkart spiegelt sch in unseren Geschichten wider."

Mama Milchreis wiederum beharrt auf dem weiblichen Muttertrieb. Und da liegt auch das Problem. Denn obwohl Shafak sich mit den Zuweisungen der Gesellschaft an M├Ąnner und Frauen auseinandersetzt, obwohl sie das dualistische Denken kritisiert, das M├Ąnnern die Rationalit├Ąt und Frauen die Emotionalit├Ąt zuweist, bleibt es am Ende beim weiblichen Bed├╝rfnis, der eigenen Nat├╝rlichkeit Raum zu verschaffen.

Im Prinzip geht es Shafak nur darum, die eigenen widerspr├╝chlichen Bed├╝rfnisse zu vereinen, berufst├Ątig und zugleich Mutter sein zu k├Ânnen. Mit den gesellschaftlichen Bedingungen, die diese Vereinbarkeit garantieren w├╝rden, setzt sie sich nur am Rande auseinander. Nachdem sie eine postpartale Depression ├╝berwunden hat (die sich als Dschinn Lord Poton materialisiert), bietet ihr Mann ihr an, von nun an alles zu teilen. Dass er zu Hause bleiben k├Ânnte, kommt ihm aber nicht in den Sinn. Stattdessen wird eine Kinderbetreuung engagiert. Und obwohl Shafak den Zusammenhang von geschlechts- und klassenspezifischer Unterdr├╝ckung thematisiert, bleibt es dabei. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf scheint ein Problem nur von Frauen zu sein.

AVIVA-Tipp: Elif Shafak ist eine begnadete Schriftstellerin, und so liest sich auch dieses Werk mit Vergn├╝gen. Theoretische Fragen behandelt sie poetisch und fantasievoll, und auch die vielseitigen Bez├╝ge zur Literaturgeschichte sind erhellend. Dennoch bleibt ein fader Beigeschmack, weil politisch relevante Fragen wie die nach der Rollenverteilung zu einer rein pers├Ânlichen Entscheidung der einzelnen Frau reduziert werden. Wollen wir uns wirklich damit abfinden?

Zur Autorin: Elif Shafak wurde 1971 als Tochter einer Diplomatin in Stra├čburg geboren und wuchs unter anderem in Spanien und Jordanien auf. Sie studierte Politologie in der T├╝rkei und lehrte nach ihrer Promotion an Universit├Ąten in den USA. Ihre B├╝cher wurden in mehr als 25 Sprachen ├╝bersetzt. Die meistgelesene Autorin der T├╝rkei schreibt neben Romanen Zeitungskolumnen, Essays und Songtexte f├╝r t├╝rkische Rockbands. Shafak lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Istanbul. "Als Mutter bin ich nicht genug" ist ihr erstes autobiografisches Buch. (Verlagsinformationen)
Elif Shafak im Netz: www.elifshafak.com

Elif Shafak
Als Mutter bin ich nicht genug. Mama Milchreis, Frau von Derwisch, Miss Intellektuell und die anderen Frauen in mir

VGS Egmont
Erscheinungstermin: 11. Oktober 2010
gebunden mit Schutzumschlag, 352 Seiten
Originaltitel: Siyah S├╝t
ISBN: 978-3-8025-3724-0
16,95 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Elif Shafak - Der Bastard von Istanbul

Elif Shafak - Der Bonbonpalast

Literatur Beitrag vom 28.12.2010 Claire Horst 





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