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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 14.05.2011

Sophie Albers - Wunderland
Claire Horst

Als "literarischen Blick in unsere Parallelgesellschaft" preist der Verlag den Roman der stern-Autorin Albers an. Was das sein soll, "unsere" Parallelgesellschaft, wird wieder einmal als bekannt..



... vorausgesetzt.

"Wir", das sind nat√ľrlich die "Biodeutschen", die ohne Migrationshintergrund. Und mit der Parallelgesellschaft ist weder die katholische Kirche gemeint noch der Fu√üballklub von nebenan, sondern, nat√ľrlich, die Welt arabischst√§mmiger junger Neuk√∂llnerInnen.

Wie ihre Sch√∂pferin ist Hanna Journalistin. Als sie √ľber die R√ľtlischule, mangelnde Integration und muslimische Jugendliche schreiben soll, entschlie√üt sie sich zum Portr√§t eines einzelnen jungen Mannes. Tamer lernt sie auf der Stra√üe kennen. Er entspricht dem Klischeebild eines jungen Arabers: Goldkettchen, Picaldi-Kleidung, dickes Auto. Nat√ľrlich ist "schwul" f√ľr ihn ein Schimpfwort, genau wie "Jude". Und dass Hanna, die sich jetzt regelm√§√üig mit ihm trifft, ihren Kaffee niemals selbst bezahlen darf, ist ebenfalls selbstverst√§ndlich.

Die Autorin m√∂chte eine junge Frau darstellen, die von einer fremden Welt fasziniert ist und ihre festen √úberzeugungen hinterfragt ‚Äď nicht umsonst zitiert der Titel Lewis Carrolls "Alice im Wunderland". Wunderbar also, k√∂nnte man meinen. Schade nur, dass diese festen √úberzeugungen teilweise wirklich penetrant falsch sind. Als Tamer Hanna sein Elternhaus in Neuk√∂lln zeigt, wirft das Erwartungen durcheinander, die nur die desinformierteste Boulevardzeitungsleserin haben kann: "Es ist so ruhig, dass man V√∂gel zwitschern h√∂rt. Wir begegnen keinem Menschen. Dabei ist der ber√ľchtigte Hermannplatz nur ein paar hundert Meter entfernt." Wei√ü doch jede/r, dass am gef√§hrlichen Hermannplatz keine Amsel √ľberlebt.

Seltsam auch der Eindruck der Protagonistin, in Berlin gebe es No-Go-Areas f√ľr NichtmigrantInnen: "Auf dem Weg zu Tamer passiere ich einen der √úberg√§nge von Mittelklasse-Berlin nach Little Istanbul. Das gibt es in vielen Stadtteilen. Und pl√∂tzlich bin ich die, die auff√§llt, so wie damals in Paris, wo ich im 18. Arrondissement, den Senegalesen-Viertel, gewohnt habe‚Ķ Dort war ich die einzige Wei√üe‚Ķ Entweder werde ich ignoriert oder angestarrt mit einem Blick, der sagt: Was willst du hier?" Am Ende der Szene spuckt ihr ein kleiner Junge vor die F√ľ√üe. Kristina Schr√∂der, √ľbernehmen Sie: Hier droht "Deutschenfeindlichkeit".

Hanna, j√ľdische Deutsche aus bildungsb√ľrgerlichem Elternhaus, h√§lt sich f√ľr √§u√üerst mutig und aufgeschlossen, da sie sich auf diesen Tamer √ľberhaupt einl√§sst. Und die Auseinandersetzung mit seiner Lebensanschauung √§ndert tats√§chlich ihren Blick auf die Welt. Pl√∂tzlich nimmt sie die Diskriminierungen wahr, denen er ausgesetzt ist, erkennt die Blicke, die auch ihr zugeworfen werden, da sie mit ihm im Caf√© sitzt. Die Schizophrenie, mit der sich Hanna einerseits angezogen f√ľhlt von der "M√§nnlichkeit" des Jungen, von seiner Gro√üz√ľgigkeit und seinem Besch√ľtzerinstinkt, und ihre Abwehr andererseits gegen Frauenfeindlichkeit und Machokultur, ist der spannendste Aspekt des Romans.

Zu einem reflektierteren Weltbild f√ľhrt Hannas Besch√§ftigung mit Tamers Welt allerdings nicht. Denn mit den Vorurteilen kommt ihr auch der gesunde Menschenverstand abhanden: Bislang hatte sie Anmachen auf der Stra√üe immer als l√§stig empfunden. Pl√∂tzlich erkennt sie, dass sie ja auch anders reagieren k√∂nnte, und l√§chelt fortan den Jungs zu, die ihr hinterherpfeifen. Denn die Abwehr von Machogesten ist eigentlich Arroganz, wei√ü sie jetzt. Als einzige Frau unter Tamer und seinen Freunden findet sie zu sich selbst: Deren Mitleid mit ihr, der drei√üigj√§hrigen Kinderlosen, empfindet sie als wohltuend ‚Äď denn anscheinend will doch jede Frau nichts als Kinder und Komplimente, wenn sie nur auf ihre Emotionen h√∂rt.

AVIVA-Fazit: Das x-te Buch zur Sarrazin-Debatte h√§tte spannend werden k√∂nnen. Ein Wechsel der Perspektive, Hinterfragen der eigenen √úberzeugungen, Unsicherheiten und ein Sicheinlassen auf eine andere Lebenswelt, das sind wunderbare Ans√§tze. Schade nur, dass hier Stereotype zementiert statt aufgel√∂st werden. Sprachlich ebenso banal wie inhaltlich, √ľberzeugt der Roman leider nicht.

Zu der Autorin/Herausgeberin: Sophie Albers wurde 1970 in Hamburg geboren. Sie hat Film, Geschichte und Literatur studiert und danach als Journalistin bei verschiedenen Magazinen gearbeitet. Seit 2008 ist sie Kultur-Redakteurin bei stern.de. Sie lebt in Berlin. "Wunderland" ist ihr erster Roman. (Verlagsinformationen)

Sophie Albers
Wunderland

Knaus Verlag, erschienen am 14. März 2011
ISBN: 978-3-8135-0398-2
14,99 Euro


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