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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 16.06.2011

Silke Scheuermann - Shanghai Performance
Marie-Luise Wache

In einer dramatisch verstrickten und gleichzeitig erfrischend ehrlichen Geschichte rechnet die Autorin vor der Kulisse einer anonymen Hochhausstadt gleich mit drei Themen ab, ...



... mit einer erfolgsorientierten Generation, der OberflĂ€chlichkeit einer ĂŒberinszenierten Kunstszene und drei exemplarisch fĂŒr diesen Lifestyle stehenden Frauenschicksalen.

Die angesehene und schillernde PerformancekĂŒnstlerin Margot Wincraft nennt die ganze Welt ihre BĂŒhne. StĂ€ndig begleitet von einer Entourage aus FotografInnen und ihrer Assistentin Luisa reist sie von einer Stadtkulisse zur nĂ€chsten, auf der Suche nach Inspiration und passendem Beiwerk fĂŒr ihre Performancekunst. Diese besteht fĂŒr Margot aus meist nackten, auf sich fokussiert rĂ€kelnden und in die Leere starrenden Models. FĂŒr ihr Werk bedeutend ist, dass keine Beziehung zu dem Publikum entstehen darf. Diese bewusst geförderte Distanz und KĂŒhle fasziniert und beĂ€ngstigt ihre BewundererInnen zugleich und ist entscheidend fĂŒr die Entwicklung und Handlungen jener Menschen, die die KĂŒnstlerin umgeben.

Die Geschichte beginnt, indem Margot Wincraft ĂŒberraschend ein Angebot aus Shanghai erhĂ€lt und annimmt. Die sich stĂ€ndig im Wandel befindende und dabei anonymisierende Stadt ist die perfekte Kulisse fĂŒr eine zunĂ€chst harmlose Geschichte, welche sich jedoch in unaufhaltbarem Tempo und mit vielen Wirrungen zu einem klug und fesselnd inszenierten Drama aufbaut.

So muss die Assistentin Luisa zusehen, wie sich ihre Chefin mit den Wochen, die sie in China verbringen, immer seltsamer verhĂ€lt. Mittels eines wohldurchdachten Ablenkungsmanövers wird ihr schließlich der wahre Grund fĂŒr den Aufenthalt mitgeteilt: Die von Margot bislang verheimlichte Tochter Winona, lebt in der Millionenstadt und fordert Kontakt.

Etwa zwanzig Jahre zuvor nĂ€mlich studierte die PerformancekĂŒnstlerin in Amerika und brachte dort eine Tochter zur Welt, die sie, um ihre Karriere zu fördern, weggab. Was bei Margot mit einer anfĂ€nglichen Wiedersehensfreude und der Versöhnung mit einer oberflĂ€chlich gefĂŒhlten Schuld beginnt, entpuppt sich als temporĂ€re Laune. Das "verstoßene Kind" wird erneut mit einer Distanziertheit und KĂŒhle zurĂŒckgelassen, die schließlich den Auftakt zur großen Wende bildet.

Nach dem explosiven Umschwung entsteht eine Stille und Leere, in der die Protagonistinnen endlich klar zu sehen sind. Alle OberflĂ€chlichkeiten sind abgefallen, der rohe Kern wird sichtbar. Eine Einsamkeit wird spĂŒrbar, die die Protagonistinnen zu neuen Taten antreibt.

Silke Scheuermann zeichnet in ihrem neuen Roman drei Hauptfiguren, die in verschiedenen Richtungen nach dem erfĂŒllten Lebensweg streben. Alle sind durch ihre Schicksale und Entscheidungen fest miteinander verbunden. Es ist das Verwirrende und gleichzeitig Faszinierende an diesem Roman, dass die NĂ€he zwischen diesen Menschen jederzeit mit bewusster Distanz durchbrochen werden kann.
Eine Anlehnung Margots Charakters an die real existierende PerformancekĂŒnstlerin Vanessa Beecroft ist möglich. Diese schockiert seit 1995 mit ihren Installationen, fĂŒr die sie vorwiegende nackte oder halbnackte Frauen zu Themen wie Gewalt, UniformitĂ€t oder Schönheitswahn inszeniert.

Mittels einer schlichten Sprache legt die Autorin den Fokus auf die Entscheidungen und sich entwickelnden Beziehungen oder Nicht-Beziehungen der Frauen. Die KĂŒhle, die die Figuren auszeichnet, bewirkt, dass auch die Leserin außen vor bleibt, nie richtig eintauchen kann. Hat sie einmal einen Zugang gefunden, wird er ihr auf der nĂ€chsten Seite wieder versperrt. Es ist ein Spiel, welches die Autorin mit der Lesenden fĂŒhrt. Eines, bei dem dieselbe Faszination und Verwirrtheit entsteht, mit der frau auch Margots Kunst betrachten kann.

AVIVA-Tipp: Die prÀzise und mitleidlose Zeichnung einer Generation und die ErzÀhlung dreier Frauenschicksale in "Shanghai Performance" entwickelt sich langsam aber unaufhaltsam zu einer Geschichte, deren Sog frau nicht entgehen kann.

Zur Autorin: Silke Scheuermann, geboren 1973 in Karlsruhe, lebt in Offenbach. Sie studierte Theater- und Literaturwissenschaften in Frankfurt, Leipzig und Paris und arbeitete am Germanistischen Institut der UniversitĂ€t Frankfurt. Neben Kritiken veröffentlicht sie Gedichte und ErzĂ€hlungen in Zeitschriften und Anthologien und erhielt mehrere Stipendien und Literaturpreise, darunter den Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darmstadt. 2006 war sie in der Jury des weltweit bedeutenden Preises fĂŒr Kurzgeschichten, dem Frank OConnor International Short Story Award. ErzĂ€hlungen sammelte sie in dem 2005 erschienen Band "Reiche MĂ€dchen". Ihr erster Roman "Die Stunde zwischen Hund und Wolf" entstand zwei Jahre darauf.

Silke Scheuermann
Shanghai Performance

Schöffling & Co., erschienen Februar 2011
312 Seiten. Gebunden
19,95 Euro
ISBN: 978-3-89561-373-9

www.schoeffling.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Silke Scheuermann – Reiche MĂ€dchen

Literatur Beitrag vom 16.06.2011 AVIVA-Redaktion 





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