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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 12.02.2011

Silvia Bovenschen - Wie geht es Georg Laub
Sonja Baude

Mit Lust an der Sprache und am Spiel begibt sich die Essayistin und Autorin auf eine k├╝hne und scharfsichtige Spurensuche des Denkens und F├╝hlens. Dabei lotet sie Tiefen unserer Gesellschaft aus.



"Ich habe die pessimistischsten Annahmen ├╝ber die Natur des Menschen", sagte Silvia Bovenschen in einem Gespr├Ąch mit dem Literaturkritiker Denis Scheck, nachdem sie 2009 mit dem Krimi "Wer wei├č was" als Romanautorin deb├╝tiert hatte. In ihrem neuen Buch "Wie geht es Georg Laub?" f├╝hrt die Autorin Spielarten der menschlichen Natur vor und gibt damit alles andere als eine nur finstere Sicht auf unsere Gattung: ihr kluger Gesellschaftsroman ver├Âdet nicht im Kulturpessimismus, sondern ist auch eine Art Liebeserkl├Ąrung an das Denken und an die Menschlichkeit. Darin liegt eine fast z├Ąrtliche Tr├Âstung. Formal ist der Roman von einer geistreichen und oft auch komischen Experimentierfreude bestimmt. Der Frage: Wie geht es Georg Laub? k├Ânnten wir die Frage: Wer wei├č was? anschlie├čen. Denn es ist nicht die allwissende Autorin, die ein Psychogramm des Schriftstellers Georg Laub entwirft und ├╝ber dessen Seelenleben befindet. Vielmehr wird die Geschichte von einem mehrstimmigen Chor in Szene gesetzt: Wir treten ein in eine vieldimensionale Welt, in der wir von Zeit zu Zeit die Orientierung zu verlieren drohen.

Nachdem er als Sternchen der Literaturszene erloschen ist, zieht sich der Schriftsteller Georg Laub in die "Verkargung" am Rande Berlins zur├╝ck. Bovenschen kreiert ein heterogenes Personal, das sich aus jeweils unterschiedlicher Perspektive die Frage stellt: Wie geht es Georg Laub? Diesmal haben wir es zwar nicht mit einem Kriminalroman zu tun, dennoch steht ├╝ber allem der Wunsch nach Aufkl├Ąrung eines R├Ątsels, das sich sowohl auf die erz├Ąhlte Geschichte als auch auf die Frage nach Form und Autorschaft bezieht. Was wei├č der Erz├Ąhler von dem, was er tut, was wissen seine Figuren und nicht zuletzt: was wissen und verstehen die LeserInnen?

"Georg Laub erwachte, und die Welt war sofort bei ihm. Er wu├čte, wo er war, und er wu├čte, wer er war - so gut man das wissen kann. [...]
Dies war der Moment, mit dem f├╝r ihn der Tag begann.
Ganz bewu├čt.
Und so hatten auch die Tage in den letzten f├╝nf Monaten begonnen.
Und so gefiel es ihm."

Eine wunderbare Exposition, sehr klar: und h├Ątte Georg Laub in diesem Moment die Frage, wie es ihm gehe, zu beantworten gehabt, dann wohl mit "Gut", vielleicht auch "Sehr gut". Aber ein Moment folgt dem n├Ąchsten und damit einher geht auch eine umfassendere Selbstwahrnehmung: die Alltagssorgen werden benannt und eine kaum merkliche Irritation m├╝ndet am Ende, vielleicht im rechten Augenblick, in eine wundersame Verwandlung.

Im Nachdenken ├╝ber das Buch packt die Rezensentin ein Schwindel, vielleicht ├Ąhnlich dem, der auch Georg Laub immer wieder heimsucht. Ich versuche, die Bilder scharf zu stellen, so wie es im Roman hier und da mit dem Fernrohr gelingt, das zwei der Figuren benutzen, um Georg Laub zu betrachten. Aber was hilft┬┤s? Auch darin liegen keine Gewissheiten, nur Ann├Ąherungen und Versuche des Verstehens. Die Form, der Inhalt, die W├Ârter, alles h├Ąngt mit allem zusammen, ist fest verwoben zu einer klugen Komposition: Variationen ├╝ber das Menschsein, von ├╝berall beleuchtet. Und so wird nicht nur Georg Laub ins Visier genommen, sondern das gesamte Personal, das ihn umgibt, die Lebenden und die Toten.

Sein ehemaliges Showleben in der Kulturschickeria, deren selbstgef├Ąllige und geistfeindliche Ausw├╝chse Bovenschen treffsicher in der Figur Margy, der Exfreundin Laubs, karikiert, wollte der Schriftsteller hinter sich lassen. Jetzt hat er sich um das von seiner Tante Charlotte geerbte und verkommene Haus herum eine kleine einfache Welt mit einfachen Menschen, so es solche denn gibt, geschaffen. Aber da kommt der Passagier, ein Durchreisender und Fremder aus der alten Welt, ein ungebetener Gast und die Geschichte nimmt ihren irrwitzigen Lauf. "Was war das hier? Ein gem├╝tliches Scheitern? Eine Ruinenwonne?", so fragt sich Fred Mehringer angesichts der neuen Lebenssituation Laubs. Ein kritischer Zuschauer einer krisenhaften Lage? Ja, aber nicht der einzige. Silvia Bovenschen f├╝hrt vor, dass jedes Urteil sogleich wieder durch den Zweifel entthront werden kann. Das Allgemeine und das Konkrete, das Objektive und das Subjektive liegen immer eng beieinander. Ein "oder" verschiebt den Blickwinkel und die Vers├Âhnung des Unvers├Âhnlichen bleibt aus.

Mehringer, Setdesigner und also von Berufs wegen an skurrilen Schaupl├Ątzen interessiert, wird noch einige Male zur├╝ckkehren in Laubs Leben, vielleicht ist er ein Parasit. Das Gespr├Ąch unter Freunden findet nicht statt und so erh├Ąlt er keine Antwort auf die Frage, die sich von nun an auch andere stellen: Wie geht es Georg Laub?
Wer ist da noch, der was wei├č? S├Ąmtliche AnwohnerInnen des Agniwegs treten auf. All diese Figuren sind sehr lebendig, lachen und streiten, denken nach ├╝ber Ideen und Vergangenes, formulieren W├╝nsche f├╝r die Zukunft, werden zu KomplizInnen. Wir treffen auf vorgefertigte Meinungen und Werturteile, Klischees ├╝ber den Stand der Welt werden gezimmert und wieder eingerissen. Der Zweifel am Zweifel macht das Rennen, denn wer wei├č was mit Sicherheit?

Aber daneben stehen wir vor weiteren R├Ątseln. Mit "Wie geht es Georg Laub?" sind mehrere Kapitel ├╝berschrieben und wir lauschen einem prosaischen Dialog im Stakkato-Rhythmus. Wer spricht da und was genau wird gesehen? Und dann geschieht etwas sehr Sonderbares: Ein Manuskript taucht auf und mit ihm betreten wir eine neue und geheime Welt in anderer Form. Wer denkt und spricht in ihr? Ist es das Unbewusste, das sich zu Wort meldet? Welchen Heimsuchungen und Tiraden gegen sich selbst ist Laub da ausgesetzt ? Wie ist das auszuhalten?

Immer tiefer werden wir hineingesogen in einen Schwindel, der uns so vieles gleichzeitig denken und f├╝hlen l├Ąsst und zuletzt fragen sich die LeserInnen selbst: Wie geht es Georg Laub, und auch: Was bedeutet diese kleine, vermeintlich harmlose Frage eigentlich? Diese ganz allt├Ągliche Frage, die wir allerorts stellen und gestellt bekommen, bietet f├╝r Bovenschen Anlass, eine rasante, irritierende, aufregende und aufgeregte Reise durch die Gesellschaft und in uns hinein anzutreten. Dabei analysiert sie wunderbar scharfsichtig unsere Zeit und f├╝hrt das gleichzeitige Existieren beunruhigender und tr├Âstender Welten vor, manchmal sehr d├╝ster und dann wieder sehr hell und sch├Ân.
Was am Ende bleibt, ist ein Verschwinden, eine Stille und ein R├Ątsel, alternativlos.

AVIVA-Tipp: "Wie geht es Georg Laub?" ist eine sagenhaft geistreiche und klarsichtige Gesellschaftsanalyse voll bei├čender Ironie. Der Schauplatz ist Berlin. Mit feinem Sprachwitz gelingt es Silvia Bovenschen, Spielarten und T├Âne zu finden, die irritieren und empfindliche Punkte in uns ber├╝hren.

Zur Autorin: Silvia Bovenschen wurde am 5. M├Ąrz 1946 in Oberbayern geboren. Heute lebt die Literaturwissenschaftlerin, Essayistin und Autorin gemeinsam mit der Malerin Sarah Schumann in Berlin. 2000 erhielt sie den Roswitha-Preis der Stadt Bad Gandersheim und den Johann-Heinrich-Merck-Preis der Deutschen Akademie f├╝r Sprache und Dichtung. 2007 wurde sie mit dem Ernst-Robert-Curtius-Preis f├╝r Essayistik ausgezeichnet. Mit dem Buch "├älter Werden" wurde sie 2006 einer breiten ├ľffentlichkeit bekannt.


Silvia Bovenschen
Wie geht es Georg Laub?

S. Fischer Verlag, erschienen 11. Februar 2011
288 Seiten
ISBN 978-3-10-003516-5
18,95 Euro

Weiterlesen: Silvia Bovenschen im Gespr├Ąch ├╝ber Emanzipation und Feminismus


Literatur Beitrag vom 12.02.2011 Sonja Baude 





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