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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.03.2011

Hiromi Kawakami und Jiro Taniguchi ‚Äď Der Himmel ist blau, die Erde ist wei√ü, Band 1
Anna Hohle

Der Manga-Zeichner √ľbersetzt die poetische Erz√§hlung der japanischen Bestsellerautorin in zarte und malerische Bilder und beweist dabei von neuem, dass eine ber√ľhrende Geschichte weder viele Worte...



... noch eine lebhafte Handlung verlangt.

Die √úbertragung von bekannten literarischen Werken in das Medium Comic ist f√ľr Jiro Taniguchi kein Neuland: Bereits 1993 verarbeitete er Kurzgeschichten des japanischen Autors Ryuichiro Utsumi im Manga "Von der Natur des Menschen". Wie dieser lebt auch seine Adaption von Kawakamis Erz√§hlung ganz von der Intensit√§t des Unausgesprochenen. In der ausdrucksstarken Mimik der Figuren und vertr√§umten Naturimpressionen transportiert der Autor die zerbrechliche Magie des Augenblicks.

Die zarte Liebesgeschichte der Autorin Kawakami beschreibt die Begegnung zwischen einer verschlossenen Mitdreißigerin und ihrem ehemaligen Lehrer in der Anonymität der Großstadt.
Die 37j√§hrige Tsukiko hat sich in ihrem zur√ľckgezogenen Angestelltendasein weitgehend eingerichtet. Tiefergehende soziale Kontakte vermeidet sie, empfindet die selbstgew√§hlte Isolation jedoch nicht als Mangel. Vielmehr genie√üt sie die kleinen Alltagsfreuden eines guten Essens und den regelm√§√üigen "Absacker" zum Feierabend. Bei einer dieser Gelegenheiten kommt es zur Begegnung mit ihrem ehemaligen "Sensei" (jap. "Lehrer"), der wie sie das Alleinsein und die Distanz zu anderen Menschen sch√§tzt. In der Folge treffen beide sich immer wieder ‚Äď teils beabsichtigt, h√§ufig zuf√§llig ‚Äď und es entspinnt sich ein zartes Band der Sympathie zwischen ihnen.

Kawakamis Erz√§hlung weist weder eine ereignisreiche Handlung noch die klassischen Zutaten einer leidenschaftlichen Liebesgeschichte auf. Sie besticht vorrangig durch das pr√§zise Erfassen von Stimmungen und eine gro√üe Sachlichkeit der Sprache. In diesem Sinne erinnern sowohl der reduzierte Ausdruck als auch der starke Akzent auf der Innerlichkeit der Protagonistin an die japanische Tradition des Shishōsetsu ("Ich-Roman") und den allgegenw√§rtigen Realismus in der japanischen Gegenwartsliteratur. Die Verfassung der Figuren wird dabei nur zu einem geringen Teil direkt benannt. Sie manifestiert sich oftmals im Atmosph√§rischen und einer pr√§senten Naturmetaphorik. Ein banales Gespr√§ch √ľber Mineralwassersorten bekommt so durch die direkt anschlie√üende Wendung "Der Mond stand hoch am Himmel. Er war von einem leichten Wolkenschleier √ľberzogen" einen beinahe existentiellen Gehalt.

Taniguchi nun gelingt es, das diffuse Zwischen-den-W√∂rtern in Bilder zu √ľbersetzen. Angelehnt an die Stilmittel der literarischen Vorlage arbeitet auch der Zeichner vorrangig mit Natur-Imagos. Die Detailf√ľlle seiner Landschaften und Stadtansichten ist beinahe fotorealistisch zu nennen, dennoch schwebt auch √ľber seinen Darstellungen stets der Hauch des Unergr√ľndlichen. Neben den allegorischen Naturbildern transportiert Taniguchi die Atmosph√§re der Erz√§hlung vornehmlich durch Blicke: In Blicken und Gesten entfaltet sich die wachsende N√§he zwischen Tsukiko und Harutsuna, die trotz aller Unterschiede in Alter und Sozialisation eine Art geistiger Verwandtschaft versp√ľren.

Die Verbundenheit der beiden Einsamen entsteht vorrangig aus einer √ľbereinstimmenden Vorstellung von der angemessenen Distanz zwischen zwei Menschen. Ihre zaghafte Freundschaft baut auf unausgesprochenen Regeln auf, pendelt zwischen Distanz und N√§he ‚Äď und erweist sich als so fragil, dass allein das regelwidrige Einschenken eines Glases Sake sie empfindlich st√∂ren kann. Letztendlich muss sich Tsukiko die Frage stellen, was st√§rker wiegt: Ihr Wunsch nach absoluter Autonomie oder die Sehnsucht nach einer verwandten Seele.

Wie Kawakamis Erz√§hlung verhandelt auch Taniguchis Comic-Adaption grunds√§tzliche Fragen zur Einsamkeit des Individuums in der Gro√üstadt und in der Welt, zu Isolation und R√ľckzug ‚Äď und zur Liebe, die einem unverhofft begegnen kann, auch wenn man sie nicht mehr erwartet.

AVIVA-Tipp: In stillen Momentaufnahmen setzt Taniguchi Kawakamis zarte Liebesgeschichte um. Das Medium Comic erweist sich dabei als ideales Mittel, um das Transzendente und Unergr√ľndliche der Erz√§hlung zu transportieren. Die Stimmung der Figuren offenbart sich gleichnishaft im Zustand des Mondes oder im Lichtspiel der Bl√§tter eines Baumes. Scheinbare Allt√§glichkeiten wie das Gespr√§ch √ľber die richtige Garzeit einer Lotuswurzel gewinnen durch die tiefgr√ľndige Darstellung eine Eindringlichkeit, die die LeserInnen best√§ndig in Atem h√§lt ‚Äď st√§rker, als es manch actionreiche Handlung vermag. Taniguchi √ľbertr√§gt Kawakamis poetische Vorlage in eindr√ľckliche Bilder und erweist sich dabei einmal mehr als Meister des Atmosph√§rischen.

Der zweite Teil des Comic erscheint voraussichtlich im Juni 2011

Zu den AutorInnen:

Hiromi Kawakami
wurde 1958 in Tokio geboren Sie studierte Naturwissenschaften und unterrichtete Biologie, bevor 1994 ihr erster Roman erschien. Ihre B√ľcher wurden mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Der Himmel ist blau, die Erde ist wei√ü erhielt den renommierten Tanizaki-Preis und wurde verfilmt. In deutscher √úbersetzung liegen daneben ihr Roman "Herr Nakano und die Frauen" sowie die Erz√§hlung "Am Meer ist es w√§rmer" vor. Hiromi Kawakami z√§hlt aktuell zu den popul√§rsten SchriftstellerInnen Japans.
(Quelle: dtv-Verlagsinformation)

Jiro Taniguchi wurde 1947 in Tottori, Japan, geboren. Seine Karriere als Comic-Zeichner startete er in den 1970er Jahren. F√ľr seine Serie Botchan no Jidai Kara, einem Werk √ľber das intellektuelle Leben in Japan gegen Ende des 19. Jahrhunderts, wurde er 1998 mit dem Osamu-Tezuka-Culture-Award ausgezeichnet. Neben Genre-Arbeiten begann Taniguchi in den 1990-er Jahren mit der Erstellung von sehr pers√∂nlichen Schilderungen allt√§glicher anmutender Ereignisse. So entstand neben "Tr√§ume vom Gl√ľck", einer einf√ľhlsamen Schilderung vom Sterben eines Haustieres, die Kurzgeschichtensammlung "Der spazierende Mann". Es folgten "Die Sicht der Dinge" und der Band Vertraute Fremde, f√ľr den er auf dem internationalen Comicfestival in Angoul√™me 2003 als bester Szenarist ausgezeichnet wurde und der in Deutschland die Auszeichnung "Comic des Jahres 2007" sowie 2008 auf dem Comic-Salon Erlangen den Max-und-Moritz-Preis als "Bester Manga" erhielt. Jiro Taniguchi gilt heute weltweit als einer der renommiertesten Manga-Zeichner.
(Quelle: Carlsen Verlag)
Weitere Infos unter:www.jiro-taniguchi-fan.com


Hiromi Kawakami und Jiro Taniguchi
Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß, Band 1

Carlsen Verlag, erschienen Februar 2011
Klappbroschur, 208 Seiten
ISBN 978-3551754479
14,90 Euro
www.carlsen.de


Hiromi Kawakami
Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß

Eine Liebesgeschichte
Deutscher Taschenbuch Verlag, erschienen März 2010
Softcover, 186 Seiten
ISBN 978-3423138574
8,90 Euro
www.dtv.de

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Literatur Beitrag vom 10.03.2011 AVIVA-Redaktion 





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