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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 25.11.2008

Thomas Blubacher - Gibt es etwas Sch├Âneres als Sehnsucht - Die Geschwister Mendelssohn
Silvy Pommerenke

Hineingeboren in Wohlstand und Luxus, geh├Ârten Eleonora und Francesco zu den wohl ber├╝hmtesten und kreativsten Menschen der Weimarer Republik und vor allem "Cesco" ...



... so die Kurzform von Francesco, machte durch unz├Ąhlige Skandale von sich reden.

Der Autor Thomas Blubacher hat eine unendliche Flei├č- und Recherchearbeit mit dieser Doppelbiographie vorgelegt. Allerdings liegt darin auch das Problem dieses W├Ąlzers, denn Blubacher verliert sich h├Ąufig in unz├Ąhligen Nebens├Ątzen, um sein Wissen der LeserIn mitzuteilen. Das liest sich oftmals z├Ąh und verworren, beispielsweise wenn er schreibt, dass Herr A Frau B geheiratet hat, Frau B hingegen die Tochter von Herrn C und die Enkelin von Herrn D war und sp├Ątere Mutter von Frau E ist, die wiederum irgendwann mit Frau F eine Liaison eingehen wird. Dieses konzentrierte Namedropping findet sich auf fast jeder Seite, so dass das Entwirren des roten Fadens und Zuordnen in einen historischen Kontext oft ├╝ber dem eigentlichen Inhalt steht.

Denn bei allem geht es doch um das Geschwisterpaar Eleonora und Franz (Francesco) Mendelssohn, die die Ur-Ur-Ur-EnkelInnen von Moses Mendelssohn waren. Dieses Wissen war den beiden zwar pr├Ąsent, aber mit Philosophie oder Bankgesch├Ąften wollten sie nichts zu tun haben. Mehrsprachig und musisch erzogen, waren sie mit den Klassikern der Weltliteratur bestens vertraut und stellten ihr Leben in den Bereich der sch├Ânen K├╝nste. In gro├čangelegten Festen und Orgien strebten sie ein Leben in der Boh├Ęme an. W├Ąhrend Eleonora sich der Schauspielerei widmete, machte sich ihr Bruder Francesco in den 20er Jahren als erstklassiger Cellist einen Namen. Aber der finanzielle ├ťberfluss und vor allem die Drogeneskapaden sollten beiden letztendlich das Genick brechen. Auch in der Liebe schienen Bruder und Schwester nie ihr wahres Gl├╝ck zu finden. Cesco hatte unz├Ąhlige Affairen zu M├Ąnnern (unter anderem zu Gustaf Gr├╝ndgens oder Vladimir Horowitz, aber auch den einfachen Matrosen verschm├Ąhte er nicht) und trat im Berlin der Goldenen Zwanziger als exaltierter Dandy in Erscheinung. Seine Schwester hingegen war insgesamt viermal verheiratet und ihre Liebe zu Max Reinhardt und Arturo Toscanini trug krankhafte Z├╝ge.

Eleonora von Mendelssohn (1900-1951), heiratete das erste Mal mit 19, das vierte und letzte Mal mit 47 Jahren. In der Zeit dazwischen fing sie mit dem Schauspielstudium an, da ihr gro├čes Vorbild ihre Patentante, die ber├╝hmte Schauspielerin Eleonora Duse (nach der sie auch ihren Namen erhielt) war. 1924 hatte Eleonora von Mendelssohn ihr Debut am Wiener Theater und feierte etliche B├╝hnenerfolge weltweit, unter anderem an der Seite von Gustaf Gr├╝ndgens und Helene Thimig. Bereits Mitte der drei├čiger Jahre ging sie in die USA ins Exil, wo sie viele EmigrantInnen unterst├╝tzte und zur Flucht aus Europa verhalf. Allerdings brachte das Exil auch berufliche, finanzielle und gesundheitliche Schwierigkeiten mit sich. Bereits in Europa wurde sie morphiums├╝chtig, machte deswegen diverse erfolglose Entziehungskuren, litt h├Ąufig unter Depressionen und drohte bisweilen mit Selbstmord. 1951 wurde sie von ihrem Mitbewohner tot in der Wohnung aufgefunden. Die Obduktion ergab zwar keine Fremdeinwirkung, aber ob es sich tats├Ąchlich um einen Suizid gehandelt hat, konnte nicht endg├╝ltig gekl├Ąrt werden.

Franz (Francesco) von Mendelssohn (1901-1972) hatte die musikalische Gabe seines Urgro├čonkels Felix Mendelssohn Bartoldy (1809-1847) geerbt und galt in den 1920er Jahren als gro├čes Cello-Talent. Allerdings verbauten ihm sein ausschweifendes sexuelles Leben und seine Alkoholsucht die musikalische Karriere. Daraufhin wandte er sich ebenfalls dem Theater zu, allerdings als Regisseur, wof├╝r er anf├Ąnglich nur wenig Beifall bekam. Erst als er am Broadway Regie bei zwei Horv├íth-Urauff├╝hrungen und der Dreigroschenoper f├╝hrte, erhielt er beachtliche Kritiken. Aber auch hier sollte ihm seine Alkohol- und Sexsucht zum Verh├Ąngnis werden, die ihn mehrfach ins Gef├Ąngnis und in die Psychiatrie brachte. Nachdem vermutlich eine Lobotomie an ihm durchgef├╝hrt wurde, war er von seinem Wesen her v├Âllig ver├Ąndert, wodurch sich viele ehemalige FreundInnen von ihm abwandten. Etwa die letzten f├╝nfzehn Jahre seines Lebens verbrachte er bei einer alleinstehenden ├Ąlteren Dame, die sich seiner wie eines Sohnes annahm. Vom ehemaligen Dandy war nichts mehr zu sp├╝ren. 1972 starb Francesco an den Folgen einer Operation.

Diese beiden aufregenden aber auch tragischen Leben lassen sich dennoch viel k├╝rzer zusammenfassen, denn Elisabeth Berger ├Ąu├čerte sich zum Tod ihrer langj├Ąhrigen Freundin Eleonora: "Der sch├Ânste, edelste, vielbegabteste, vielgeliebteste, ungl├╝cklichste Mensch, dem ich je begegnet war. Die Freundin, die ich sehr geliebt hatte, und der ich nicht helfen konnte." Alice Bernoulli hingegen sagte nach dem Tod Francescos: "...die meisten seiner alten Freunde fanden ihn nach seiner g├Ąnzlichen Charakter-Ver├Ąnderung zu langweilig und lie├čen ihn fallen. Ein trauriges Ende. Aber welch ein Kapitel in unserem Leben!!"

Weiterlesen: "Das Leben der Annemarie Schwarzenbach" und "Erika und Klaus Mann"

Zum Autor: Der promovierte Theaterwissenschaftler Thomas Blubacher, 1967 in Basel geboren, ist als Regisseur f├╝r B├╝hnen in Deutschland, ├ľsterreich, der Schweiz und den USA t├Ątig. Er publizierte u.a. eine Monografie ├╝ber Gustaf Gr├╝ndgens, schrieb f├╝r Zeitungen wie den Aufbau und die S├╝ddeutsche Zeitung und war Autor mehrerer Radiofeatures. 2002 war er Writer-in-residence in der Villa Aurora in Pacific Palisades (USA). (Quelle: Verlagsinformationen)

AVIVA-Tipp: Der Theaterwissenschaftler Thomas Blubacher hat mit der Doppelbiographie ├╝ber Eleonora und Francesco von Mendelssohn zwei der wohl interessantesten Leben der Boh├Ęme des letzten Jahrhunderts nachgezeichnet. Dabei verliert er sich leider oftmals in unendlichen Details, die das Lesen h├Ąufig erschweren und die durchaus an vielen Stellen h├Ątten gek├╝rzt werden k├Ânnen. Auch ein Stammbaum der Familie Mendelssohn w├Ąre zum besseren Verst├Ąndnis w├╝nschenswert gewesen. Dennoch ist das Buch ÔÇô nicht nur f├╝r Theaterinteressierte ÔÇô eine absolut spannende und informative Lekt├╝re, die am Ende die LeserIn mit einem exorbitanten Wissenszuwachs belohnt.

Thomas Blubacher
Gibt es etwas Sch├Âneres als Sehnsucht?
Die Geschwister Eleonora und Francesco von Mendelssohn

Verlag: Henschel, August 2008
Gebunden, 448 Seiten
ca. 100 S/W-Abbildungen
ISBN: 978-3894876234
29,90 Euro

Weiteres zur Familie Mendelssohn auf AVIVA-Berlin:

"Fanny Hensel, geborene Mendelssohn - Musikerin der Romantik"
"Moses Mendelssohn"
"Fanny Hensel, geb. Mendelssohn - Komponistin - Dirigentin - Schwester"
"Die anderen Mendelssohns - Dorothea Schlegel, Arnold Mendelssohn"

Literatur Beitrag vom 25.11.2008 Silvy Pommerenke 





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