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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2018 - Beitrag vom 08.06.2011

Gisela Schirmer - Willi Sitte - Historienbild und Kunstpolitik in der DDR
Tatjana Zilg

Die Autorin erkundet, wie der Maler innerhalb der staatlich gesteuerten Kunstpolitik der DDR um Freiraum rang und, inspiriert von Picasso, ausdrucksstarke und eigenwillige Historienbilder schuf.



Bereits ab 1953 setzten die Kulturbehörden der DDR auf die Förderung der realistischen Historienmalerei, da man sich dadurch erhoffte, die kommunistische Ideologie in einen historischen Zusammenhang zu stellen und die ArbeiterInnen zu erziehen. Gleichzeitig wurden moderne Stilrichtungen als formalistisch abgelehnt und unterdrückt, da sie die Form über die Inhalte stellen und dadurch an direkter gesellschaftlicher Aussagekraft verlieren würden.
Die staatliche Lenkung der Kunstszene erfolgte durch die Aufstellung von Themenlisten in Verbindung mit einer stringenten Auftragsvergabe und dem Versuch, die AkteurInnen in historisch-ideologischer Weise als auch in ihrem künstlerischen Ausdruck zu beeinflussen. Diejenigen, die sich darauf vorbehaltlos einließen, verbleiben im Rückblick bedeutungslos.

Die Kunsthistorikerin Gisela Schirmer zeigt am Lebensweg und den wichtigsten Werken von Willi Sitte auf, wie es ihm gelang, seine historischen Sujets weitaus eigenwilliger zu interpretieren, so dass seine Bilder auch heute noch den BetrachterInnen unter die Haut gehen.
Dennoch war Willi Sitte kontinuierlich in die Kunstszene der DDR eingebunden und in ihr durchaus erfolgreich. An seiner Person und seinen WeggefährtInnen verfolgt Schirmer nach, wie es einem Teil der KünstlerInnen gelang, innerhalb des Systems allmählich mehr Freiheiten zu gewinnen.

Visuell gibt es viel zu entdecken

Im kunstgeschichtlichen Mittelpunkt steht nicht nur das aufrüttelnde Dreitafelbild "Lidice", sondern auch etliche weitere Werke von Willi Sitte. Die Autorin weist auf viele Eigenheiten hin, die die Betrachtung zu einer reichhaltigen Erfahrung machen. Auf 66 Seiten finden sich Abbildungen von Ausschnitten aus den großformatigen Werken, meisterhafte Seiten aus Sittes Skizzenbüchern und einige Gemälde aus seinem Frühwerk. Da einer seiner wesentlichen Einflüsse Picasso war, dessen Kubismus er zum Ärgernis der Staatsbehörden in seine eigenen Historienbilder einband, stellt Schirmer einige Werke Picassos denen Sittes gegenüber.

Grauen und Schrecken, eingefangen in einem verschwundenen Gemälde

Das Original des titelgebenden "Lidice" ist verschwunden, seit es 1962 am 20. Jahrestag des unter dem Kommando der Nazis verübten Massaker in dem tschechischen Ort Lidice als Geschenk an die dortige Gedenkstätte übergeben werden sollte. Voraus gingen Streitigkeiten zwischen der DDR-Kulturbehörde und Willi Sitte. Der Maler erhielt die Aufforderung, in Prag mit den dort zuständigen FunktionärInnen und ZeitzeugInnen des Massakers über sein Dreitafelbild zu diskutieren. Dadurch sollte er dazu bewegt werden, es wesentlich zu überarbeiten. In einem Brief von Alfred Kurella, dem damaligen Leiter der Kommission für Fragen der Kultur beim Politbüro, wird deutlich, welche Denkweisen der gesteuerten Kunstpolitik zugrunde lagen, etwa die Behauptung, dass die starken Einflüsse des Kubismus zu einer Entstellung des Menschenbildes führen würden. Schirmer zeigt die Engstirnigkeit dessen auf, indem sie die künstlerische Entwicklung Sittes untersucht und seine Motive in ihrer Vielschichtigkeit erläutert.
Zugleich geht sie der Frage nach, ob die Weiterentwicklung Sittes, der sich später mehr dem Realismus zuwandte, als Anpassung an das DDR-Regime zu sehen ist oder seinem individuellen Weg auf der Suche nach dem eigenen künstlerischen Ausdruck entspricht.

AVIVA-Tipp: Das Wechselverhältnis von Kunst und Politik wird eindringlich erfahrbar. Gleichzeitig lässt die Autorin den LeserInnen offen, sich eine eigene Meinung zu der Positionierung Sittes zu bilden, dem nach dem Mauerfall von mancher Seite vorgeworfen wurde, mit den Obrigkeiten kollaboriert zu haben. Die Kraft seiner Bilder wirkt über den zeitgeschichtlichen Kontext hinaus. Auf erschütternde Weise fangen sie die Grausamkeit des Krieges ein und sind künstlerisch eindrucksvoll umgesetzt.

Zur Autorin: Die Kunsthistorikerin Gisela Schirmer veröffentlichte bereits "DDR und documenta. Kunst im deutsch-deutschen Widerspruch", "Käthe Kollwitz und die Kunst ihrer Zeit. Positionen zur Geburtenpolitik", "Kunst gegen Krieg und Faschismus. 37 Werkmonografien" (Herausgegeben gemeinsam mit Gabriele Saure) und "Willi Sitte. Farben und Folgen".

Gisela Schirmer
Willi Sitte - Lidice. Historienbild und Kunstpolitik in der DDR

157 Seiten, gebunden, Format 17 x 24 cm
22 Farb- und 82 SW-Abbildungen
Dietrich Reimer Verlag, Berlin, erschienen Mai 2011
ISBN 978-3-496-01439-3
19,95 Euro

Weitere Infos unter: www.reimer-mann-verlag.de



Literatur Beitrag vom 08.06.2011 AVIVA-Redaktion 





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