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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 12.04.2004

J├╝disches St├Ądtebild Berlin
Anne Winkel

Gert Mattenklott stellt literarische Zeugnisse aus zweieinhalb Jahrhunderten j├╝dischen Lebens in Berlin zusammen. Mit Texten von K. Tucholsky, den Mendelssohns, Else Lasker-Sch├╝ler,...



Der Band "J├╝disches St├Ądtebild Berlin" erz├Ąhlt sowohl von Ausgrenzung als auch von Integration der Juden in Deutschland. Facettenreich wird dem Berliner (Kultur)Leben an Hand von kunstschaffenden und -f├Ârdernden (j├╝dischen) ZeitzeugInnen nachgesp├╝rt - von den Anf├Ąngen im 13. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert. Die literarischen Zeugnisse stammen ausschlie├člich aus den letzten Jahren des 18., aus dem 19. und dem 20. Jahrhundert. Der Akzent liegt dabei nicht auf einem Plus an j├╝dischem Leben. Berliner Leben und j├╝disches Leben sind nicht voneinander getrennt zu betrachten.

Geschildert werden architektonische Erscheinungen, wie bestimmte Viertel, Stra├čen und H├Ąuserfassaden, sowie Wohnungseinrichtungen und Personenphysiognomien. Dabei werden Geb├Ąude oder R├Ąume h├Ąufig in Beziehung ihren BewohnerInnen gesehen. Beispielsweise hat das Geburtshaus von Kurt Tucholsky eine "heimliche denkmalhafte Erscheinungsweise", so G├╝nter Kunert. Auch Alfred D├Âblin verbindet die karge Umgebung des Alexanderplatzes mit den Menschen, die sich dort aufhalten.

Leider beginnt die Textsammlung etwas ungl├╝cklich. Eine Einf├╝hrung von Inka Bertz in die Geschichte der Berliner Juden gibt zun├Ąchst einen kurzen ├ťberblick zur seit dem 13. Jahrhundert vorzufindenden Ausgrenzung j├╝discher Mitb├╝rgerInnen. Die anschlie├čenden Passagen Mattenklotts zur Familie Mendelssohn und die folgenden Briefe von Moses und Fromet Mendelssohn sind ohne Vorkenntnisse zum Leben dieser berlinisch-j├╝dischen Familie nicht nachvollziehbar. So stellt sich zu Beginn der Sammlung eine gewisse Frustration und Langeweile ein.

H├Ąlt man den ersten inneren Widerst├Ąnden aber stand, wird man sp├Ątestens mit den Beschreibungen Karoline Bauers ├╝ber den literarischen Salon Rahel von Varnhagens f├╝r die anf├Ąnglichen Verst├Ąndnisschwierigkeiten entsch├Ądigt und f├╝r die konsequente Lekt├╝re belohnt. Mit dem Ausschnitt aus Bauers "Aus meinem B├╝hnenleben" beginnt eine lebhafte Schilderung j├╝discher und nichtj├╝discher Berliner Gesellschaft. Die Theaterschauspielerin war gern empfangener Gast und eine gro├če Bewunderin Rahel von Varnhagens. Karoline Bauer beschreibt die geistreichen Gespr├Ąche, das Wohnungsinventar und die ├Ąu├čere Erscheinung der bekannten Berliner Saloni├Ęre von Varnhagen. Rahel sei "unstreitig eine der interessantesten, geistreichsten und originellsten Frauen jener verschollenen Literatur- und Kulturperiode briefseliger und teetisch├Ąsthetischer Geistreichigkeit". Von Varnhagens ├äu├čerungen vergleicht Bauer mit einem "k├Âniglichen Feuerwerk" voller "Geistesfunken".
Karoline Bauers Bewunderung f├╝r die "Originalit├Ąt" und den "Enthusiasmus" Rahel von Varnhagens wirkt ehrlich und mitrei├čend. Sofort wird die in Mattenklotts Vorbemerkungen eher statische Figur der Salonbetreiberin plastisch. Herr von Varnhagen dagegen wirkt zwar nicht weniger menschlich, jedoch umso unsympathischer - steif und st├Ârend in der von K├╝nsten gepr├Ągten Konversation. "Wenn wir nur die unschmackhafte Milchsuppe von Mann nicht mit in den Kauf nehmen m├╝├čten", schreibt Karoline in erfrischend schonungslosem Ton ├╝ber Herrn von Varnhagen.

Traurig und komisch zugleich sind die Kindheitserinnerungen des Victor Klemperer. Von der "T├Âpfchenaff├Ąre" auf dem Weg nach Berlin ├╝ber das "p├Ądagogische Mittagessen" bis hin zum "orthop├Ądischen Galgen" (zur Streckung der R├╝ckenmuskulatur) sind seine jugendlichen Leiden mit einer ordentlichen Portion von Ironie aufbereitet. Jeden Samstag musste der junge Klemperer mit seinem Onkel Georg zu Mittag essen, was f├╝r ihn "eine Kette von Folterqualen" darstellte. Erst wurden H├Ąnde, N├Ągel und Z├Ąhne des Jungen vom Dienstm├Ądchen peinlich-genau auf ihre Sauberkeit hin untersucht. Anschlie├čend stellte der Onkel "harmlose Fragen", wobei die Antworten des kleinen Victor sorgf├Ąltig auf einen hochdeutschen Ausdruck getrimmt wurden. Keinesfalls durfte sich ein jargonhaftes oder j├╝disches Wort unter die Rede mischen.

Auch Ludwig Pietschs spitze Bemerkung zu einer Bewunderin Ferdinand Lassalles l├Ądt zum Schmunzeln ein: Ludmilla Assing (Inhaberin eines Salons in der Mauerstra├če) sei zwar eine "geistvolle und hochgebildete, aber ebenso reizarme Dame". Peinlich ber├╝hrt ist Pietsch von Assings "phantastischen Toiletten-Extravaganzen", die einzig dem Gefallen des angehimmelten Lassalles dienen sollen.

Die Vermischung von j├╝dischen und christlichen Traditionen mit zum Teil paradoxen Auswirkungen bildet einen inhaltlichen Themenschwerpunkt. So wird in Gershom Scholems Familie einerseits ein Weihnachtsbaum aufgestellt und festlich geschm├╝ckt, andererseits aber beim streng-orthodoxen Onkel Chanukka gefeiert.
Beachtung findet auch die Unterscheidung von Ostjuden und spanischen Juden mit einer klischeebehafteten Charakterisierung. Ostjuden sind nach Nell Walden "besonders intelligent, sch├Âpferisch und k├Ąmpferisch, (...) im Unterschied etwa zu den spanischen Juden, die zwar verfeinert im Umgang, daf├╝r aber mit der M├╝digkeit einer alten Rasse behaftet sind".

Gedichte von Paul Celan, Heinrich Heine (Deutschland in Hass-Liebe verbunden), Theobald Tiger (alias Kurt Tucholsky), sowie mehrere Kurzgeschichten von Tucholsky ├╝ber den schnoddrigen Berliner Herr Wendriner komplettieren die Textsammlung.

Immer wieder stellt sich die Frage nach dem j├╝dischen Selbstbild. F├╝hlt man sich als Jude oder als Deutscher? Kann man nicht einfach beides sein? Muss man entweder mehr deutsch oder mehr j├╝disch sein, um seine Identit├Ąt zu finden?

Der Band zum "J├╝dischen Leben Berlin" ist gespickt mit Schwarz-Wei├č-Fotografien von Stra├čenecken/-schildern, H├Ąuserzeilen, Hinterh├Âfen und Erinnerungsst├Ątten. Leider fehlen hier die Jahreszahlen der Aufnahmen und nicht selten ein nicht nur ├╝bergeordneter inhaltlicher Bezug zu den literarischen Zeugnissen.
Anzumerken ist, dass ein Glossar mit einer Zeitleiste und Kurzbiographien hilfreich gewesen w├Ąre. Das Werk und die Lebensgeschichte vieler Personen werden vorausgesetzt. Die Tucholsky-Synonyme "Peter Panther", "Kaspar Hauser" und "Theobald Tiger" h├Ątte man statt in der Bibliographie schon unmittelbar vor den entsprechenden Texten aufkl├Ąren k├Ânnen.

AVIVA-Tipp: In Mattenklotts Zusammenstellung von Erz├Ąhlungen, Episoden und Gedichten stellt sich immer wieder die Frage nach dem j├╝dischen Selbstbild. F├╝hlen sich j├╝dische Deutsche st├Ąrker ihrer Religion oder ihrem Land zugeh├Ârig? Kann man in einem christlich dominierten Land keine andere Religion ausleben, ohne von der Gesellschaft versto├čen zu werden? Muss man entweder mehr deutsch oder mehr j├╝disch sein, um seine Identit├Ąt zu finden? Dieser traurige Unterton mischt sich in die teils sehr heiteren Anekdoten des Buches - vergleichbar mit dem Klezmer, "ein schmerzliches Lied, das unter Tr├Ąnen l├Ąchelt" (Joseph Roth).




J├╝disches St├Ądtebild Berlin
Gert Mattenklott (Hg.)
J├╝discher Verlag im Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M., 1997
365 Seiten
ISBN 363354140-3
24,80 Euro200346981675"


Literatur Beitrag vom 12.04.2004 AVIVA-Redaktion 





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