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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 24.05.2004

Quasi una Fantasia von Astrid Schmeda
Sabine Grunwald

Eine Italienreise mit Fanny Mendelssohn. Das Schicksal einer K├╝nstlerin, die sich erst gegen Ende ihres kurzen Lebens gegen die Konventionen wandte und mit ihrem Talent an die ├ľffentlichkeit trat



Fanny erhielt wie ihre Geschwister eine gute Ausbildung. Doch sollte sie ihre Talente nur im h├Ąuslichen Rahmen entfalten. Ihr Vater Abraham Mendelssohn schrieb 1820 an die 14j├Ąhrige: "Die Musik wird f├╝r Deinen Bruder Felix vielleicht zum Beruf, w├Ąhrend sie f├╝r Dich stets nur Zierde, niemals Grundbasis Deines Seins und Thuns werden kann und soll..."

Das Schicksal, sein Talent nicht entfalten zu k├Ânnen und kaum ├Âffentliche Anerkennung zu erfahren, teilte die Schwester des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy mit vielen K├╝nstlerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts.
Fanny ergab sich beinahe darin, ihre Ambitionen zugunsten ihrer Rolle als gehorsame Tochter und Schwester zur├╝ckzustellen. Eine Frau aus der Familie, die ausscherte und ihren eigenen Weg ging, war Dorothea Schlegel, Fannys Tante. Sie verlie├č ihren Mann, lebte in wilder Ehe und einer Wohngemeinschaft. Dorothea schrieb Romane und machte ├ťbersetzungen. Ihre Eigenst├Ąndigkeit bezahlte sie mit dem Ausschluss aus der Familie und der Missachtung durch Freunde.
1839 unternahm Fanny mit ihrem Ehemann Wilhelm, einem Maler, und dem 9j├Ąhrigen Sohn Sebastian, die lang ersehnte Reise nach Italien.
In Rom, fern von der Familie, konnte sich die gutb├╝rgerliche Bankierstochter emanzipieren. Umgeben von einem Kreis junger K├╝nstlerInnen lebte sie auf und erreichte ihre sch├Âpferische Hochzeit. Hier schrieb sie ein ausf├╝hrliches Tagebuch und komponierte die Klavierst├╝ckesammlung "Das Jahr". Getragen von der Verehrung des jungen franz├Âsischen K├╝nstlers Gounod und anderer guter Freunde, wird Rom f├╝r sie zu einem Quell der Inspiration und Lebensfreude. Sie genie├čt die wundersch├Âne Natur, die Kunstsch├Ątze und das freie, sorglose Leben fern von Berlin.
1846, sechs Jahre nach Rom, wagt sie es sich ├╝ber das Verbot von Vater und Bruder hinwegzusetzen und zu ver├Âffentlichen. Die Kritiken zu den ersten Ver├Âffentlichungen fallen aus wie erwartet. Sie werfen ihr vor eine Frau zu sein. Entweder ist eine Frau "zu sentimental" oder ihr "fehlt die Tiefe". Weil aber Sentimentalit├Ąt ihr derma├čen zuwider ist, dass dies sogar den Kritikern auff├Ąllt, fehlt es ihr, bei allem Lob f├╝rs handwerkliche K├Ânnen, an der Tiefe der Empfindung.

Lange kann Fanny den sp├Ąten Erfolg nicht genie├čen. Mit einundvierzig Jahren stirbt sie an einem Schlaganfall. Wenig sp├Ąter ereilt ihr j├╝ngerer Bruder Felix das gleiche Schicksal.
Fannys Musik bleibt ├╝ber ein Jahrhundert vergessen, galt sie doch "nur" als die Musik einer Frau. Weiter wurde ihr der gleiche Makel wie ihrem Bruder angeheftet. Der Antisemitismus nahm zu und hatte wortgewandte Vertreter. 1850 erschien ein anonymes Pamphlet, "Das Judentum in der Musik". Darin hei├čt es, dass die Juden die deutsche Musik ruinieren, j├╝dische Musik m├╝sse einem Deutschen fremdartig, kalt, sonderlich gleichg├╝ltig, unnat├╝rlich und verdreht erscheinen. Daf├╝r stehe namentlich ein j├╝discher Musiker, Felix Mendelssohn-Bartholdy.
Der Verfasser gibt sich 18 Jahre sp├Ąter zu erkennen, es ist kein anderer als Richard Wagner.

Entdeckt werden die Aufzeichnungen der K├╝nstlerin von der Klavierlehrerin Selma, der zweiten Heldin des Romans. W├Ąhrend sie die 12 Charakterst├╝cke f├╝r das Fortepiano ein├╝bt, erinnert sie sich an ihre Kindheit. Den harten Weg ihrer eigenen k├╝nstlerischen Emanzipation, gegen den Willen des Vaters.

Fanny Mendelssohn-Hensel (1805-1847), Schwester Felix Mendelssohn Bartholdys und Enkelin Moses Mendelssohns, begabte Pianistin und Komponistin. Erst gegen Ende ihres kurzen Lebens trat sie mit ihrem Talent an die ├ľffentlichkeit, publizierte eigene St├╝cke und gab Konzerte.

Die Autorin:
Astrid Schmeda, geboren 1950 in Aurich/Ostfriesland, studierte P├Ądagogik, Soziologie und Psychologie. Seit 1982 ver├Âffentlicht sie Romane und Erz├Ąhlungen. Neben ihrer schriftstellerischen Arbeit leitet sie in S├╝dfrankreich zusammen mit ihrem Mann das Zentrum Culture & Contact. In der Edition Nautilus erschien 1994 ihr Roman "Ein leidenschaftliches Interesse am wirklichen Leben ├╝ber die Anarchistin Clara Thalmann".

AVIVA-Tipp: Eine Hommage an Italien, die Kunst und an zwei Frauen, die sich mit pers├Ânlicher Disziplin und Phantasie ├╝ber Konventionen hinwegsetzten.




Astrid Schmeda
Quasi una Fantasia - eine Reise mit Fanny Mendelssohn

Edition Nautilus, 2002
ISBN 3-89401-402-4
Sonderausgabe mit CD
Fanny Mendelssohn-Hensel, Klavierwerke, Das Jahr
eingespielt von Liana Serbescu
25,90 Euro200954428375"


Literatur Beitrag vom 24.05.2004 Sabine Grunwald 





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