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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 07.04.2005

Geschichte meines Lebens
Sarah Ross

Aharon Appelfeld schildert die Erinnerungen eines j├╝dischen Jungen, dessen beh├╝tete Kindheit mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges abrupt endet. Er zeichnet ein ber├╝hrendes Bild seines Lebens nach.



"Manchmal gen├╝gt der Geruch von gammeligem Stroh oder ein Vogelschrei, um mich weit weg und tief in mich hinein zu schleudern". So beschreibt Appelfeld in seinem j├╝ngsten Roman die pl├Âtzlichen Ereignisse, die jederzeit die verborgenen Erinnerungen an seine fr├╝he Kindheit wachrufen k├Ânnen - denn der "Krieg [sitzt] in allen Gliedern".
Die Erinnerungen und Erfahrungen des kleinen, j├╝dischen Jungen an seine beh├╝tete Kindheit und seine assimilierten Eltern in Czernowitz und schlie├člich an den Holocaust, sind geb├╝ndelte Aspekte von Appelfelds Leben. Er erz├Ąhlt sie so, wie das Leben sie in sein Ged├Ąchtnis eingebrannt hat, n├Ąmlich fl├╝chtig und selektiv.
Sein Leben beschreibt er aus der Perspektive des kleinen Jungen, der er einmal war: Somit verzichtet er auf Zahlen, Fakten, tats├Ąchliche Namen und stringente Zusammenh├Ąnge, da Kinder sich diese nicht merken. Die "Geschichte meines Lebens" ist keine Autobiographie im ├╝blichen Sinne, sondern eine bewegende Reflexion und Zusammenfassung von Fragmenten seiner Erinnerungen an den Holocaust und die Nachkriegsjahre in Israel.

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ist der in Czernowitz geborene Schriftsteller, Aharon Appelfeld, sieben Jahre alt, als seine Kinderwelt zusammenbricht. Diese rekonstruiert er mittels der Figur des kleinen Jungen Erwins: Die Todesschreie seiner Mutter, als Deutsche und Rum├Ąnen sie ermordeten, begleiteten ihn sein Leben lang, ebenso wie die Erfahrungen, die er auf seiner Flucht sammelte. Nach dem Aufenthalt im Ghetto und einem Todesmarsch durch die Steppen der Ukraine trifft er im ukrainischen Lager ein und wird von seinem Vater getrennt. Hier beginnt Erwins pers├Ânliche Odyssee: Ihm gelingt die Flucht aus Auschwitz in die W├Ąlder, wo er sich alleine, von Tieren umgeben, versteckt. Ein Baum mit roten ├äpfeln soll sich dem hungernden Kind unausl├Âschlich einpr├Ągen. Der gejagte, elternlose Junge findet bei einer Dorfhure Arbeit und ger├Ąt in Durchgangslagern in die F├Ąnge von Gauklern, Schmugglern und Dieben, bis er schlie├člich die Gesichter seiner Eltern und sein Zuhause fast vergessen hat.

1946 kommt der Holocaust-Waise ├╝ber Italien mit einem Schiff nach Israel, erlebt dort die Staatsgr├╝ndung und die Aufbauphase: "Er kommt allein und ohne Sprache, ein vierzehnj├Ąhriger Junge der alles verloren hat und von vorn beginnen muss", so der Verlag. Doch im j├╝dischen Pionierstaat waren die Erinnerungen, die Appelfeld in sich trug, unerw├╝nscht. Daher war Pal├Ąstina auch kein Ort, an dem das Erlebte verarbeitet und reflektiert werden konnte, was schlie├člich das Vergessen zur Folge hatte. Auch wenn der Autor denkt, dass es Quellen gibt, die tiefer liegen als die Sprache, so dreht sich seine Lebensgeschichte letztendlich doch um diese:
Um die deutsche Muttersprache, um Jiddisch als ein Relikt aus der Vergangenheit, und um das Hebr├Ąische, der Sprache der Zukunft und es Fortbestands.

AVIVA-Tipp: Die "Geschichte meines Lebens" ist eine Geschichte vom Verlust der Heimat und der Sprache, von der Angst, dem Misstrauen, dem Fremden und einem inneren Widerstand sich mitzuteilen. Auch wenn sich diese Erinnerungen lesen, als h├Ątte sie ein anderer erlebt, stellen sie ein unmi├čverst├Ąndliches und n├╝chternes Zeugnis der Shoah und ihrer Auswirkungen dar. Den Kampf zwischen Erinnerung und Vergessen, Reden und Schweigen ├╝bermittelt der Autor in diesem klugen und poetischen Buch.

├ťber den Autor: 1932 wurde Aharon Appelfeld im ehemals rum├Ąnischen Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, geboren. Nach sechs Jahren Verfolgung und Krieg, die er im Ghetto, im Lager, dann in den ukrainischen W├Ąldern und schlie├člich als K├╝chenjunge bei der Roten Armee ├╝berlebte, kam er nach Israel. Seine Romane sind international hochgelobt und wurden in zahlreiche Sprachen ├╝bersetzt. Der in Jerusalem lebende Autor wurde auch mit dem National Jewish Book Award ausgezeichnet.

Jetzt als Taschenbuch im Rowohlt Verlag erschienen
Aharon Appelfeld: Geschichte eines Lebens
Originaltitel: sippur chajim

rororo Taschenb├╝cher
├ťbersetzt von Anne Birkenhauer.
Rowohlt Taschenbuch Verlag, erschienen 1. Juli 2006
ISBN: 3499242478
EAN: 9783499242472
Libri: 8474583
Kartoniert, 201 Seiten
8,90 Euro90008115&artiId=5178400&nav=5081"


Aharon Appelfeld
Geschichte meines Lebens

Ins Deutsche ├╝bersetzt von Anne Birkenhauer
Rowohlt Berlin, Januar 2005
208 Seiten, gebunden
ISBN 3-87134-508-3
17,90 Euro90008115&artiId=2834751"


Literatur Beitrag vom 07.04.2005 Sarah Ross 





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