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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 13.07.2005

Die Frauen von Ravensbr├╝ck. Loretta Walz
Hilke B├Âlts

Und dann kommst Du dahin an einem sch├Ânen Sommertag. Konzentrationslager aus weiblicher Sicht - europ├Ąische Frauen berichten aus Ravensbr├╝ck



Diese Frage stellten ├ťberlebende von Konzentrationslagern des Naziregimes j├╝ngst auf einem Kongress in Potsdam ("Perspektiven antifaschistischen Gedenkens", Potsdam 17.-19. Juni). Sie waren dort mit j├╝ngeren AktivistInnen aus der Gedenkst├Ąttenarbeit, aus antifaschistischen Gruppen und aus Lagergemeinschaften zusammen gekommen, um ├╝ber die Perspektiven antifaschistischer Erinnerungsarbeit zu debattieren. War und ist die politische Arbeit von ├ťberlebenden immer auf die pers├Ânlichen Erfahrungen mit der Vernichtungsmaschinerie der Nazis bezogen, muss die j├╝ngere Generation aus Erz├Ąhlungen und historischer Forschung sch├Âpfen, um eine Mahn- und Gedenkpraxis fortsetzen zu k├Ânnen? Die Hauptfrage des Kongresses:
Wer ist nach dem Tod von ├ťberlebenden wie legitimiert, um deren Arbeit weiter zu f├╝hren?

Ungeachtet dieser schwierigen Debatte steht au├čer Frage, dass nur noch wenig Zeit bleibt, um die direkten Erfahrungen zu h├Âren, aufzuzeichnen und zu dokumentieren. Eine Frau, die sich dieser Arbeit verschrieben hat, ist Loretta Walz. Seit 1980 hat die Berliner Filmemacherin - dem Konzept der oral history folgend - lebensgeschichtliche Videointerviews mit Frauen gef├╝hrt, die in den Konzentrationslagern Mohringen, Lichtenburg und Ravensbr├╝ck sowie im Jugendschutzlager Uckermark inhaftiert waren. In 25 Jahren ist eine Sammlung von inzwischen etwa 200 Gespr├Ąchen entstanden, die in Filmen, Brosch├╝ren und B├╝chern publiziert wurden. F├╝r ihr Buch "Wie kann die Zukunft des Erinnerns aussehen" hat Loretta Walz 35 Interviews mit ehemaligen Ravensbr├╝ckerinnen ausgew├Ąhlt, die sie in verschiedenen Phasen ihrer 25j├Ąhrigen Arbeit gef├╝hrt hat.

Die Auswahl spiegelt deutlich den Wandel von historischen Bedingungen wieder, unter denen die Interviews entstanden sind. Zun├Ąchst richtete sich der Blick auf westdeutsche, sp├Ąter auf westeurop├Ąische ├ťberlebende. Damals waren es vor allem diejenigen, die in den politischen Verfolgtenverb├Ąnden organisiert waren, die sich zu Interviews bereit zeigten. Mit der Wende ver├Ąnderte sich der Blickwinkel. Verst├Ąrkt wurden J├╝dinnen, Zeuginnen Jehovas oder schwarzwinklige (sogenannte "asoziale") H├Ąftlinge interviewt, Frauen, die in der politischen ├ľffentlichkeit bis dahin kaum zu Wort gekommen waren und ganz neue Perspektiven in die Aufarbeitung der Lagergeschichte brachten. Sp├Ątestens seit Mitte der 90er Jahre ├Ąnderte sich der Focus erneut. Als zunehmend H├Ąftlinge aus Osteuropa Kontakt zur Gedenkst├Ątte in Ravensbr├╝ck aufnahmen, entstand f├╝r Loretta Walz die M├Âglichkeit, auch mit diesen Frauen Interviews zu machen.

Somit ist ein vielschichtiges Buch entstanden. Die befragten Frauen haben den Lageralltag, je nach Herkunft, Zeitpunkt und Grund ihrer Inhaftierung, auf sehr unterschiedliche, oft auch widerspr├╝chliche Weise erlebt. So berichten einige Interviewpartnerinnen von der grenzenlosen Solidarit├Ąt, die es unter den Gefangenen gegeben habe, andere wiederum erinnern sich bis heute ausschlie├člich und unter gro├čen Schmerzen an den Verlust jeglicher Mitmenschlichkeit unter den H├Ąftlingen. Unter den Funktionsh├Ąftlingen gab es Frauen, die zeitweise den Eindruck hatten, im zivilen Leben zu stehen, w├Ąhrend etwa Frauen, die zu Au├čenarbeiten geschickt wurden, nur von Hunger, Krankheit und Gewalt zu berichten wissen. Keine der Frauen hingegen, und das eint sie, konnte nach der Befreiung die Zeit im Konzentrationslager vergessen. Jeder weitere Lebensweg wurde davon gepr├Ągt, bis in die Kinder- und Enkelgeneration hinein wurde das Leiden, auf unterschiedlichste Weise, weiter gegeben.

Bedr├╝ckend in dieser Hinsicht ist etwa die Geschichte der Tschechin Hanka Houskova, die 1942 nach zwanzigmonatiger Haft nach Ravensbr├╝ck deportiert worden ist. Houskova, befreundet mit Milena Jesenska, hat das Lager ├╝berlebt und ist anschlie├čend in ihre Heimat zur├╝ckgekehrt, um am Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft teilzuhaben. 1968 war das Projekt in ihren Augen gescheitert, als Anh├Ąngerin von Dubcek wurde sie erneut verfolgt. Genossinnen aus der Lagergemeinschaft Ravensbr├╝ck distanzierten sich von ihr, schlie├člich wurde sie offiziell ausgeschlossen. "Und das, obwohl man, so betonte Hanka Houskova immer wieder, in der Lagergemeinschaft nicht durch Eintritt, sondern durch die gemeinsam erlebte Geschichte Mitglied wird." (S. 193) F├╝r Hanka ein bitterer Einschnitt in ihrem Leben, erst 1994 erlangte ihre Biografie f├╝r die Geschichte des Lagers Ravensbr├╝ck wieder von Bedeutung, als in der Mahn- und Gedenkst├Ątte Ravensbr├╝ck neue Ausstellungen erarbeitet wurden.

Dem Buch von Loretta Walz ist anzumerken, mit welchem Engagement und Mitgef├╝hl sich die Autorin ihren Interviewpartnerinnen gen├Ąhert hat. Immer wieder beeindruckend ist die Offenheit, mit der die Frauen von ihren Erfahrungen und ihrem Leben berichten. Scheinbar ist es gelungen, ihnen - wenn m├Âglicherweise auch mit einiger Anlaufzeit - eine Atmosph├Ąre zu bieten, in der sie sich sicher genug f├╝hlten, ihre Erlebnisse und Gef├╝hle preis zu geben. Loretta Walz gibt sich aber nicht nur mit dem Erz├Ąhlten zufrieden. Sie bettet die Geschichten in biografische Daten der Frauen ein, interpretiert und versucht, Leerstellen zu deuten. "Erst beim Abtippen dieses Gespr├Ąchs wurde ich auf den erw├Ąhnten Alkohol aufmerksam. Ich fragte nach, und Maria Zeh erz├Ąhlte, dass die J├╝dinnen sich bet├Ąuben wollten, bevor sie zur Vergasung geschickt wurden. Deshalb habe sie den Alkohol aus der Lagerapotheke gestohlen.... Tausende J├╝dinnen wurden vergast - und Maria Zeh hatte ein schlechtes Gewissen, geklaut zu haben?" (S. 36) Somit f├╝gen sich wie in einem Puzzle Einzelteile zusammen, die Aufschluss ├╝ber das Leben und Sterben im Lageralltag und die Fortsetzung der Erinnerungen nach Kriegsende geben.

AVIVA-Tipp: B├╝cher wie dieses k├Ânnten zuk├╝nftig Bausteine sein in der Gedenk- und Mahnarbeit an die Verfolgungen durch das Naziregime. Durch die Dokumentation der Erinnerungen von ├ťberlebenden kann die Fortsetzung ihrer Erz├Ąhlungen gew├Ąhrleistet sein, durch die Deutung erweitern sich Erkenntnisse und Wissen ├╝ber die von den Nazis angewandten Strategien des Schreckens und des Terrors. Zu kl├Ąren bleibt dabei, in welcher Art und Weise Originaldokumente wie etwa die Interviews von Loretta Walz einer breiten ├ľffentlichkeit zur Verf├╝gung gestellt werden und nach welchen Grunds├Ątzen sie bearbeitet werden k├Ânnen und sollen. Diese Aufgabe stellt sich nicht mehr den ├ťberlebenden, sie obliegt der Verantwortung der j├╝ngeren Generationen.


Loretta Walz
Und dann kommst Du dahin an einem sch├Ânen Sommertag

Die Frauen von Ravensbr├╝ck
Antje Kunstmann Verlag, erschienen M├Ąrz 2005
ISBN/EAN 3-88897-388-0
24,90 Euro
430 Seiten, Gebunden, mit Abbildungen200730824875"


Literatur Beitrag vom 13.07.2005 AVIVA-Redaktion 





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