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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 07.11.2005

Das Kairohaus – Samia Serageldin
Tatjana Zilg

Eine Frau kehrt nach einem Jahrzehnt Exil aus den USA in die Ă€gyptische Heimat zurĂŒck, um ihren zurĂŒckgelassenen Sohn wiederzugewinnen. Giha Seif-el-Islam entstammt einer Familiendynastie, die...



... vor den politischen UmbrĂŒchen in Ägypten eine hohe Machtposition innehatte. Ihr Urgroßvater Seif-el-Islam Pasha war mit seinem Clan von der Heimat am Nildelta nach Kairo gezogen. Von einer Italienreise brachte er einen Architekten mit, der fĂŒr ihn eine reprĂ€sentative Villa am Rande von Kairo errichtete. Die Familie nannte sie "Das Kairohaus". Pashas Sohn erhielt einen Sitz im Parlament, sein erster Enkel wurde Vorsitzender der mĂ€chtigsten politischen Partei im Land und Premierminister unter König Faruk. Doch diese Karriere endete 1952 mit der Revolution. Die Monarchie wurde abgeschafft und Oberst Gamal Abd-el Nasser, der spĂ€ter den Ă€gyptischen Sozialismus einfĂŒhren wird, ergriff das PrĂ€sidentenamt. Dem entlassenen Premierminister bleiben Wohlstand und Einfluss zunĂ€chst erhalten. Er verwaltet und bewohnt die große Villa, welche ihm und seinen acht Geschwistern gemeinsam als Erbe zuteil geworden war. Sein jĂŒngster Bruder Shamel ist Gihans Vater.

Giha, von allen in der Kurzform liebevoll Gigi genannt, wĂ€chst auf in der WidersprĂŒchlichkeit, als Mitglied einer der angesehensten Familien zugleich fĂŒr diesen Umstand diskreditiert zu werden. Den Eltern ist es möglich, in der Villa zu bleiben und der Tochter die Geborgenheit eines behĂŒteten Umfeldes zu geben. Zeitweise muss der Vater jedoch in ein Internierungslager, was ihn allmĂ€hlich psychisch zerbrechen lĂ€sst. Gigi leidet daran, zu sehen, wie er sich verĂ€ndert und fĂŒhlt sich hilflos ausgeliefert gegenĂŒber der Diskriminierung durch das sozialistische Regime. In der Schule wird der Stand der reichen Landbesitzer im Lehrmaterial als "Volksfeind" dargestellt. Dennoch wĂ€chst sie fĂŒrsorglich umsorgt von den Eltern und unter Betreuung einer französischen Gouvernante ohne grĂ¶ĂŸere finanzielle Nöte und mit einer sehr guten Schulbildung auf. Sie nimmt ein Studium der Literaturwissenschaften auf und steckt viel Energie und Fleiß hinein. Zu ihrer Überraschung teilen ihr die Eltern nach dem achtzehnten Geburtstag mit, dass sie ihr dazu raten, einen Heiratsantrag von Yussef Zeitouni, dem Sohn eines einflussreichen Kairoer GeschĂ€ftsmanns, anzunehmen. Es handelt sich um eine arrangierte Heirat. Gigi kannte den jungen Mann zuvor nicht. Eine Tante sprach mit der Familie Zeitouni, um die Verbindung anzuregen. Obwohl die Eltern ihr die endgĂŒltige Entscheidung ĂŒberlassen, willigt sie nach einigen kurzen Begegnungen mit dem kĂŒnftigen BrĂ€utigam ein. Die Heirat bietet ihr die Chance, gemeinsam mit Yussuf in England weiterzustudieren, und sie spĂŒrt, dass die Eltern von ihr erwarten, das Jawort zu geben. Sie möchte ihren Vater nicht enttĂ€uschen.

Der Roman beschreibt den Versuch einer jungen Frau, zwischen den traditionellen Rollenerwartungen und den Privilegien eines außergewöhnlich hohen sozialen Status, der auch wĂ€hrend der politischen VerĂ€nderungen erhalten bleibt, einen Platz zu finden fĂŒr eigene TrĂ€ume, WĂŒnsche und Erwartungen. Die Ehe lĂ€uft von Anfang an extrem schlecht. Yussuf nimmt sie als "Frau an seiner Seite" fĂŒr selbstverstĂ€ndlich und bemĂŒht sich nicht, ihre Liebe zu gewinnen oder zumindest ein partnerschaftliches VerhĂ€ltnis herzustellen. Als Gigi einen Sohn zur Welt bringt, gibt sie dem Kind ihre ganze Energie und Liebe. Von England nach Kairo zurĂŒckgekehrt kann sie zudem als Journalistin und Übersetzerin fĂŒr eine Tageszeitung arbeiten. Nach einer kurzzeitigen Verbesserung der VerhĂ€ltnisse unter dem Sadat-Regime ist ihre Familie jedoch erneut von Verfolgung bedroht. Mittlerweile hat sie der Tante anvertraut, dass sie die Scheidung möchte. Da sich ihr Ehemann aber sperrt und das islamistische Recht gegen sie ausnutzt, verlĂ€sst sie das Land. In Paris findet sie ihren zweiten Ehemann, den Franzosen Luc, mit dem sie nach Amerika auswandern wird.

In zwei Teilen lĂ€sst der Roman die Leserin an dem Schicksal von Giha Seif-el-Islam teilhaben: Als reife Frau Ende Dreißig kehrt sie nach Kairo zurĂŒck, um ihre Familie wiederzutreffen, um beim Verkauf des Kairohauses mitzubestimmen und um ihren Sohn fĂŒr das Studium zu sich in die USA zu holen. Der erste Teil schildert in RĂŒckblicken, die ihre Erinnerungen wĂ€hrend des BlĂ€tterns in einem Fotoalbum widerspiegeln, ihre Kindheit, die Ehe mit Yussuf und die vielfĂ€ltigen Beziehungen innerhalb der berĂŒhmten Familie. Der zweite Teil beschreibt die Sicht der RĂŒckkehrerin auf ihr Heimatland in der Gegenwart und zeigt, wie sich die Konflikte wĂ€hrend ihrer Abwesenheit weiterentwickelt haben.

AVIVA-Tipp: EnttĂ€uschend ist die Fokussierung auf die Kindheitserinnerungen und die Eheproblematik, die sehr viel Raum in dem Roman einnimmt. Die politischen HintergrĂŒnde werden eher komprimiert dargestellt und sind dadurch teilweise fĂŒr Nicht-Ägypten-KennerInnen schwer verstĂ€ndlich. WĂŒnschenswert wĂ€re gewesen, mehr ĂŒber Gigis Arbeit als Journalistin und Übersetzerin zu erfahren. Beispielsweise ist der Pasha zu Beginn des Sadat-Regimes FĂŒhrer einer Oppositionspartei, die er in einer spektakulĂ€ren Pressekonferenz auflöst, da die Regierung sie integrieren will, wodurch er die eigentlichen Ziele gefĂ€hrdet sieht. Gigi ist auf dieser Konferenz die Übersetzerin des Pasha. Aber anstatt mehr ĂŒber die Inhalte dieser Partei zu erfahren, steht die erste Begegnung mit Luc, der ebenfalls als französischer Korrespondent auf dieser Konferenz ist, im Mittelpunkt der ErzĂ€hlung.

Zur Autorin:
Samia Serageldin
wurde 1952 in Kairo geboren und verbrachte die ersten Jahre ihres Lebens in Ägypten. Nach Schule und Studium in Frankreich und England, wo sie in Politikwissenschaften ihr Examen absolvierte, ließ sie sich 1980 mit ihrer Familie in den USA nieder. Neben ihrer belletristischen Arbeit und ihrer TĂ€tigkeit als Kolumnistin, Essayistin und Herausgeberin setzt sie sich auf zahlreichen Veranstaltungen immer wieder mit dem Thema Islam auseinander. "Das Kairohaus" ist ihr erster Roman, der stark autobiographische ZĂŒge trĂ€gt.


Samia Serageldin
Das Kairohaus

Aus dem Amerikanischen von Violeta Topalova
Gebundenes Buch, 384 Seiten
Verlag: Limes, erschienen August 2005
ISBN: 3-8090-2506-2
19,90 Euro90008115&artiId=3554979"


Literatur Beitrag vom 07.11.2005 AVIVA-Redaktion 





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