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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 11.12.2005

Die schlimmsten Gitter sitzen innen
Daniela Krebs

Seit der TV-Serie "Hinter Gittern" sind die Bilder von Frauen im Knast bekannt. Doch was dort verklĂ€rt und unglaubwĂŒrdig erscheint, vermittelt Katrin Panier durch eindrucksvolle RealitĂ€t und NĂ€he.



"Eigenartig: Hier im Knast fĂ€llt es mir leicht, nein zu sagen. Aber draußen, da ist es unglaublich schwierig." Patricia, 27.

Katrin Panier interviewte 16 Frauen im Alter zwischen 17 und 53 Jahren in verschiedenen Justiz-Vollzugsanstalten in Deutschland. Um diese Aufgabe leisten zu können, richtete sie sich ein "BĂŒro" in einer GefĂ€ngniszelle ein, 1,80m mal 1,80m groß, bzw. klein. Dort unterhielt sie sich mit den von Grund auf unterschiedlichen Frauen ĂŒber ihre Vergangenheit und GefĂ€ngniserfahrungen. Ihr war zwar bereits bei den Interviews bewusst, dass die Frauen ihr nicht immer die tatsĂ€chliche Wahrheit erzĂ€hlen wĂŒrden, aber sie wusste auch, dass dies immer die Wahrheit dieser Frau in diesem Augenblick sei, so wie sie sie sehen.

Frauen sind als Inhaftierte deutlich unterreprĂ€sentiert. "Ihr Anteil in deutschen GefĂ€ngnissen betrĂ€gt nur knapp 4,5 %. Die Unterschiede zu den MĂ€nnern fallen auf: Bei Frauen ist der Anteil an Gewaltdelikten verschwindend gering, vor allem gibt es bei ihnen fast ĂŒberhaupt keine Sexualstraftaten. DafĂŒr sitzen sehr viel mehr weibliche SĂŒchtige im Knast." berichtet Katrin Panier. Daher verwundert es kaum, dass viele der Frauen, die in dem Buch vorkommen, in ihrem Leben Kontakt mit Drogen hatten.

Viele Frauen, die straffĂ€llig wurden, waren selbst lange Zeit die Opfer von Gewalt, durch ihre MĂ€nner, Eltern oder andere Vertraute. Einige flĂŒchteten sich in die Drogensucht, die sie als den einzigen Ausweg sahen. Andere konnten das Leid nicht mehr ertragen, wehrten sich oder suchten sich einen anderen Ausweg aus dieser scheinbar aussichtslosen Situation. Jede Frau hat etwas anderes erlebt und erzĂ€hlt ihre ganz persönliche Lebensgeschichte.

Dilara ist jetzt 17. Sie ist wegen Diebstahl und UrkundenfĂ€lschung ins GefĂ€ngnis gekommen. Vorher hatte sie bereits viel Negatives erlebt: Ihr Vater hatte sie oft geschlagen, wenn er sie mit einem Jungen gesehen hat, sie zu spĂ€t nach Hause gekommen ist oder wegen anderer Kleinigkeiten. Um gegen seine AutoritĂ€t zu rebellieren, blieb sie erst recht lange weg und fing an, ab und zu Drogen zu nehmen. Doch das anfĂ€ngliche VergnĂŒgen wandelte sich in Sucht. Sie bekam Geldsorgen und um die Drogen zu finanzieren, begann sie zu stehlen. Als dies dann nicht mehr reichte, erhielt sie das Angebot von ihrem ersten Freier, und sie ging darauf ein. Als Prostituierte verdiente sie besser, auch wenn sie nach und nach immer mehr ihre Selbstachtung verlor und sich kaum noch selbst ertragen konnte. Von einem betrunkenen Freier klaute sie dann die Kreditkarte und finanzierte sich eine Zeit lang ihr Leben, bis sie gefasst wurde und ins GefĂ€ngnis kam – sechs Monate Jugendstrafe.
Den Knast sieht sie jetzt als Chance, ihr Leben zu Ă€ndern und von den Drogen und den falschen FreundInnen loszukommen. Sie hat ein Ziel: "Das normale Leben wieder spĂŒren, das ist dieser Knast fĂŒr mich. Ein Anfang."

Anne ist 19, wenn sie das GefĂ€ngnis verlassen darf, wird sie voraussichtlich 24 sein. Sie wirkt in ihren ErzĂ€hlungen eher als ein junges, unscheinbares MĂ€dchen, das noch viel fĂŒr ihr Leben geplant hat. Sie berichtet von ihrer Köchinnen-Lehre und ihrer Freude am Malen. Als sie ĂŒber ihre Tiere erzĂ€hlt, kann mensch die Tierliebe regelrecht spĂŒren. Sie schwĂ€rmt von diesen Tieren, als wĂ€ren sie das Wichtigste auf der Welt. Doch vor einem Jahr erst hat sie eine alte Frau erschlagen und wurde wegen Beihilfe zum Mord verurteilt.

Sonja hat acht Kinder und 19 Enkelkinder. Das erste Mal saß sie wegen Diebstahl im GefĂ€ngnis, da war sie 27 Jahre alt, heute ist sie 53 und zum sechsten Mal im Knast. "Besser im Knast als bei meinem Mann" ist ihr Motto. Das Schema ihrer Taten ist immer dasselbe: "Mario saß zuhause, hat gesoffen, ist gewalttĂ€tig geworden, hat mich geschlagen. Ich bin abgehauen und hab was geklaut. Bin erwischt worden, und wieder saß ich hier drin." Sie kompensiert die hĂ€usliche Gewalt, die sie erleidet hat, mit Diebstahl, um etwas gegen ihren Mann tun zu können, oder wenigstens vor ihm fliehen zu können. Sonja flieht jedoch nicht nur vor ihrem Mann Mario, sondern lĂ€sst damit auch ihre Kinder alleine. Das beschert ihr wiederum SchuldgefĂŒhle, die sie mit Drogen behebt, um sich selbst nicht mehr so sehr zu spĂŒren. Am Beispiel von Sonja erkennt mensch den schrecklichen Kreislauf, den Gewalt und Drogen erzeugen können.

"Die schlimmsten Gitter sitzen innen" erzĂ€hlt spannende Geschichten, die tief berĂŒhren und ergreifend geschrieben sind. Es fĂŒhlt sich beim Lesen sehr real an, manchmal sogar erdrĂŒckend, da die Schicksale der Frauen manchmal einfach so unfassbar sind. Es sind Schicksale, die mensch in der heutigen Gesellschaft kaum erwartet oder nur ĂŒber Klischees und ErzĂ€hlungen mitbekommt. Katrin Panier erzĂ€hlt ergreifend die Lebensgeschichten von komplett verschiedenen Frauen.

Um das Bild des Lebens im Frauenknast abzurunden, enthĂ€lt das Buch neben den Interviews der inhaftierten Frauen noch die Erlebnisberichte der stellvertretenden Leiterin der Justizvollzugsanstalt fĂŒr Frauen Vechta, eines GefĂ€ngnisseelsorgers und von einer weiblichen Beamtin und einem mĂ€nnlichen Beamten.

AVIVA-Tipp: Das Buch von Katrin Panier bietet einen interessanten Einblick in den Tagesablauf und die Erlebnisse von GefĂ€ngnisinsassinnen, den mensch sonst wohl kaum wahrnimmt. Die Autorin fĂŒhrt eindrucksvoll in das Thema ein und lĂ€sst die Frauen ungestört von ihren Erlebnissen erzĂ€hlen. Da die Interviews auch in die Alltagssprache der Frauen transkribiert wurden, fĂŒhlt mensch sich noch mehr in die Knast-Situation hineinversetzt. Auf jeden Fall ein Buch zum Weiterempfehlen, aber nicht zum Lesen fĂŒr zwischendurch geeignet, da das Thema doch sehr tiefgreifend ist.

Zur Autorin:
Katrin Panier
arbeitet als Journalistin und Autorin in Berlin und Brandenburg. Seit 1993 ist sie freiberuflich fĂŒr Radio, TV und Printmedien tĂ€tig und erhielt fĂŒr ihr Rundfunk-Feature "Frauen im Stahl" 1996 den Preis "Brandenburgerin des Jahres". Das BĂŒcherschreiben ist allerdings ihr Lebenstraum, den sie sich mittlerweile mit ihrem vierten Buch weiter erfĂŒllt.


Die schlimmsten Gitter sitzen innen
Geschichten aus dem Frauenknast
Katrin Panier

Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, September 2004
ISBN: 3-89602-612-7
9,90 Euro90008115&artiId=2858860"


Literatur Beitrag vom 11.12.2005 AVIVA-Redaktion 





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