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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 31.12.2003

Ein Krimi ├╝ber echte und falsche Verfolgte der Schoah
Gastautorin Iris Noah Weiss

Die Amerikanerin Sara Paretsky geh├Ârt auch hierzulande zu den bekannten Kriminalautorinnen. Ihre Heldin Vic Warshawski war in den siebziger Jahren Chicagos erste weibliche Privatdetektivin



Die Amerikanerin Sara Paretsky geh├Ârt inzwischen auch hierzulande zu den bekannten Kriminalautorinnen. Ihre Heldin Vic Warshawski war einst - in den siebziger Jahren - Chicagos erste weibliche Privatdetektivin mit Lizenz. Jetzt ist sie wieder unterwegs, in ihrem nunmehr zw├Âlften Fall.

Erst einmal f├Ąngt die Geschichte f├╝r Vic Warshawski als scheinbar harmloser Routinefall an, n├Ąmlich mit dem Auftrag, einen Versicherungsbetrug aufzukl├Ąren. Isahiah Sommers heuert die findige Privatdetektivin an, damit sie herausfindet, was mit der Versicherungssumme seines k├╝rzlich verstorbenen Vaters passiert ist, die angeblich schon vor zehn Jahren ausbezahlt worden sein soll. Die Spur f├╝hrt zur Ajax-Versicherung.
Zeitgleich passiert jedoch etwas Verwirrendes: Ihre beste und ├Ąlteste Freundin - zeitweise auch Ersatzmutter, die ├ärztin Lotty Herschel, stets kontrolliert und beherrscht, verliert v├Âllig die Fassung, als in einem Fernsehinterview ein Mann behauptet, er habe das Geheimnis seiner Herkunft l├Âsen k├Ânnen. Er sei Paul Radbuka, ein j├╝disches ├╝berlebendes Kind, das nach dem 2. Weltkrieg in London gelebt hat und von seinem Stiefvater, einem Nazi, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen nach Amerika gebracht worden sei. Er sucht seine Familie und ist ├╝berzeugt, sie in Lotty und ihren Freunden gefunden zu haben.

Vic Warshawski ger├Ąt sehr schnell zwischen die Fronten zweier rivalisierender B├╝rgerrechtstruppen, n├Ąmlich der Organisation des schwarzen Aktivisten Alderman Durham und der seines orthodoxen j├╝dischen Gegenspielers Joseph Posner, dem sich Paul Radbuka angeschlossen hat. Die Aktionen beider Gruppierungen richten sich gegen die Ajax Versicherungsgruppe. Es geht um die Beitr├Ąge j├╝discher Opfer des Holocausts sowie die finanziellen Reserven, welche die Versicherung auf Kosten schwarzer Sklaven erwirtschaftet haben soll.

Die beiden F├Ąlle, die erst einmal nichts miteinander zu tun haben, sind auf unterschiedlichen Ebenen miteinander verquickt.
Der Schl├╝ssel zur L├Âsung scheint in Lottys Geschichte zu liegen.
Die Freundschaft der beiden Frauen ist einer harten Bew├Ąhrungsprobe ausgesetzt, denn Lottys ├ťberlebensstrategie ist es, sich nicht mit alten Wunden zu konfrontieren. Gegen deren ausdr├╝cklichen Willen beginnt Vic in der Vergangenheit ihrer Freundin zu suchen.

Als junges M├Ądchen wurde Lotty vor Ausbruch des Krieges mit einem der vielen Kindertransporte von Wien nach England gebracht. Viele j├╝dische Familien versuchten damals, ihre Kinder in letzter Minute auf diese Weise zu retten. So auch Lottys Familie, von der - au├čer ihrem kleinen Bruder- niemand ├╝berlebte. Nach ihrer Ausbildung zur ├ärztin emigriert sie nach Amerika und macht dort Karriere.

Und wer ist dieser Paul Radbuka wirklich, der sich ├Âffentlich als Holocaustopfer darstellt? An ihn ist nur unter gro├čen Schwierigkeiten heranzukommen, denn seine ehrgeizige Hypnose-Therapeutin, die ihm beim Entschl├╝sseln seiner Vergangenheit hilft, blockt alle Versuche der Kontaktaufnahme aus therapeutischen Gr├╝nden ab. (Wilkomirski l├Ą├čt gr├╝ssen!)

Sara Paretsky ist studierte Historikerin und hat 10 Jahre als Managerin in der Versicherungswirtschaft gearbeitet. Dieser Hintergrund erm├Âglichte es ihr einen faszinierenden Krimi zu schreiben. Sauber und detailgenau recherchierte sie die unterschiedlichen Milieus j├╝dischen Lebens in Wien, wer auf welche Weise von der Notlage der Juden finanziell profitierte, die Geschichte der Kindertransporte, die Bedingungen, unter denen in der Nachkriegszeit in England die Medizinerausbildung stattfand oder auch den Stand der psychoanalytischen Forschung zu ├╝berlebenden Kindern bis hin zur Lekt├╝re von Anna Freuds Aufzeichnungen ├╝ber den Umgang mit einer Gruppe ├╝berlebender Kinder sowie neuere Forschungen ├╝ber die Psychodynamik bei Therapien, bei denen es um erfundene j├╝dische Biografien (Wilkomirsky-Syndrom) geht.
Selten habe ich diese Themen, die sonst meist ├╝ber fachwissenschaftliche Publikationen bekannt sind, so gut in Alltagssprache umgesetzt gelesen und dann noch durch eine Krimihandlung vermittelt.

Schw├Ąchen gibt es nur bei einer Nebenhandlung - n├Ąmlich die um "Ilse Koch, die W├Âlfin". Hier sind der Verfasserin einige Fehler und Ungenauigkeiten unterlaufen. Warum aus den osteurop├Ąischen j├╝dischen DPs (displaced persons) "Vertriebene" werden, unter denen im deutschen Sprachraum eine ganz andere Personengruppe bezeichnet wird, ist nicht verst├Ąndlich.

Trotzdem ist "ihr wahrer Name" der beste der bisher zw├Âlf Vic-Warshawsky-Krimis und f├╝r alle, die gern Krimis zu j├╝dischen Themen lesen, ein MUST. Interessant war f├╝r mich bei der Lekt├╝re von Rezensionen nicht-j├╝discher Rezensentinnen, da├č ich die Kritik an Passagen, die von diesen als unverst├Ąndlich oder nicht konsistent bezeichnet wurden, ├╝berhaupt nicht teilen kann. Das machte mir wieder einmal deutlich, wie weitgehend eigene Pr├Ągungen und Gruppenzugeh├Ârigkeiten sich auf Alltagswahrnehmungen auswirken.



Ihr wahrer Name (total recall) -
Sara Paretsky
├ťbersetzung: Sonja Hauser
Piper Verlag, Mai 2003
ISBN/EAN 3-492-23906-4
9,90 ÔéČ90008115&artiId=2158563"

Literatur Beitrag vom 31.12.2003 AVIVA-Redaktion 





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