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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 27.02.2006

Die schöne Aussicht von Renate Welsh
Sabine Grunwald

Der eindrucksvolle Roman erzĂ€hlt das Schicksal eines Frauenlebens im 20. Jahrhundert. Die ungeliebte Rosa wĂ€chst zu einer jungen Frau heran, die scheinbar allen Menschen die sie liebt UnglĂŒck bringt



Die kleine Rosa wĂ€chst als dritte Tochter eines in die Jahre gekommenen Paares auf, das im Wien der dreißiger Jahre eine Gastwirtschaft betreibt. Das MĂ€dchen ist eine unwillkommene NachzĂŒglerin, und die Mutter schĂ€mt sich der spĂ€ten Geburt.
"Mich dĂŒrfte es eigentlich gar nicht geben, dachte Rosa oft. Die Mutter war fĂŒnfzig, als sie geboren wurde, ihre Ă€lteste Schwester dreißig."

In der Schule quĂ€lt sich das Kind mit dem Lernen, Sie ist kein schönes MĂ€dchen, die Nase klobig, das Gesicht zu breit, der Körper gedrungen, die Haare strĂ€hnig und dann der ewige Geruch nach Wirtshaus. In ihrer Freizeit muss sie zuhause mitarbeiten bis sie als SechzehnjĂ€hrige eine Lehrstelle bei Frau Michalik als WeißnĂ€herin antritt. Die anfĂ€nglich strenge und zĂ€nkische Lehrmeisterin erweist sich spĂ€ter als mitfĂŒhlend und hilfreich fĂŒr das junge MĂ€dchen.

Ihre erste große Liebe und Zuflucht ist der junge Tischlergeselle Josef, der wenig spĂ€ter durch einen tragischen Unfall sein Leben verliert.
Auch bei dieser Tragödie steht ihr Frau Michalik als Einzige tröstend zur Seite. Doch auch diese StĂŒtze endet abrupt, als die JĂŒdin 1938 ihre Koffer packt und zu Verwandten nach Prag flĂŒchtet.
Alleine und verlassen in der Trostlosigkeit des Elternhauses lernt Rosa den Ă€lteren Tischler Ferdinand kennen und heiratet ihn. Der gĂŒtige Witwer und das junge MĂ€dchen verstehen sich gut. Doch bald verliert Rosa auch diesen Halt. Der Ehemann ist ein Nazi-Gegner, versteckt FlĂŒchtige und hilft mit Geld und Lebensmitteln. "Wie sehr er ihr ans Herz gewachsen war, wurde ihr erst so richtig bewusst, als sie ihn abholen kamen."
Die verzweifelte Rosa verbringt Stunden vor der Rossauer Kaserne und erfĂ€hrt von zwei Leidensgenossinnen, dass er nach Mauthausen abtransportiert wurde. Die letzte Nachricht, die sie ĂŒber den Verschleppten erhĂ€lt lautet: "Ferdinand MĂŒller geboren am 23.7.1894, SchutzhĂ€ftling, verstorben am 8.6.1944 an linksseitiger LungenentzĂŒndung trotz bester medizinischer Versorgung."

Als Rosa ausgebombt wird, nimmt sich die Àltere Gusti der heimatlosen jungen Frau an. Gusti, deren behinderter Sohn Karli von den Nazis umgebracht wurde, ist ihre Zuflucht, bis diese an Typhus stirbt.
Nach dem Krieg erhĂ€lt Rosa die Zusage fĂŒr eine Gemeindewohnung und eine Anstellung als Schaffnerin der Wiener Verkehrsbetriebe. Hier arbeitet sie verlĂ€sslich bis zu ihrer Pensionierung. Danach nimmt sie eine Stelle als HaushĂ€lterin an und kocht und bemuttert die drei Söhne, deren Mutter nach einem Unfall bettlĂ€gerig ist.
"Eines Tages beim Kaffee ĂŒberraschte sie sich selbst, als sie von ihrem Enkel Richard zu reden begann. Je lĂ€nger sie von ihm sprach, umso wirklicher wurde er." Der eingebildete Enkel wird fĂŒr Rosa immer realer, sie geht mit ihm spazieren und besucht den Prater. Dass die Frau öfter nach Richard fragt, wird Rosa immer lĂ€stiger, denn in ihren Augen bleibt er ewig elf Jahre alt.
Mit siebzig kauft sie sich eine RuhestĂ€tte auf dem Neustifter Friedhof mit einer wunderschönen Aussicht. Kurz vor ihrem 80. Geburtstag verbieten ihr die beiden Großnichten, weiter zu arbeiten. Bald darauf stirbt sie friedlich an einem Herzversagen.
In einem Nachwort erzÀhlt die Autorin ihre Bekanntschaft mit Rosa, die jahrelang als Hausangestellte bei ihr arbeitete und den Status einer Ersatzmutter und Wahlverwandten einnahm.

Zur Autorin:
Renate Welsh
, geboren 1937 in Wien, studierte Englisch, Spanisch und Staatswissenschaften. Sie schreibt seit 1970 sowohl Kinder- und JugendbĂŒcher, als auch BĂŒcher fĂŒr Erwachsene. Ihr bewegender Roman basiert auf wahren Ereignissen, die die Autorin selbst erfahren hat. Mit großem FeingefĂŒhl und psychologischem Geschick deckt sie die HintergrĂŒnde einer LebenslĂŒge auf. Weiter erschienen: "Das Lufthaus", "Constanze Mozart", "Liebe Schwester".

AVIVA-TIPP: Renate Welsh berichtet ĂŒber das Leben einer einfachen Frau, die ĂŒber ihre tragischen Verluste nur schwer hinwegkommt. Zwar machen die Erfahrungen sie zu einer nach außen starken, realistischen Frau, doch in ihrem Inneren spielen die Toten weiter eine wichtige Rolle, bis sie sich einen imaginĂ€ren Ersatzenkel schafft, der ihr Leben begleitet.


Renate Welsh
Die schöne Aussicht

Kartoniert, 240 Seiten
Dtv premium, erschienen Dezember 2005
ISBN 3-423-24494-1
14 Euro90008115&artiId=3563811"


Literatur Beitrag vom 27.02.2006 Sabine Grunwald 





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