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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 02.09.2006

Mutter ist an allem Schuld. Eine Betrachtung von Marion Becker-Richter
Christiane Sanaa

Irgendwann trifft es jede, egal wann und warum sie Kinder bekam und wie sie ihr Leben und die Erziehung gestaltete. Die Vorw├╝rfe erwachsener T├Âchter lassen die Mutterfalle zuschnappen.



Die Liste der Beschuldigungen, der sich M├╝tter ausgesetzt sehen, ist lang:
Als "Vollzeit-Karrierefrau" werden sie der Vernachl├Ąssigung und des Egoismus bezichtigt, da sie "nur ihre Karriere im Kopf hatten".
Als "Teilzeit-Berufst├Ątige" waren sie doch nur abgehetzt zwischen Beruf, Haushalt und Familie und hatten nie wirklich Zeit f├╝r Ihre Kinder.
Die so genannte "Nur-Hausfrau" schneidet auch nicht gerade gut bei ihren T├Âchtern ab. Sie sei kein Vorbild f├╝r eine selbst├Ąndige moderne Frau, sie habe den armen Vater wie einen Esel schuften lassen, w├Ąhrend sie selbst die Vorz├╝ge des s├╝├čen Lebens geno├č, das durch das bi├čchen Hausarbeit kaum gest├Ârt wurde.
Haben sie ihre Kinder als junge Frauen bekommen, waren sie "noch nicht reif f├╝r die Erziehung". Die ├Ąlteren M├╝tter, die zun├Ąchst ihre Ausbildung abschlossen und einen Beruf aus├╝bten, hatten wieder nur ihre Karriere im Kopf.
Ausgesprochene Wunschkinder sehen sich als L├╝ckenb├╝├čer f├╝r den nicht vorhandenen Sinn im Leben der Mutter. "Zufallskinder" empfinden sich schlie├člich als ungewollt.
Mal war die Erziehung zu streng, mal nicht konsequent genug. Mal war die Familie zu reich, um den Kindern den wahren Wert der Dinge zu lehren, mal zu arm, um sie in den vollen Genu├č aller M├Âglichkeiten, wie Klavierunterricht und teure Auslandsstudien zu bringen.

Es scheint so, als ob M├╝tter, wie auch immer sie ihre Kinder erzogen haben, diese in Unzul├Ąnglichkeiten, Unf├Ąhigkeiten und Neurosen trieben. Die Vorw├╝rfe treffen die M├╝tter mitten ins Herz, die "Mutterfalle" schnappt zu, und sie martern sich als "Rabenm├╝tter" mit Selbstvorw├╝rfen und Schuldgef├╝hlen.

Hier setzt der Ratgeber von Marion Becker-Richter an.
Er zeigt, dass M├╝tter mit diesem Problem nicht alleine sind. Fast alle T├Âchter machen eine Phase durch, in der sie die Schuld f├╝r jede Unzufriedenheit mit sich selbst ihren M├╝ttern geben. V├Ąter stehen nicht so sehr im Zentrum der Kritik, da sie als Brotverdiener selten anwesend waren und so auch kaum Fehler machen konnten. Au├čerdem sind sie nach Ansicht von Marion Becker-Richter nicht so anf├Ąllig f├╝r den ganzen "Psychokram". Das gleiche trifft auf die S├Âhne zu. Sie m├Ąkeln nicht soviel an ihren M├╝ttern rum, was dann aber die Schwiegert├Âchter ├╝bernehmen, die ebenfalls der Erziehung der Schwiegerm├╝tter die Schuld an den Unf├Ąhigkeiten ihrer Ehem├Ąnner geben.

Marion Becker-Richter macht deutlich, wie solche Vorw├╝rfe entstehen und dass sie meistens nicht gerechtfertigt sind. Vielmehr handelt es sich h├Ąufig nur um das Abw├Ąlzen der eigenen Verantwortung auf die Mutter.
Sie zeigt, wie man als Mutter mit solchen Vorw├╝rfen umgehen kann: Wenn sie gerechtfertigt sind und ein tiefes Trauma hinterlassen haben, wie z.B. bei Mi├čhandlungen, dann kann das Buch nicht weiterhelfen. In den ├╝brigen F├Ąllen kann die Kritik als Chance zur ├ľffnung und konstruktiven Auseinandersetzung genutzt werden, die zu einer Erneuerung des Mutter-Tochter-Verh├Ąltnisses f├╝hren k├Ânnte. Die Mutter kann die Schuldgef├╝hle als "Rabenmutter" ├╝berwinden, sich dort entschuldigen oder abgrenzen, wo es notwendig ist. So wird sie zu einer "erwachsenen Mutter". In jedem Fall ist Gelassenheit das oberste Gebot, um eine Eskalation des Konfliktes zu vermeiden.

AVIVA-Tipp: Das Buch von Marion Becker-Richter ist ein einf├╝hlsamer Ratgeber, denn die Autorin wei├č, wovon sie spricht. Als Mutter von zwei erwachsenen Kindern hat sie die Problematik am eigenen Leibe erfahren. Die Interviewausschnitte aus Gespr├Ąchen mit ca. 50 M├╝ttern und T├Âchtern machen die Lekt├╝re kurzweilig und versetzten die Leserin so manches Mal in Erstaunen. Das Buch ist auch f├╝r M├╝tter von kleineren Kindern interessant, die h├Ąufig mit Ideal der Supermutter k├Ąmpfen und schon jetzt von Schuldgef├╝hlen und schlechtem Gewissen geplagt werden. Es r├╝ckt das Verh├Ąltnis von ├╝berh├Âhten Anspr├╝chen und realistischen M├Âglichkeiten zurecht.

Die Autorin: Dr. Marion Becker-Richter, 43, hat Soziologie, Psychologie und P├Ądagogik studiert und danach lange in Forschungsprojekten gearbeitet. Heute arbeitet sie selbst├Ąndig in der Medienproduktion. Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern und lebt mit ihrem Partner und einem weiteren fast erwachsenen Kind in Essen. Mehr Infos unter: www.mutteristanallemschuld.de


Marion Becker-Richter
Mutter ist an allem Schuld

Mit Vorw├╝rfen erwachsener T├Âchter umgehen
K├Âsel-Verlag, erschienen Februar 2006
ISBN 3-466-30705-8
14,95 Euro
192 Seiten, kartoniert90008115&artiId=5196450"


Literatur Beitrag vom 02.09.2006 AVIVA-Redaktion 





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