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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 21.05.2007

Die Fotografin der magischen Sekunde und Frauenportraits
Rukshana Adrus-Wenner

Die weltweit erste umfassende Retrospektive der K√ľnstlerin R√© Soupault wurde in 2007 im Martin-Gropius-Bau gezeigt. Im Verlag Wunderhorn ist dazu der Ausstellungskatalog erschienen.



Das fotografische Oeuvre der deutsch-franz√∂sischen Bauhaus-K√ľnstlerin R√© Soupaults (1901-1996), die eigentlich Meta Erna Niemeyer hie√ü, entstand zwischen 1934 und 1950. Erst sp√§t wurde es aus der Vergessenheit ans Licht der √Ėffentlichkeit gebracht, da es lange als verschollen galt. Diese Wiederentdeckung war eine Sensation. Fast vier Jahrzehnte bis 1987 lagen ungef√§hr 1400 Negative, Vintage Prints und Glasplatten in einem Schuhkarton verpackt, verstaut und versteckt. Erst 1994 wurden die Fotos in einer Ausstellung in Paris gezeigt.

R√© Soupault ‚Äď Die Fotografin der magischen Sekunde

250 Bilder, davon √ľber 100 bisher unver√∂ffentlichte, sind in der Ausstellung "Die Fotografin der magischen Sekunde" im Martin-Gropius-Bau ausgestellt. Begleitend dazu ist ein sch√∂ner typografisch hervorragend gestalteter Katalog - der zugleich der neueste Band ihrer Werkausgabe ist - im Verlag Das Wunderhorn erschienen. Herausgegeben von dem Heidelberger Verleger und Rechtsanwalt Manfred Metzner, der auch die √úberblicksschau betreut hat.

In dem reich bebilderten Kunstbuch sind die ber√ľhmten Frauenportraits aus den verbotenen Vierteln in Tunis, dem Pariser Alltag der drei√üiger Jahre, Reise- und Fotoreportagen aus Norwegen, Spanien, Deutschland, darunter viele bisher unbekannte Fotografien aus dem Nachlass R√© Soupaults enthalten. Sie begleitete und dokumentierte die Arbeiten ihres zweiten Mann, dem surrealistischen Autor Philippe Soupault, der f√ľr verschiedene Zeitschriften journalistisch t√§tig war.

Sehr lesenswert ist der Aufsatz des Kurators Manfred Metzner √ľber "Neues Sehen ‚Äď Neues Denken". Er zeichnet ausf√ľhrlich den Lebensweg und k√ľnstlerischen Werdegang R√© Soupaults, von der Bauhaus-Studentin in Weimar bis zu Fotojournalistin und Modemacherin in Paris. Er geht auch auf ihr Leben im Exil, zun√§chst in Tunesien, sp√§ter in S√ľd- und Nordamerika, sowie ihre Trennung und R√ľckkehr nach Europa nach dem Krieg ein. In Basel verdiente sie ihren Lebensunterhalt als H√∂rspiel-Autorin und √úbersetzerin. Der Autor und Nachlassverwalter der K√ľnstlerin schildert die unterschiedlichen Phasen im Leben de K√ľnstlerin und vermittelt ein eindrucksvolles Portrait aus noch unver√∂ffentlichten Ausz√ľgen aus R√© Soupaults Tageb√ľchern.

Ein Artikel des Kunsthistorikers Michael M. Thoss besch√§ftigt sich mit der Beziehung und Freundschaft zwischen R√© Soupault und der deutsch-j√ľdischen Soziologin Gis√®le Freund. Bei beiden Fotografinnen finden sich viele Gemeinsamkeiten. Sowohl Soupault als auch Freund verlie√üen Nazi-Deutschland, lebten und arbeiteten in Paris, bis ihnen die Flucht gelang. Weil sie erst sp√§t zu Fotografie fanden, betrachteten die K√ľnstlerinnen ihre fotografischen Werke in erster Linie nicht als Kunst.

Die Soziologin Gis√®le Freund, sagte in einem Interview: "Niemals habe ich geglaubt, dass Fotografie Kunst ist, und ich habe mich das ganze Leben dagegen gewehrt, als K√ľnstlerin betrachtet zu werden‚Ķ Der Fotograf ist kein K√ľnstler, sondern ein √úbersetzer".
Auch R√© Soupault, die ihre Fotos mit einer "6x6"-Rolleiflex, sp√§ter mit einer "4x4" und mit einer Leica-Kamera anfertigte, betrachtete sich in erster Linie als eine Chronistin. Sie begleitete ihren Mann, den Surrealismus-Mitbegr√ľnder und renommierten franz√∂sischen Journalisten Philippe Soupault auf Reportage-Reisen. Sie legte Wert auf dokumentarische und nicht auf die gestellte Szene, sie bevorzugte, wie sie selbst sagt, den "gelebten Augenblick und das Allt√§gliche".

Eine √ľbersichtliche chronologische Darstellung zum Leben und Werk rundet das handliche Buch ab. W√ľnschenswert w√§re es gewesen, auch Abbildungen und erg√§nzende Angaben zu den Dokumenten in den Ausstellungsvitrinen mit einzubeziehen.

R√© Soupault ‚Äď Frauenportraits aus dem "Quartier r√©serv√©" in Tunis

Erg√§nzend und empfehlenswert zu dem Ausstellungskatalog ist der gro√üformatige Fotoband √ľber die Frauenportraits. Als erste hat R√© Soupault 1939 im "Quartier Reserv√©" in Tunis fotografiert. In jenem Viertel, in das alleinstehende Frauen abgeschoben und unter d√ľrftigsten Bedingungen gezwungenerma√üen als Prostituierten leben mussten. Entstanden sind sehr beindruckende Aufnahmen, die einzigartig sind.
Aus Anlass des 100. Geburtstags von R√© Soupault im Jahr 2001 wurde die Publikation in einer Neuausgabe in Zusammenarbeit mit dem Goethe Institut herausgegeben. Der Schau mit 42 Fotografien tourte f√ľnf Jahre lang auf f√ľnf Kontinenten.

Beide Publikationen w√ľrdigen die verschiedenen Stationen der Fotografin und zeigen die Nomadin R√© Soupault, die sowohl in der ganzen Welt zuhause war als auch beruflich auf unterschiedlichen Gebieten bis ins hohe Alter erfolgreich t√§tig blieb. Die kurze fotografische Episode in ihrem gro√üartigen Leben verdient einen bleibenden Platz in der Geschichte der Fotokunst.


Ré Soupault
Die Fotografin der magischen Sekunde

Herausgegeben von Manfred Metzner
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg, erschienen April 2007
192 S., gebunden, 160 Duotone Fotos
25,80 Euro
ISBN: 388423282790008115&artiId=6279400" target="_blank">bestellen

Ré Soupault
Frauenportraits aus dem "Quartier résérve" in Tunis
Herausgegeben von Manfred Metzner
Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg, erschienen 2001
Nicht paginiert, gebunden, 50 Fotos
39,90 Euro
ISBN: 3884231405

Literatur Beitrag vom 21.05.2007 AVIVA-Redaktion 





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