Naomi Klein – die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im November 2020 - Beitrag vom 29.10.2007


Naomi Klein – die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus
Jule Fischer

Die Autorin des Anti-Globalisierungsbuches "No Logo!" zieht die Verbindung zwischen natürlichen, politischen und wirtschaftlichen Schockzuständen und der Implementierung des Neoliberalismus.




"Solche konzentrierten Überfälle auf die öffentliche Sphäre nach verheerenden Ereignissen und die Haltung, Desaster als entzückende Marktchancen zu begreifen, nenne ich Katastrophen-Kapitalismus"

Sri Lanka 2004, New Orleans 2005: Beide Orte waren verheerenden Naturkatastrophen ausgesetzt, die einen kollektiven Schock in der Bevölkerung ausgelöst hatten. Neben den deutlich sichtbaren Folgen für diese Regionen gab es in den polit-ökonomischen Entscheidungsgremien eine weitere Veränderung: Im Stillen galt der Zustand des Chaos, als eine sehr willkommene Möglichkeit, die wirtschaftliche Strategie, ohne großen Widerstand zu ändern. In New Orleans wurde, einem letzten Ratschlag Milton Friedmans zufolge, das gesamte öffentliche Schulwesen durch Privat-Einrichtungen ersetzt und in Sri Lanka wurden riesige Hotelkomplexe errichtet, wo zuvor Bauern gelebt hatten.

Es waren diese Ereignisse, die Naomi Klein, Autorin eines der einflussreichsten Anti-Globalisierungsbücher "No Logo!", Verbindungen ziehen ließen, zwischen natürlichen, politischen und wirtschaftlichen Schockzuständen und der Implementierung des Neoliberalismus.

Veränderungen, ob in Politik oder Wirtschaft, sind in der Menschheitsgeschichte nicht selten durch Krisen ausgelöst worden. Die Krise Athens war Aristoteles´ Motor, die geknechtete Arbeiterschaft war Antrieb für Marx und Keynes Wirtschaftstheorie und sie entstand nach der Großen Depression von 1929.
Was nun Naomi Klein mit Hilfe einer präzisen Detailsuche über die Vorgehensweise der Neoliberalen ans Tageslicht bringt, liest sich wie ein Krimi.

Klein beginnt bei den Anfängen – bei Milton Friedman, einem oder dem einflussreichsten Wirtschaftswissenschaftler des letzten Jahrhunderts und Berater einer langen Liste von Diktatoren, US-Präsidenten und einer englischen Premierministerin.

Schon in den 50er Jahren lag die Theorie in der Friedman´schen Schublade, nur anwenden konnte er sie nicht. Viel zufrieden waren die Regierungen der Welt mit der nachfrageorientierten Wirtschaftstheorie von Keynes.
Vor mehr als dreißig Jahren dann, die zwei ersten großen Schocks für die Neokonservativen: die Ölkrisen der 70er Jahre. Die Theorie lag schon bereit und Milton Friedman wurde alsbald Mentor der neuen Regierungen Reagan und Thatcher. Ihnen und später vielen weiteren, gab er den Rat, Schockzustände zu nutzen, denn sie allein böten die Möglichkeit, Gesellschaften wirtschaftlich in den Zustand einer Art kapitalistischer Jungfräulichkeit zurück zu versetzen.

Die Schock-Idee ist also mehr als 30 Jahre alt. Ihren ersten Feldzug begann sie mit dem Sturz Salvador Allendes und dem Amtsantritt General Pinochets, der bekanntermaßen morden und foltern ließ, wo sich Menschen gegen die Abschaffung des Sozialstaates wehrten.

Ein faszinierender Gedankengang Naomi Kleins stellt die Schock-Idee in einen direkten Zusammenhang zu medizinischen Experimenten aus den 50er Jahren und der Folter, die das Ziel einer menschlichen Tabula Rasa verfolg(t)en. Dieses Schaffen einer "unbeschriebenen Tafel", machte PatientInnen zu willenlosen Objekten, zermürbte Folteropfer und galt bei den AnhängerInnen Friedmans als Ausgangspunkt, um ganze Gesellschaften wirtschaftlich zu "entprägen".

Die Spanne von Schock, Implementierung und sozialen Folgen, zieht Naomi Klein von den USA, über Lateinamerika, Osteuropa, Russland, China und zurück zum 11. September in die USA.

AVIVA-Tipp:
Naomi Klein geht einem polit-ökonomischen Vorgehen auf den Grund, das nicht auf eine Krise reagiert, sondern die bereits eine Doktrin bereithält, wenn Krisen, unvermeidlich oder hausgemacht, eintreten, um dann den Zustand von Schock und Chaos zu ihren Gunsten zu nutzen. Dabei beschreibt die Journalistin nicht nur eine umfassende und fantastisch recherchierte Geschichte des Neoliberalismus. Die hochinteressanten Verbindungen all dieser Verläufe, im Fokus von Schock, Folter und Ideologie, machen "Die Schock-Strategie" zu einer "Offenbarung", wie John Cusack schrieb. Mit dem letzten, handlungsweisenden Kapitel, ist "Die Schock-Strategie" außerdem ein großartiges, hoffnungsvolles Manifest des Widerstands, welches die Handlungsmacht wieder in die Hände der Menschen legt.

Zur Autorin:
Naomi Klein
ist eine vielfach ausgezeichnete Journalistin, Kolumnistin und Autorin des internationalen Bestseller "No Logo!", der in 28 Sprachen übersetzt und von der New York Times als "Bibel einer Bewegung" bezeichnet wurde. Sie schreibt und berichtet regelmäßig für große Sender und Zeitungen wie CNN, BBC, The Los Angeles Times, The Washington Post, RAI, CBC und andere. 2003 erschien eine Sammlung ihrer Aufsätze unter dem Titel "Über Zäune und Mauern: Berichte von der Globalisierungsfront". 2004 schrieb und co-produzierte sie ´The Take´, eine preisgekrönte Dokumentation über die anti-kapitalistische Bewegung in Argentinien. Naomi Klein ist Miliband Fellow an der London School of Economics und hält einen Ehrendoktortitel für Zivilrecht der University of King’s College, Neuschottland. Klein ist mit dem Journalisten Avi Lewis verheiratet und lebt in Toronto. (Quelle: Verlagsinformation).

Lesen Sie auch die AVIVA-Rezension zu Naomi Kleins "Über Zäune und Mauern!!

Weitere Infos unter:
www.naomiklein.org und www.naomiklein.org/shock-doctrine/short-film


Naomi Klein
Die Schock-Strategie

Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus
Originaltitel: The Shock Doctrine: The Rise of Disaster Capitalism
Aus dem Englischen von Hartmut Schickert, Michael Bischoff und Karl Heinz Siber
S. Fischer Verlag, erschienen Oktober 2007
768 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-10-039611-2
22,80 Euro


Literatur

Beitrag vom 29.10.2007

AVIVA-Redaktion 






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