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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2021 - Beitrag vom 14.05.2013


Brigitte Salmen - Marianne von Werefkin. Leben für die Kunst
Dana Strohscheer

"Ich nannte sie den adeligen Straßenjungen. Schelm der Russenstadt, im weiten Umkreis jeden Streich gepachtet" - mit diesen Worten hat die Lyrikerin Else Lasker-Schüler die Malerin in...




... einem ihrer Gedichte gewürdigt.

Denn die russische Künstlerin Marianne von Werefkin war Vordenkerin und Malerin zugleich: sie hielt Zeit ihres Lebens die Arbeit für die Kunst für bedeutsamer als ihr persönliches Wohlergehen, und war gleichzeitig voller Lebensmut und Neugier auf die Welt.

Dieser entschlossenen Frau widmet sich dieser Kunstband, herausgegeben von der ehemaligen Leiterin des Murnauer Schloßmuseums Dr. Brigitte Salmen. Werefkins künstlerische Entwicklung ist eng mit dem bayrischen Ort verknüpft, formte sie doch bei ihren langen Aufenthalten gemeinsam mit befreundeten MalerInnen wie Gabriele Münter und deren Partner Wassily Kandinsky die eigene expressionistische Kunsttheorie weiter aus.

Eine Malerin auf der Suche nach sich selbst

Marianne Wladimirowna Werefkin wird am 29. August 1860 in Tula/Russland in eine russische Adelsfamilie geboren. Ihre Eltern achten darauf, dass die Tochter mehrere europäische Sprachen lernt und sich eine umfassende kultur- und geisteswissenschaftliche Bildung aneignet. Schon früh beginnt sie mit der Malerei, ihre Mutter bemerkt, wie talentiert die Tochter ist und gestattet Malunterricht bei PrivatlehrerInnen.

Bereits 1893 zeugt eines ihrer ersten Selbstportraits "In Matrosenbluse" von ihrem Selbstverständnis als Künstlerin - in aufrechter Pose schaut Werefkin die BetrachterInnen offen und selbstbewusst zugleich an.

Die junge Frau kommt in Kontakt mit der KünstlerInnengruppe der "Peredweschniki", der "Wandermaler", die es sich Ende des 19.Jahrhunderts abseits der Kulturmetropolen St. Petersburg und Moskau zur Aufgabe machten, das reale Leben der russischen Bevölkerung abzubilden und in der Provinz auszustellen. 1880 lernt sie den bis dato bedeutendsten russischen Maler des Realismus, Ilja Repin, kennen, bei dem sie - da sie als Frau nicht an der Moskauer Kunstakademie studieren durfte - über zehn Jahre als Privatschülerin lernen wird, bis sie sich künstlerisch neuen Zielen zuwendet und den Realismus hinter sich lässt.

Privat geht Werefkin eine Verbindung mit dem Offiziersanwärter Alexej Jawlensky ein, dessen Bekanntschaft sie 1892 macht und der selbst angehender Maler ist. So beginnt eine Beziehung, die sich in den Folgejahren für beide zu einer Amour fou ausweiten und ihrer beider Handeln weitgehend bestimmen wird.

"Kunst ist Emotion", lautete der Leitsatz der Malerin, was Salmens Band auf unprätentiöse Weise veranschaulicht. So verfolgen die BetrachterInnen die Entwicklung einer jungen, realistisch zeichnenden Frau (sie wurde zeitweilig als der "russische Rembrandt" bezeichnet), die großes Talent offenbart, hin zu einer künstlerischen Persönlichkeit mit einem ganz eigenen, ausdrucksstarken Stil.

Durch Auslandsreisen und intensiven Austausch mit anderen KünstlerInnen lernt Werefkin in München Gabriele Münter, die Lebensgefährtin Wassiliy Kandinskys und ihn selbst kennen. Sie verbindet eine tiefe Freundschaft, und als das Paar im Jahr 1912 die Kunstvereinigung der "Blaue Reiter" (der auch Erma Bossi, Franz Marc und August Macke angehören) gründen und den gleichnamigen Almanach herausgeben, treten auch Werefkin und Jawlensky kurze Zeit später bei.

Jedoch hat sich Werefkin hat sich inzwischen ganz der Förderung der Talente Jawlenskys verschrieben und malt für fast zehn Jahre selbst keine Bilder mehr. Sie arbeitet in erster Linie theoretisch und gilt mit ihren Überlegungen bis heute als Vordenkerin der klassischen Moderne. Doch kann sie mit ihrer Malabstinenz weder ihren Partner davon abhalten, seine Affären zu haben, noch kann sie ihren eigentlichen Wunsch nach der Malerei ganz aufgeben. In einem ihrer "Briefe an einen Unbekannten" schildert sie ihr Dilemma:

"Ich will arbeiten. Das ist wie eine Besessenheit. Ich bin aus tiefstem Herzen ergriffen von dem wilden Wunsch, mit Farbe umzugehen. (...) Bin ich wahre Künstlerin? Ja, ja, ja. Bin ich Frau? Ja, ja, ja. Können die beiden gemeinsam marschieren? Nein, nein, nein."

Aufgrund der politischen Situation in Europa am Vorabend des I. Weltkriegs muss Werefkin in die Schweiz ausreisen, wo sie nach der Oktoberrevolution in Russland auch ihren Pensionsanspruch einbüßt. So zeichnet sie Postkarten für TouristInnen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Doch hat sie auch Erfolge als Künstlerin: Sie nimmt 1923 an der ersten Bauhausaustellung in Weimar teil.

AVIVA-Tipp: Brigitte Salmen gelingt es, Leben und Werk Marianne Werefkins anschaulich und nachvollziehbar darzustellen. Informativ zeichnet sie ein lebendiges Bild der Künstlerin und den Kämpfen ihrer Zeit. So zeigt sie einmal mehr, dass auch der Expressionismus als Stilrichtung der Klassischen Moderne von klugen Frauen stark beeinflusst wurde, die nur allzu oft in Vergessenheit geraten sind.

Zur Autorin: Brigitte Salmen erhielt 1989 von der bayrischen Marktgemeinde den Auftrag, ein Museumskonzept für das Schlossmuseum Murnau zu erarbeiten. Mit ihrem Fokus auf die expressionistischen MalerInnen, die Anfang des 20. Jahrhunderts in dem Ort gelebt und gearbeitet hatten, gelang es Salmen, eine breite Öffentlichkeit für das Museum zu begeistern. Im Jahr 1993 öffnete das Museum seine Türen und zählte bis dato weit über eine Million BesucherInnen. Darüber hinaus gab Salmen mehrere Bücher über verschiedene KünstlerInnen heraus, wie "Gabriele Münter malt Murnau" (2006), "Maria Marc im Kreis des Blauen Reiter" (2004, in Zusammenarbeit mit Sandra Uhrig) und auch "Die Maler des Blauen Reiter und Japan" (2011). Im Juli 2011 verabschiedete sich Salmen aus leitender Position in den Ruhestand und veröffentlichte in diesem Jahr ihr Buch über Marianne von Werefkin.

Brigitte Salmen
Marianne von Werefkin. Leben für die Kunst

Hirmer Verlag, erschienen Januar 2013
Gebunden, 132 Seiten
ISBN 13: 978-3777420486
22,99 Euro
www.hirmerverlag.de

Weitere Informationen:

www.mariannevonwerefkin.de

www.fembio.org

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Beitrag vom 14.05.2013

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