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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 13.01.2017

Lynn Hershman Leeson - Civic Radar
Hannah Hanemann

Die j├╝disch-amerikanische K├╝nstlerin und Filmemacherin Lynn Hershman Leeson ("!Women Art Revolution!") gilt als eine der ersten und einflussreichsten, der wegweisendsten und radikalsten Pers├Ânlichkeiten im Bereich der Medienkunst in der Feminist Art Movement. Mit " Civic Radar" ist ...



... eine umfassende Monografie ihrer Arbeit erschienen ÔÇô sie umfasst Fotografien aus f├╝nf Jahrzehnten, sowie Zeichnungen, Texte, Interviews und Aufnahmen neuerer Installationen.

Die fast vierhundert Seiten dicke Monografie ehrt das bisherige Gesamtwerk Lynn Hershman Leesons, das 2015 und 2016 als Retrospektive in verschiedenen H├Ąusern unter dem Namen "Civic Radar" ausgestellt worden ist, unter anderem im "Zentrum f├╝r Kunst und Medien" in Karlsruhe und in den "Deichtorhallen Hamburg".
Die F├╝lle an unterschiedlichsten Projekten und Aufnahmen ist chronologisch geordnet und in Themenbl├Âcke unterteilt. Jedem dieser Bl├Âcke geht eine kurze Beschreibung zur Thematik und Intention der K├╝nstlerin voraus.
Ihre Werke kreisen um die Frage nach Identit├Ąt, der Rolle der Frauen in der Gesellschaft, Leben im Zeitalter von Massenmedien, Maschinen und Gentechnologie, sowie Kontrolle und ├ťberwachung und um die Beziehung zwischen realen und virtuellen Welten.
Der Band enth├Ąlt au├čerdem Texte von Andreas Beitin, Pamela Lee, Peggy Phelan, Ruby Rich, Jeffrey Schnapp, Kyle Stephan, Kristine Stiles, Tilda Swinton und Herausgeber Peter Weibel, die sich mit der Analyse einzelner Aspekte in Hershman Leesons Werk besch├Ąftigen.

An-und ablegbare Identit├Ąten

Gro├če Bekanntheit erlangte Lynn Hershman Leeson in den Siebziger Jahren mit der Erschaffung eines fiktiven Alter Egos, "Roberta Breitmore". ├ťber mehrere Jahre vollzog sie T├Ątigkeiten in Kost├╝m und Wesen dieses Charakters und dokumentierte ihre Erfahrungen in Zeichnungen, Fotos und Artefakten. Als "Roberta" ging sie zur Psychotherapie, datete per Zeitungsannonce, oder suchte MitbewohnerInnen. Durch "Roberta Breitmore" reflektierte Hershman Leeson die Umst├Ąnde der Gesellschaft in der sie lebte, sowie auch ihre Rolle als Frau. "Roberta" war eine der ersten interaktiven Kunstperformances, auch wenn die meisten Leute, mit denen sie interagierte, nicht wussten, dass es sich bei ihr um eine Kunstfigur handelte.
Diesen Ansatz verfolgte Leeson in den Achtziger Jahren weiter, als sie eine interaktive Video-Disc entwarf, welche der Zuschauerin einen Einblick in das Leben von "Lorna", einem weiteren fiktiven Charakter, erm├Âglichte. "Lorna" war eine agoraphobische Frau mittleren Alters, die ihre Wohnung aufgrund ihrer Phobie nicht verlie├č und nur ├╝ber ihr Telefon und ihren Fernseher Kontakt zur Au├čenwelt aufrechterhielt. Der Spieler oder die Spielerin konnte sich durch "Lornas" Zimmer bewegen, verschiedene Gegenst├Ąnde anklicken, welche Video-und Soundsegmente aktivierten, und letztendlich aus drei alternativen Enden f├╝r das Spiel w├Ąhlen.

D├╝stere und beklemmende Motive

Das Spiel mit Verkleidungen und Maskierungen pr├Ągte Hershman Leesons Kunst besonders w├Ąhrend ihrer Anf├Ąnge in den Sechziger und Siebziger Jahren. Unter den fr├╝hen Werken der K├╝nstlerin finden sich unter anderem Fotoaufnahmen von K├Âpfen aus Wachs mit Per├╝cken, von denen einige als "Selbstportraits" bezeichnet werden. F├╝r die Serie "Suicide Machines", die zwischen 1963 und 1968 entstand, hatte Hershman Leeson Wachspuppen mit Dochten gebastelt, die schmolzen, wenn sie angez├╝ndet wurden. Eine Referenz an den Golem? Brennende M├╝nder, der Kopf einer Frau in einer Kiste mit einem Schleier auf dem Kopf, betitelt "Burned Bride", und ein Foto von F├╝├čen, die unter einem wei├čen Laken hervorlugen, mit dem Titel "Abortion", muten die Betrachterin ausnehmend d├╝ster und verst├Ârend an. Insgesamt kreieren Hershman Leesons Werke oft ein dystopische Atmosph├Ąre, da Puppen, Masken und Wachsfiguren auch h├Ąufig verwendete Motive in Filmen oder anderen Medien des Horrorgenres sind. Diese Zukunftsszenarien stehen richtungsweisend f├╝r das Werk dieser K├╝nstlerin.

Wandelnde Themenspektren und Formate

In den Achtziger Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt der K├╝nstlerin von Fragen der Identit├Ąt hin zur Thematisierung des Individuums in der digitalisierten und technologisierten Welt. Ab Ende der achtziger/ Anfang der neunziger Jahre bet├Ątigte Hershman Leeson sich auch als Regisseurin und konnte anderem Tilda Swinton f├╝r einige ihre Filme gewinnen. Ihr Film "Teknolust" von 2002 gewann im selben Jahr beim "Hamptons International Film Festival" den Filmpreis in der Kategorie "Science and Technology". Der feministische Dokumentarfilm "!Women Art Revolution!" wurde 2011 vom "Museum of Modern Art" als eine der drei besten Dokumentationen des Jahres gezeigt und gewann 2012 den ersten Preis beim "International Festival of Films on Art" in Montreal.
Lynn Hershman Leesons neueste Werke sind ├╝berwiegend multimediale Installationen, die sie in Galerien ausstellt und die den BetrachterInnen oft interaktiv zug├Ąnglich sind. Neben ihren fr├╝heren Themen steht nun die Gentechnologie im Fokus, ebenso wie Wissenschaft, Technologie und Konsum, sowie die Beziehung zwischen Realit├Ąt und Virtualit├Ąt.

Die genannten Beispiele machen nur einen winzigen Teil des riesigen Gesamtwerks der K├╝nstlerin aus, durch welches frau sich anhand von "Civic Radar" arbeiten kann. Es ist sicherlich kein Fotoband, der oberfl├Ąchlich in kurzer Zeit durchgebl├Ąttert werden kann. Die F├╝lle an Informationen und Eindr├╝cken ist gewaltig und Lynn Hershman Leesons Kunst nicht immer leicht zu verdauen.

AVIVA-Tipp: "Civic Radar" gibt einen gut strukturierten ├ťberblick ├╝ber die k├╝nstlerische Transformation und Vielseitigkeit Lynn Hershman Leesons und l├Ąsst sowohl Kennerinnen als auch Neuentdeckerinnen der Medienk├╝nstlerin in fast f├╝nfhundert Abbildungen und informativen Texten auf ihre Kosten kommen.

Zur K├╝nstlerin: Lynn Hershman Leeson, 1941 in Cleveland, Ohio geboren. Innerhalb der vergangenen f├╝nf Jahrzehnte hat die US-j├╝disch-amerikanische K├╝nstlerin und Filmemacherin in den Bereichen Fotografie, Video, Film, Performance, Installation und interaktiver sowie netzbasierter Medienkunst Wegweisendes geleistet. Ihre bekannteste Werkreihe ist "Roberta Breitmore" (1973ÔÇô1978), eine Kunstfigur, verk├Ârpert von ihr selbst und ÔÇô teilweise simultan ÔÇô von drei weiteren Frauen. 1997 realisierte sie mit Tilda Swinton und Francesca Faridany in den Hautrollen den Film "Conceiving Ada" ├╝ber Ada Lovelace 2011 erhielt Lynn Hershman Leeson den "Develop Digital Art Award" des "Digital Art Museum [DAM]", Berlin, f├╝r ihr Lebenswerk. Ihr aus 12.000 Stunden Filmmaterial produzierter Film "!Women Art Revolution!", der belegt, wie die feministische Kunstbewegung Kunst und Kultur beeinflusst hat, wurde im gleichen Jahr vom "Museum of Modern Art" als eine der drei besten Dokumentationen des Jahres gezeigt und gewann 2012 den ersten Preis beim "International Festival of Films on Art" in Montreal.
2009 inspirierte ein von Lynn Hershman Leeson in den Siebziger Jahren verfasstes Essay das Elizabeth A. Sackler Center for Feminist Art, Brooklyn Museum zum Titel der Ausstellung "Reflections on the Electric Mirror. New Feminist Video".
Ihre Arbeiten sind Teil von zahlreichen Sammlungen, darunter NY MOMA, SF MOMA, The Tate Modern.
Lynn Hershman Leeson lebt und arbeitet in San Francisco und New York.
Mehr Infos zur K├╝nstlerin finden Sie unter:

www.lynnhershman.com
www.youtube.com
womenartrevolution.com


Lynn Hershman Leeson
Civic Radar

Herausgegeben von Peter Weibel
Hatje Cantz Verlag, erschienen 2016
384 Seiten, 492 Abbildungen, 21,30 x 26,90 cm, gebunden, englisch
45,00 Euro
ISBN 978-3-7757-4102-6
www.hatjecantz.de

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Literatur > Art + Design Beitrag vom 13.01.2017 AVIVA-Redaktion 





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