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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 16.02.2017

Alice Neel - Painter of Modern Life. Ausstellung vom 13.10.2017 bis zum 14.01.2018 in den Deichtorhallen Hamburg
Hannah Hanemann

├ťber f├╝nf Dekaden lang hat die amerikanische Malerin Gesellschaft und Menschen in eindr├╝cklichen Gem├Ąlden portraitiert. Als Sympathisantin des Kommunismus in den 1950er, Mitglied der renommierten New Yorker K├╝nstlerInnszene in den 1960er und Symbol der Frauenrechtbewegung in den 1970er Jahren,...



...war sie immer ganz nah am Zeitgeschehen. Ihr Werk ist eine bewegende Chronologie des zwanzigsten Jahrhunderts und seiner Vielseitigkeit.

Alice Neel gab dem amerikanischen Realismus des zwanzigsten Jahrhundert ein neues Gesicht. Beziehungsweise unz├Ąhlige verschiedene Gesichter, die sie in ihrem unverwechselbaren Stil portraitierte und deren Geschichten sich in ihren Gem├Ąlden andeuten.
Ausstellungen in Helsinki, Den Haag, Arles und Hamburg haben es sich 2016 und 2017 zur Aufgabe gemacht, Neels Werk in einer Sammlung von ├╝ber 70 sorgsam ausgew├Ąhlten Gem├Ąlden zu w├╝rdigen. Der Ausstellungskatalog, 2016 im Hatje Cantz Verlag erschienen, liefert zudem ausf├╝hrliche Informationen zu Leben und Werk der K├╝nstlerin, sowie Textmaterial verschiedener AutorInnen.

Individualit├Ąt und gesellschaftliche Einbettung

"(...) ich sp├╝rte, dass die Bilder von den Menschen die Epoche in einer Weise widerspiegeln, wie nichts anderes es k├Ânnte. Wenn Portraits gute Kunst sind, reflektieren sie die Kultur, die Zeit und noch vieles Mehr."

Dieses Zitat Alice Neels fasst die Besonderheit und Relevanz ihrer Kunst treffend zusammen. Jede ihrer Arbeiten ist sowohl ein in sich geschlossenes Kunstwerk, das einzeln rezipiert werden kann, als auch Bestandteil ihres umfassenden Gesamtwerkes, das die gesellschaftlichen Ver├Ąnderungen mehrerer Jahrzehnte dokumentiert und auf ihre pr├Ągnantesten Merkmale hinweist. Kleidung, Haltung und Ausdruck verraten der Betrachterin auf einen Blick, welcher Epoche und Kulturdie portraitierte Person angeh├Ârt und wecken in ihr zugleich eine Vorstellung von deren individuellem Leben, Charakter und Gef├╝hl.

Roher Realismus und psychologische Pr├Ązision

Alice Neel portraitierte Menschen aller gesellschaftlicher Schichten. Andy Warhol wurde ebenso zum Motiv eines Gem├Ąldes erkoren, wie eine spanische Mutter mit ihren drei kleinen Kindern oder Neels eigener Vater auf dem Sterbebett.
Die Bandbreite der von ihr festgehaltenen Aspekte menschlichen Lebens ist gro├č:
Tod, Armut, Alter und Trauer werden in ihren Werken ebenso thematisiert wie etwa Feminismus, Schwangerschaft und Sexualit├Ąt. Dabei sind ihre Portraits nie gesch├Ânt. Farbwahl, Perspektive und Pinself├╝hrung ├Ąsthetisieren ihre "Modelle" nicht, machen sie aber umso lebendiger und fangen Atmosph├Ąren auf bestechende Art und Weise ein.Es ist dieser rohe, manchmal d├╝stere und emotional aufgeladene Stil, der die K├╝nstlerin zu einer der einflussreichsten und wichtigsten Malerinnen des zwanzigsten Jahrhunderts macht.

Neels eigene Erfahrungen haben diesen Stil sicher gepr├Ągt: eine gescheiterte Ehe, der fr├╝he Tod einer ihrer T├Âchter, sowie ein schwerer Nervenzusammenbruch und Klinikaufenthalt ├╝berschatteten ihr Leben und sensibilisierten sie f├╝r die Abgr├╝nde der menschlichen Psyche.
"Wenn ich nicht K├╝nstlerin geworden w├Ąre, h├Ątte ich Psychiaterin sein k├Ânnen", hat Neel einmal festgestellt.
In der Tat ├Ąhnelt ihre Herangehensweise der einer Psychiaterin: durch ihre scharfe Beobachtung und pr├Ązise Analyse scheinen ihre Portraits direkt zum Kern ihrer Modelle vorzudringen, deren Innerstes nach au├čen zu kehren, und ebenso schonungslos wie einf├╝hlsam ihre Gef├╝hle, ├ängste und W├╝nsche zu offenbaren.

AVIVA-Tipp: Der Ausstellungskatalog "Painter of Modern Life" gibt neben einf├╝hrenden Texten einen guten chronologischen ├ťberblick ├╝ber Alice Neels facettenreiches Werk. Als k├╝nstlerische Dokumentation des zwanzigsten Jahrhunderts sind ihre Gem├Ąlde faszinierend und ausdrucksstark, einzeln betrachtet beeindruckt vor allem ihre emotionale Kraft.

Hinweis: Vom 13.10.2017 bis zum 14.01.2018 wird die Ausstellung "Alice Neel - Painter of Modern Life" in den Deichtorhallen Hamburg zu sehen sein.
www.deichtorhallen.de

Zur K├╝nstlerin: Alice Neel wird am 28. Januar 1900 in Merion Square, Pennsylvania als Alice Hartley Neel geboren. Nachdem sie nach ihrem Schulabschluss 1918 zun├Ąchst einen kaufm├Ąnnischen Kurs absolviert und als Sekret├Ąrin bei der amerikanischen Luftwaffe arbeitet, studiert sie ab 1921 Kunst an der "Philadelphia School of Design for Women". 1925 heiratet sie den kubanischen K├╝nstler Carlos Enr├şquez, mit dem sie f├╝r zwei Jahre nach Havanna ├╝bersiedelt. Mit ihm bekommt sie zwei T├Âchter, von denen die erste 1927 einj├Ąhrig stirbt. Durch diesen Schicksalsschlag traumatisiert, erleidet Neel1930 einen Nervenzusammenbruch, der 1931 in einem Suizidversuch m├╝ndet. W├Ąhrend dieser Zeit zerbricht ihre Ehe. Ihre 1928 geborene zweite Tochter lebt fortan bei der Familie ihres Ehemanns. Nach fast einj├Ąhrigem Klinikaufenthalt zieht Alice Neel Anfang der 1930er Jahre nach Greenwich Village, wo sie ├╝ber die Jahre erste Bekanntheit erlangt und erstmals in Gruppenausstellungen vertreten ist. Ihre erste Einzelausstellung in New York hat sie 1938 in der Galerie "Contemporary Arts, 38 West/ 57th Street".
Turbulente Beziehungen, Armut, sowie die Geburt zweier S├Âhne von verschiedenen M├Ąnnern pr├Ągen Neels Leben in den 1940er und 1950er Jahre. In dieser Zeit verkehrt sie auch mit SympathisantInnen der Kommunistischen Partei, malt deren Portr├Ąts und tritt selbst in die Partei ein.
Ihre linkspolitischen ├ťberzeugungen dr├╝ckt sie Zeit ihres Lebens in ihrer Kunst aus, etwa indem sie politische AktivistInnen und SchriftstellerInnen portraitiert.
In den 1960er Jahren siedelt Neel an die Upper West Side um und kehrt in den Scho├č der K├╝nstlerInnengemeinde zur├╝ck. Dort entstehen ihre ber├╝hmten Portr├Ąts von K├╝nstlerInnen, GaleristInnen und KuratorInnen.
Erst in diesen sp├Ąten Jahren wird sie einer breiteren ├ľffentlichkeit bekannt und ihr Werk in New Yorker Einzelausstellungen und Sammlungen gew├╝rdigt, unter anderem im "Museum of Modern Art", der "Graham Gallery" und dem "Whitney Museum of American Art", wo 1974 ihre erste Retrospektive pr├Ąsentiert wird.
Zu dieser Zeit wird sie zu einem Symbol der Frauenrechtsbewegung und f├╝r ihre unkonventionelle Aktmalerei weiblicher K├Ârper gefeiert.
1979 wird Alice Neel zusammen mit den K├╝nstlerinnen Isabel Bishop, Selma Burke, Louise Nevelson, und Georgia O┬┤Keeffe mit dem "Women┬┤s Caucus for Art Award" in Washington D.C. ausgezeichnet.
2005 widmet das "National Museum of Women in the Arts" in Washington D.C. ihr die Ausstellung "Alice Neel┬┤s Women", 2007 ist sie bei der Ausstellung "WACK!: Art and the Feminist Revolution" im "Museum of Contemporary Art" in Los Angeles vertreten.
Au├čerhalb der USA bleibt Alice Neel zun├Ąchst weitestgehend unbekannt. Erst um die Jahrtausendwende werden ihre Werke posthum auch in Europa ausgestellt, etwa in London, Berlin oder Stockholm.
Am 13. Oktober 1984 stirbt Alice Neel nach einer Krebsdiagnose im Kreis ihrer Familie in New York.
Mehr Infos: www.aliceneel.com und www.aliceneelfilm.com

Alice Neel
Painter of Modern Life

Text(e) von Jeremy Lewison, Bice Curiger, Petra G├Ârd├╝ren, Laura Stamps, Annamari V├Ąnsk├Ą.
Hrsg. Jeremy Lewison
Gebunden, 240 Seiten, 130 Abb., 25,60 x 29,70 cm. Sprache: Deutsch.
Hatje Cantz Verlag, erschienen 2016
39,80 Euro
ISBN 978-3-7757-4176-7
www.hatjecantz.de

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Literatur > Art + Design Beitrag vom 16.02.2017 AVIVA-Redaktion 





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