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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2019 - Beitrag vom 20.01.2019


Brigitta Waldow-Schily - Maria Hiszpańska-Neumann. Leben und Werk 1917 - 1980
Bärbel Gerdes

Vor sechzig Jahren hatte die polnische Malerin, Grafikerin und Buchillustratorin Maria Hiszpańska-Neumann ihre erste Einzelausstellung nach dem Krieg in Deutschland. Die jahrelang in Ravensbrück verhaftete "polnische Käthe Kollwitz" gehört zu den großen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, die sich immer wieder dem Leid der Menschen und seiner Heilung zuwandte.



Auf eine ganz besonders verschlungene Spurensuche hat sich die Kunsthistorikerin Brigitta Waldow-Schily begeben. Eher zufällig machte sie mit dem Werk Hiszpańska-Neumanns Bekanntschaft. In dem Wohnzimmer einer Freundin hingen einige Blätter aus dem graphischen Zyklus zu den Geschichten Jaakobs. Die Mutter der Freundin hatte die Künstlerin noch persönlich gekannt und Letztere hatte ihr die Holzschnitte selbst per Hand abgezogen. Waldow-Schily erhielt nach dem Tod dieser Mutter den Teil des Nachlasses, in dem es um das Werk Hiszpańska-Neumann ging: einige Briefe in deutscher Sprache, einige unbezeichnete Kopien von Graphiken sowie Zeitschriftenartikel von Dorothea Rapp aus den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts.

Vergebens recherchierte die Kunsthistorikerin in Bibliotheken, und auch im Internet wurde sie kaum fündig. Waldow-Schily recherchierte in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück und kehrte mit Berichten zumeist polnischer Lagergenossinnen zurück. Auf der Suche nach einer Übersetzerin wurde sie auf eine Frau namens Anne Kleinfeld verwiesen. Mit der Aussage, sie wisse nicht, ob sie mir helfen könne, denn sie hätte schon lange kein Polnisch mehr gesprochen, begründete Kleinfeld ihr Zögern. Schon vor vielen Jahren sei ihre polnische Freundin verstorben. Doch als Waldow-Schily den Namen der Künstlerin nannte, herrschte knisternde Stille am Telefon. In die hinein sagte Anne Kleinfeld: "Aber das gibt es doch nicht, das ist doch meine Freundin!"

Eine fast 15-jährige Freundschaft verband die beiden Frauen, und deren Briefwechsel stand Brigitta Waldow-Schily nun auch zur Verfügung neben den Übersetzungen von Artikeln und Berichten, einer 1963 in Polen erschienenen Biographie und schließlich sogar der Kontakt zur Tochter der Künstlerin, Bogna Neumann.
Und so betont Waldow-Schily zwar, dass der vorliegende Band sich vornehmlich auf deutschsprachige Quellen stütze, doch was sie zusammengetragen hat, ist spannend, berührend und sehr, sehr verdienstvoll.

Maria Zofia Janina Hiszpańska wurde 1917 in Warschau geboren, mitten in den Tagen der Oktoberrevolution. Das Mädchen, das erst mit vierzehn Jahren zur Firmung ihren Vornamen erhielt, wird Myszka genannt, das Mäuschen, Ausdruck ihres lebhaften Wesens und ein Name, den Maria Hiszpańska-Neumann ein Leben lang beibehalten wird. Eine kleine gezeichnete Maus ist auch fester Bestandteil der Signatur auf ihren Werken. Die Malerin kommt aus einem gebildeten Elternhaus mit einem Kreis origineller, vielseitiger, phantasievoller … und engagierter Persönlichkeiten. Ihr Vater und auch ihre Brüder waren bis 1918 im polnischen Widerstand gegen die russische Besatzung aktiv. Die Kinder lernten patriotische Lieder, doch auch das geklopfte Gefängnisalphabet. Im Hause Hiszpańska verkehrten Rosa Luxemburg und Józef Piłsudski, der maßgeblich am Widerstand beteiligt war.
So lernte Maria als etwas Selbstverständliches, sich gegen Unterdrückung aufzulehnen und die Unabhängigkeit als hohes Gut zu betrachten. Sie liebte das Skifahren und Fahrradfahren, vor allem aber das Wandern. Und sie zeichnete! Schon mit zwölf Jahren habe sie viel gezeichnet, schreibt sie in einem Brief, besonders phantastische Kompositionen. Mit 15 sei sie bereits eine romantische Sozialistin gewesen, die gegen soziale Ungerechtigkeit kämpfen wollte. Schon in dieser Zeit fühlte sie sich zu Themen der menschlichen Not und des Leidens hingezogen.

1935 nimmt sie in Warschau an der Kunstakademie ihr Studium der Malerei und Graphik auf, konzentriert sich jedoch bereits im zweiten Jahr auf die Graphik. Ihr Sujet ist das volkstümliche Leben. Titel dieser Arbeiten sind Bettler am Wegeskreuz oder Musikanten. Ihre Darstellung von Licht und Schatten fällt besonders ins Auge und wird im Werk Herdfeuer auf faszinierende Weise sichtbar.

Radikal ändert sich Maria Hiszpańska Leben im Jahre 1939. Im Frühling beendet sie ihr Studium, doch noch bevor sie es mit dem Diplom abschließen kann, marschiert die deutsche Wehrmacht in Polen ein. Es kamen danach vier Jahre, welche mich in die tiefsten und grausamsten Abgründe des menschlichen Leidens, der Entwürdigung, Entmenschlichung, der Hässlichkeit hineinschauen ließen, schreibt sie rückblickend 1965 in einem Brief.
Gleich in den ersten Kriegstagen kommt ihr Vater bei einem Bombenangriff ums Leben. Umgehend schließt sich Maria Hiszpańska mit einigen KunststudentInnen und FreundInnen, vor allem mit Halina Siemieńska zusammen, um im Widerstand zu kämpfen. Sie suchen Kontakt zur Widerstandsbewegung ZWS, dem Verband für den bewaffneten Kampf, ein Hauptzweig des polnischen Untergrunds. Eineinhalb Jahre lang nahm Maria Hiszpańska an konspirativen Aktionen teil, bevor sie im Juni 1941 verhaftet wurde. Sie sei einem ziemlich harten Verhör unterzogen worden, schreibt sie später, habe aber niemanden verraten. Fast ein Jahr verbringt sie in Gefängnissen der Gestapo. Im April 1942 wird sie schließlich dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück überstellt.

In diesem Jahr verzehnfachte sich die Anzahl der Häftlinge in Ravensbrück und erhöhte sich ab 1944 noch einmal dramatisch. Allein 1944 sind über 70.000 Einlieferungen verzeichnet. Insgesamt saßen ca. 123.000 Frauen in Ravensbrück ein, von denen die ca. 40.000 Polinnen die größte Häftlingsgruppe ausmachten.
Die menschenunwürdigen Verhältnisse nahmen mit den Jahren immer mehr zu. 1942 begannen die ersten Mordaktionen in Ravensbrück. Etwa 1600 Frauen wurden im Rahmen des Euthanasie-Programms der Nazis selektiert und in der Gaskammer der Heil- und Pflegeanstalt Bernburg/Saale ermordet. Rund die Hälfte dieser Frauen waren Jüdinnen.

Chronische Unterernährung, entsetzliche hygienische Bedingungen, mangelnde Kleidung und die sadistische Anordnung, wonach die Frauen vom Frühjahr bis zum Herbst barfuß zu gehen hätten, machten das Leben zur Hölle. Stundenlanges Appellstehen, Schikanen und Misshandlungen prägten den Alltag. Hinzu kam die Vernichtung durch Arbeit. Sinnlose Tätigkeiten wie das Hin- und Herschaufeln von Sand sollten die Frauen zermürben.
Maria Hiszpańska arbeitete ab dem zweiten Halbjahr 1942 in der Landwirtschaft. Bauern aus der Umgebung konnten sich die Frauen von der SS zu harter, schwerer Arbeit ausleihen. Danach musste sie in einem von der SS innerhalb des Lagers eingerichteten Textilbetrieb arbeiten. Zwei 11-Stunden-Schichten mussten die Frauen verrichten.
im Jahr darauf kommt sie in ein Außenlager, dem Rüstungsbetrieb Mechanische Werkstätten Neubrandenburg GmbH, wo sie bis zu ihrer Evakuierung im April 1945 bleibt. Die erprobte Zusammenarbeit von Industrie und KZ funktioniert auch hier perfekt. Der Konzern Siemens & Halske hatte schon im Sommer 1942 begonnen, ein Werk direkt neben dem Lager zu bauen. Von März 1943 bis Mai 1945 wurde der Betrieb komplett auf KZ-Häftlinge umgestellt.

Maria Hiszpańska versucht, diese Zeit mittels des Geistes zu überstehen. Sich die eigene Menschlichkeit zu bewahren, die Selbstachtung nicht zu verlieren, war ihr erklärtes Ziel.
Die wichtigste Kraftquelle war für sie ihr Glaube. Mich hält der Glaube, schreibt sie 1944 in einem Brief, in dem sie gleichzeitig trauert um alle nicht gedachten Gedanken, nicht gezeichneten Zeichnungen, nicht gelesenen Bücher.
"Unser Leben ist so schwer, so verdummend", schreibt sie ihrer Mutter, "es frisst so an des Menschen Hoffnung, Phantasie, Energie und Intelligenz."

Nicht minder lebensrettend ist für sie das Zeichnen, das ihr von einer Mitgefangenen den Namen polnische Käthe Kollwitz einbrachte. Maria Hiszpańska zeichnet auf ausgerissenen Zetteln, auf Pappen, Zeitungspapier. Rund 400 Zeichnungen entstehen in Ravensbrück, von denen nur wenige gerettet werden konnten. Es sind Zeichnungen aus dem Lagerleben: ausgemergelte Frauen in der Baracke, Frauen bei der schweren Feldarbeit, der entmenschlichende Kampf um das Essen und das verzweifelte Hungern. Düstere Bilder von der Nachtschicht in der Fabrik und der Suche nach Nahrung im Müll. Hinzu kommen Porträts einzelner mitgefangener Frauen.
Etwa 250 ihrer in Ravensbrück entstandenen Zeichnungen wurden mit anderen Dokumenten in Blechdosen im Wald vergraben, doch nie wieder gefunden. Die anderen verschenkte sie an Mitgefangene oder schmuggelte sie nach draußen.
Ihre Verlegung nach Neubrandenburg ist ein Schock. Sie empfindet sie als Sturz in den dunklen Abgrund und kann nicht mehr zeichnen. Die schwere und gesundheitsschädigende Arbeit in der Lackiererei, in der die Häftlinge ungeschützt Nitrofarbe auf Flugzeugteile sprühen mussten, die verhasste Arbeit in einem Rüstungsbetrieb und die zunehmenden gesundheitlichen Probleme ließen Maria Hiszpańska fast aufgeben. Dennoch entstanden auch hier fast 200 Zeichnungen.

Im April 1945 wird das Lager aufgelöst. Der Künstlerin gelingt die Flucht und sie erreicht vier Monate später Warschau. Sie lernt den Musikwissenschaftler und Anthroposophen Janusz Neumann kennen, den sie 1948 heiratet.
In Warschau hält sie sich mit dem Entwerfen von Lebensmittelmarken und dem Stadtwappen über Wasser.
Nächtelang aber zeichnet sie sich die Zeit im Lager aus dem Leib. Ich musste das tun, sonst wäre ich erstickt, es war wie seelisches Erbrechen, wird sie zitiert.

Noch 1945 wird Maria Hiszpańska Mitglied der Vereinigung polnischer Künstler. Sie nimmt ein Kunstgeschichtsstudium auf und beginnt ein Jahr später ihre Illustrationstätigkeit. Mehr als 70 Bücher wird sie im Verlauf ihres Lebens illustrieren, darunter Carlo Levis Christus kam bis Eboli, Garcia Lorcas Gedichte und Dramen, Mérimées Jaquerie sowie Sigrid Undsets König Artus.

In den Jahren 1947 und 1948 experimentiert sie. Holzschnitte und Radierungen entstehen, düster-melancholische, expressive Bilder.
Bereits ab 1954 hat sie Einzelausstellungen in Sofia und Warschau, sowie in fünf Städten in Mexiko, in Italien und Ägypten. Die erste Einzelausstellung nach dem Krieg in Deutschland hat sie im März 1959 in Ostberlin, in einem Jahr, in dem sie in eine seelisch-künstlerische Krise stürzt. Es quält sie der Gegensatz zwischen der menschlichen, edlen, emporstrebenden, nach allem Schönen, Erhabenen, Liebevollen sich sehnenden geistig-seelischen Natur und der primitiven, tierischen Unternatur. Die Erinnerungen an die unvorstellbaren Grausamkeiten, zu denen Menschen fähig sind, kommen wieder hervor.
Zunehmend widmet sie sich der religiösen Kunst.

Ab 1965 beginnt sie mit der Gestaltung von Kirchen und Kapellen. Sie setzt die Techniken Mosaik und Vinavil ein. 12 Wandarbeiten sind in Kirchen erhalten, vornehmlich in polnischen.
Wiederholt pilgert sie nach Tschenstochau.
Am 12. Januar 1980 erleidet Maria Hiszpańska-Neumann einen Schlaganfall, an dem sie noch in derselben Nacht stirbt.

Als ungemein intensiv, sprühend, ein kleines konzentriertes Bündel, ein Feuergeist, leidenschaftlich und zärtlich zugleich, beschrieben WeggefährtInnen die Künstlerin.

Der Mensch war und ist der Zentralpunkt meiner Interessen sagte Maria Hiszpańska. "Wir alle denken ja dasselbe – die ganze, über die ganze Welt hin zerstreute Menschenfamilie denkt und wünscht dasselbe. Eine Welt ohne Krieg, ohne Verfolgung, ohne Unterjochung, ohne Hass, ohne Verlogenheit.".

AVIVA-Tipp: Ein großartiges und beeindruckendes Geschenk hat uns die Kunsthistorikerin Brigitta Waldow-Schily mit dem Bildband über Maria Hiszpańska-Neumann gemacht. Ihre einfühlsame Biographie mit den zahlreichen Zeichnungen, Mosaiken und Bildnissen machen die Künstlerin endlich auch in Deutschland zugänglich.

Zur Autorin: Brigitta Waldow-Schily, wurde 1962 in Berlin geboren. Nach der Schule zwei Jahre in Camphill Dorfgemeinschaften in den USA und Österreich. Studium der Anglistik und Kunstgeschichte in Berlin. 1991-1999 freie Mitarbeiterin im Von der Heydt-Museum Wuppertal. 2001-2012 Dozentin für Kunstgeschichte und Anthroposophie an der Artaban-Schule für künstlerische Therapie in Berlin. 2014 erschien ihre Biographie Greg Tricker und sein malerischer Weg mit Kaspar Hauser.

Brigitta Waldow-Schily
Maria Hiszpańska. Leben und Werk 1917 – 1980

Info3-Verlagsgesellschaft, erschienen 2014
287 Seiten
ISBN 978-3-95779-005-7
39,00 Euro
Mehr zum Buch: www.info3-shop.de

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