Heike Klapdor – Ich bin ein unheilbarer Europäer - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Juedisches Leben



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2021 - Beitrag vom 05.03.2008


Heike Klapdor – Ich bin ein unheilbarer Europäer
Silvy Pommerenke

Die Herausgeberin hat im Auftrag der Deutschen Kinemathek den umfangreichen Briefwechsel Paul Kohners, eines im amerikanischen Exil lebenden Filmagenten, gesichtet und auszugsweise ediert.




Seine berühmten AbsenderInnen und AdressatInnen trugen keine geringeren Namen als Thomas und Erika Mann, Lion Feuchtwanger, Luise Rainer oder Sergej Eisenstein.

Paul Kohner, geboren 1902 in Böhmen als Sohn eines jüdischen Fabrikanten, emigrierte bereits 1920 nach Amerika. Die Liebe zum Film übertrug ihm sein Vater, der in Teplitz ein Filmtheater führte, und als Paul Kohner 1920 Carl Laemmle, den Gründer der Filmproduktionsfirma Universal traf, war sein beruflicher Weg bereits vorgezeichnet. Kohner fing als Botenjunge an und beendete seine Karriere schließlich als einer der berühmtesten Filmagenten Hollywoods. Der amerikanische Traum, vom Tellerwäscher zum Millionär, schien sich für ihn verwirklicht zu haben.

Neben seinem beruflichen Erfolg beobachtete der Filmagent aber auch besorgt die Entwicklung in Europa und bald erreichten ihn unzählige Briefe mit der Bitte um Hilfe. Eine Selbstverständlichkeit und Pflicht für den "unermüdlichen Briefeschreiber". Er nutzte seine Kontakte und Verbindungen im amerikanischen Filmbusiness um Geld, Visa, Bürgschaften und Affidavits zu erwirken, wodurch er vielen – längst nicht allen – BittstellerInnen das erhoffte Exil in den Vereinigten Staaten ermöglichen konnte.

Die Literaturwissenschaftlerin und Filmhistorikerin Heike Klapdor hat die dramatischen Umstände während der Nazi-Diktatur mittels dieser edierten Briefe nachgezeichnet. Dabei ist ein intensives Zeitportrait entstanden, das nicht chronologisch abgebildet wird, sondern sich inhaltlich verschiedener Themen annähert. So geht es beispielsweise um den schmerzlichen Abschied von Europa, das den Verfolgten Heimat war und den Schwierigkeiten, sich in der Neuen Welt einzugliedern. Die Herausgeberin beleuchtet die Probleme, denen die Flüchtenden während des Transits ausgesetzt waren oder den sozialen Abstieg, dem fast alle in Amerika unterlagen. Der Ruhm, den die intellektuelle jüdische und kommunistische Elite in Europa besaß, war selten bis in die Staaten vorgedrungen. Größen wie Alfred Bassermann oder Georg Kaiser mussten sich mit marginalen Anstellungen zufrieden geben und andere exilierte JüdInnen vielfach – Ironie des Schicksals – in amerikanischen Filmen die Rollen von NazidarstellerInnen spielen. Klapdor zeigt aber auch in ihren edierten Briefen die Dankbarkeit der BittstellerInnen, dem Albtraum Hitler und den Kriegswirren entkommen zu sein. Sie belässt es nicht dabei die schriftlichen Zeugnisse unkommentiert abzudrucken, vielmehr führt ein roter kommentatorischer Faden durch das Buch, der aufschlussreiche Informationen und Hintergründe aufzeigt, die vielfach in dieser Tiefe noch nicht bekannt waren.

Diese akribische und außergewöhnliche Aufbereitung des Themas "deutsche EmigrantInnen in den USA", die Einbettung in den historischen Kontext und nicht zuletzt die behutsame Gegenüberstellung unterschiedlichster Briefe hätten den Namen der Autorin auf dem Buchcover mehr als gerechtfertigt, denn dort sucht man ihn vergeblich. Klapdor wurde im Dezember 2007 von der Darmstädter Jury der Institution "Buch des Monats" ausgezeichnet, die seit 1952 monatlich Buchempfehlungen abgibt, denen besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte.

Weitersehen: "Der Agent vom Sunset Boulevard" ein Film von Heike Klapdor über Paul Kohner (1995)

Weiterlesen: "Manja" von Anna Gmeyner, mit einem Nachwort von Heike Klapdor

Zur Herausgeberin: Dr. Phil. Heike Klapdor, geboren 1952 in Düsseldorf, Literaturwissenschaftlerin und Filmhistorikerin, Studiendirektorin am Berlin-Kolleg, zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema Exil, Mitherausgeberin der Zeitschrift "FilmExil" (Berlin, München 1992 bis 2005), Kuratorin der Ständigen Ausstellung des Filmmuseum Berlin (2000). Sie lebt in Berlin. (Quelle: Verlagsinformation)

AVIVA-Tipp: Das Thema "deutsch-jüdisches Exil" wird in diesem Buch auf das amerikanische Filmgeschäft fokussiert, dessen Mittelpunkt der Filmagent Paul Kohner und sein exorbitanter Schriftwechsel bildet, durch den er vielen ein neues Leben in Hollywood ermöglichte. Vor allem die Kommentare der Herausgeberin halten die Edition zusammen und zeichnen ein dramatisches Portrait von Verfolgung, Hoffnung und Enttäuschung.

Heike Klapdor
Ich bin ein unheilbarer Europäer
Briefe aus dem Exil

Mit einem Vorwort von Guy Stern
Aufbau Verlag, erschienen Oktober 2007
Gebunden, 510 Seiten
ISBN: 3351026552
29,95 Euro


Literatur > Jüdisches Leben

Beitrag vom 05.03.2008

Silvy Pommerenke 






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