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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2018 - Beitrag vom 29.12.2017

Sabine Appel, Alexei Jekimowski - Oskar & Darja. Schlemmers Muse
Nea Weissberg

Die dokumentarische Erzählung von Sabine Appel, die in historischen Zeitabschnitten von 1890 bis 1972 aufgegliedert ist, basiert auf niedergeschriebenen Erinnerungen von Alexei Jekimowski, dem Enkel der russisch-jüdischen Revolutionärin Dora Naumowna Jekimowskaja, Darja genannt.



In ihrem Vorwort legt die Autorin dar, wie sie anhand einer minimalen Quellenlage das Leben von Dora Naumowna Jekimowskaja rekonstruiert hat. Ein Leben, das 2014 erstmalig in Buchform unter dem Titel "Darja, musa Oskara Schlemmera" basierend auf den Erinnerungen und auf Initiative ihres heute in Israel lebenden Enkels Alexei im Verlag Dostojanije erschien.

Seine Großmutter Darja war eine von Oscar Schlemmers Musen. Darja und Oscar verband vice versa bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs eine intensive Liebesbeziehung. Sie blieb ihm Zeit ihres Lebens verbunden, auch wenn Kriege, Flucht und einige Länderwechsel sie voneinander über viele Jahre trennte.

Darja wurde 1890 in dem damals russischen Slonim geboren, einer Stadt mit überwiegend jüdischer Bevölkerung und einem bedeutenden Zentrum jüdischer Kultur. Das von vielen politisch gewaltvollen Umwälzungen durchdringende und international unstete Leben jener russisch-jüdischen Revolutionärin wird im vorliegenden Buch anschaulich in privaten, historischen und kulturpolitischen Rückblenden eingebettet.
Die AutorInnen Appel und Jekimowski beschreiben, in welchem kulturellen Umfeld sich Darja bewegte und wie sie auf die nacheinander folgenden gesellschaftspolitisch restriktiven Umwälzungen reagierte und sich zeitlebens politisch engagierte.

Schon als Jugendliche war sie in der jüdischen ArbeiterInnenbewegung aktiv. Mit ihrer Flucht vor staatlicher Hetzjagd und militärischem Despotismus war sie innerhalb anarchistischer Bewegungen im Untergrund tätig, erst auf dem Lande, anschließend in Wilna. 1907 brachte sie ein ihr familiär Nahestehender über Tilsit und Königsberg nach Berlin. Hier lernte sie deutsch, besuchte politische Zusammenkünfte. Sie schloss sich dem "Bund" an, der ihr subversive Aufträge übergab und weitreichende Kontakte zu russischen und deutschen Gleichgesinnten arrangierte.

1910 lernte Darja Gusta, die geschiedene Frau des Pianisten Ernst Hoffzimmer kennen und kümmerte sich um deren beiden Kinder und um die von Hoffzimmer Verlassene. Pikanterweise hatte sie eine kurze Zeit später selbst eine Liaison mit dem Pianisten, der sie im Herbst ehelichte. Im November 1910 wurde die gemeinsame Tochter Dolores geboren, Ljoloja genannt. Ljoloja ist Alexei Jekimowskis Mutter. Die Ehe mit dem Pianisten hielt nur einige Jahre, die Scheidung wurde 1912 eingereicht.

Oscar Schlemmer war Darja bereits im avantgardistischen Kreise um Herwarth Walden begegnet. Oskar und Darja waren einander spontan zugeneigt, sie verliebten sich ineinander. Am 3. Januar 1916 wurde deren gemeinsamer Sohn Leonid, Ljonja genannt, geboren. Zuvor hatten sich die Liebenden voneinander räumlich trennen müssen, denn für die russische Revolutionärin war Deutschland als Aufenthaltsort immer gefährlicher geworden, es herrschte Krieg zwischen Deutschland und Russland. Darja reiste über Dänemark nach Norwegen ein.

Jekimowskis Mutter Ljolija verblieb zunächst in Deutschland und konnte erst aufgrund der Kriegsumstände im Mai 1918 zu ihrer Mutter und ihrem Halbbruder Ljonja nachreisen.
Schlemmer wurde im I. Weltkrieg dienstverpflichtet und 1918 aus dem Militärdienst entlassen. Zu jener Zeit weilte Darja in Sowjetrussland.

Oscar Schlemmer blieb Darja, die 1915 der Kriegswirren wegen aus seinem Leben verschwunden war, über Jahre innerlich verbunden.
Erst 1920 fühlte er sich zu einer anderen Frau hingezogen und heiratete die Künstlerin Helena Tutein, Tut genannt. Sie hatten drei Kinder.

Darja erfuhr 1924 von Schlemmers Heirat, als sie mit ihren beiden Kindern nach Deutschland zurückkehrte. Schlemmer kümmerte sich um die finanzielle Unterstützung seines unehelichen Sohnes und auch um die Tochter Darjas. Von 1925 an war Darja in der Handelsvertretung der UdSSR beruflich tätig.

Schlemmer erweiterte sein künstlerisches Repertoire nach und nach erfolgreich, seine kreative Kunstfertigkeit und Beschäftigung basierten u.a. auf der Malerei, Bildhauerei, Zeichnungen, Aquarellen, der Bühnendarstellung. Als Bühnenkünstler erschuf er den "Tänzermenschen" mit Gewand und Maske zu einer "Kunstfigur". In ihr verbündet sich Tanzausdruck, Kostüm, Musik und Pantomime. Schlemmer avancierte von 1929 an im Ausland zum anerkannten Künstler.

Die Nationalsozialisten stempelten Schlemmers Kunst 1933 als nicht "arisch" ab, die Nazi-Presse nannte ihn einen "Kunstbolschewisten". Schlemmer erhielt Berufsverbot. Ein existentieller Einschnitt, der finanzielle Not mit sich brachte.
1937 wurden Schlemmers Werke in der Ausstellung "Entartete Kunst" präsentiert.

Darja war im "Dritten Reich" als Jüdin und Kommunistin gefährdet. Sie wurde Anfang 1933 inhaftiert und kam erst nach zwei Monaten frei. Ihr Entschluss, danach Deutschland den Rücken zu kehren, stand fest.

1933 kehrte Darja nach 23 Jahren der Abwesenheit zu ihrer Familie, in ihren Heimatort Slonim zurück. Ein Jahr später reiste sie nach Moskau weiter. Sie erfuhr von Schauprozessen (1936-1938), von der großen politischen "Säuberung" Stalins, von der immer stärker werdenden willkürlichen Reglementierung kulturellen, politischen und des alltäglichen Lebens, von Denunziationen, von Schandtaten der Geheimpolizei, von Arbeits-, Straf- und Sonderlagern, Sondergerichten, Folterungen, Hinrichtungen gegen die alten Mitglieder der Partei.

Zwei lange Jahre lang versteckte sich Darja, dank der Unterstützung von Freundinnen und Freunden, in einer abgeschiedenen Datscha im Wald, nahe der Bahnstation Kljasma, nördlich von Moskau.

1941 erlebte Darja den Einmarsch der deutschen Wehrmacht, hörte von kaltblütigen Mordpogromen der Einsatzgruppen, den Raub-Mordkommandos, die sich aus der deutschen SS und Geheimpolizeien rekrutierten. Die deutschen Einsatzgruppen konnten seinerzeit auf eine örtliche zivile und polizeiliche Unterstützung zurückgreifen.

Darja erfuhr von der fast restlosen Ermordung ihrer Herkunftsfamilie und der massenhaften Liquidierung der russisch-jüdischen Bevölkerung.

Darja verlor ihre Tochter Ljolija und ihren Sohn Ljonja. Oskar Schlemmer, der 1946 kulturpolitisch post mortem rehabilitiert wurde, verstarb am 13. April 1943. Schlemmer hatte bis zu seinem Tode nicht gewusst, dass sein Sohn Ljonja bereits im ersten Kriegsjahr der Sowjetunion mit Nazideutschland gefallen war.

Alexei Jekimowskis Mutter Ljoloja hatte sich aus freien Stücken zur Frontarmee gemeldet, sie fiel 1944 in den Kämpfen um den Brückenkopf Sandormierrz, nahe Krakau. Darja verstarb verarmt am 24. Dezember 1972 in Moskau.

Die Liebesbeziehung zwischen Oskar und Darja hatte durch seine Heirat mit Tut einen faktischen Riss erfahren. Von 1928 an war ihr Briefaustausch abgerissen, mit ihrer Tochter Ljolija stand Schlemmer noch bis 1933 im Briefkontakt. Darja blieb Oscar innerseelisch zeitlebens tief verbunden.

An ihren kleinen Enkel Alexei Jekimowski reichte Darja in gefühlvoller Erinnerung an ihren verstorbenen Sohn und seinem Onkel dessen Kosename Ljonja weiter. Dieser Beiname wurde ihr Trost und drückte ihre innige Nähe zu ihrem Enkelsohn aus.

Das Buch Oskar & Darja endet mit den expressiven Liedzeilen:
"Rausche, rausche Birke und trockne die Tränen", die Alexei Jekimowskis Großmutter ihm als Kind vorgesungen hatte.

AVIVA-Tipp: "Oskar & Darja. Schlemmers Muse", handwerklich ein Kleinod, mit einer Bauhaus-Schrift auf sehr gut ausgewähltem Papier gedruckt, gibt den Lesenden einen kunsthistorischen und zeitgeschichtlichen Überblick und zeigt auf, wie zwei Weltkriege in das Leben der Protagonistinnen und Protagonisten folgenschwer einwirkten.
Ein rundum bemerkenswertes, auffällig gut gestaltetes Buch, das eine weitestgehend vergessene Frau würdigt. Während Oskar Schlemmer der Kunstwelt noch heute ein Begriff ist und sein Werk in zahlreichen Publikationen und Sammlungen vertreten ist, hat kaum jemand den Namen Dora "Darja" Naumowna Jekimowskaja jemals zuvor gehört. Erst durch diese Publikation wird das Leben der russisch-jüdischen Revolutionärin Dora "Darja" Naumowna Jekimowskaja, erstmalig erfahrbar.

Zur Autorin: Sabine Appel, geboren 1967, Germanistin und Sachbuchautorin, promovierte in Heidelberg mit einer Arbeit über Thomas Mann. Appel verfasste Biografien über Elisabeth I., Johann Wolfgang von Goethe, Caroline Schelling, Madame de Staël, Friedrich Nietzsche und Heinrich VIII. Ihre Goethe-Darstellung wurde 1998 als "Buch des Jahres" ausgezeichnet. 2000 erhielt sie ein Literaturstipendium des Ministeriums für Kultur, Rheinland-Pfalz.
Literatur von und über Sabine Appel im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek: portal.dnb.de

Sabine Appel, Alexei Jekimowski
Oskar & Darja. Schlemmers Muse

88 Seiten, 9 Abbildungen, Hardcover
Hirmer Verlag, erschienen August 2017
17,90 Euro
ISBN: 978-3-7774-2939-7
Mehr Informationen zum Buch: www.hirmerverlag.de

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