Bewegtes Schweigen - Lies Auerbach-Polak und Betty Bausch-Polak - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Juedisches Leben



AVIVA-BERLIN.de im März 2021 - Beitrag vom 22.05.2009


Bewegtes Schweigen - Lies Auerbach-Polak und Betty Bausch-Polak
Margret Müller

Die Schwestern Betty und Lies wachsen behütet in Amsterdam auf, bis 1940 die Nazis Holland besetzen und jede für sich ums Überleben kämpfen muss, die eine im Untergrund, die andere in Lagern.




Zwei alte vitale Frauen, die die Shoah überlebten, brechen ihr Jahrzehnte währendes Schweigen. Ein in unserer redseligen Gesellschaft erstaunlich anmutendes Phänomen, umso kostbarer die ausgesprochenen Erinnerungen der (noch) Lebenden. Es waren sehr bewegte Jahrzehnte seit dem Krieg, der ihr Leben bis heute prägt. Die ersten Worte über diese Zeit kommen daher zunächst nur holprig von den Lippen. Daraufhin brauchten sie insgesamt zehn Jahre, um ihre Geschichte aufzuschreiben. Es ist die Geschichte zweier Frauen, die erkannt haben, wie wichtig es ist, ihren Kindern (die selber schon Großeltern sind) und Enkeln zu erzählen, welche Last ihre Leben prägte. Ihr Zeugnis ist wichtig für diese Generation und die ihr Folgenden, die keine Zeitzeugen des Holocausts mehr erleben werden. Es ist ein Zeugnis gegen die Schlussstrichdebatte.

Im Wechsel erzählen die Schwestern Betty und Lies von ihrer Odyssee durch den Holocaust.
Beide beschreiben ihre jüdisch-orthodoxe Kindheit als glücklich, doch zu Beginn der deutschen Besatzung der Niederlanden 1940 wird die Familie auseinandergerissen und jedeR kämpft getrennt ums Überleben. Betty, frisch verheiratet, weigert sich, von den Nazis als Jüdin registriert zu werden und taucht mit ihrem Mann unter. Es beginnt eine mehrere Jahre währende Irrfahrt durch Holland, ständig aus dem Koffer lebend, in dauerhaftem Ausnahmezustand. Durch ihre guten Beziehungen findet sie immer wieder Unterschlupf. Mit Adleraugen, Schlagfertigkeit und einer ordentlichen Portion Glück übersteht Betty Situationen, die die Nackenhaare der Leserin immer wieder sträuben lassen. Den mit ihrem Mann organisierten Widerstand überlebt nur sie, ein Umstand, den ihr damaliges Umfeld nicht begreifen und ihr nicht verzeihen konnte. Schrecklich allein kämpft sie sich weiter durch.
Ihre jüngere Schwester Lies wohnt zunächst noch bei den Eltern in Amsterdam, nach deren Deportation entkommt sie selber in letzter Minute mehreren Räumungskommandos. Ihrem Freund jedoch folgt sie ins Lager Westerbork und später nach Bergen-Belsen, wo sie allen Widrigkeiten zum Trotz als Pflegeschwester arbeitet und hilflos dem massenhaften Tod ins Auge schaut. Ihre Rettung wird schließlich ein außergewöhnlicher Austausch deutscher Templer aus Israel gegen jüdische Gefangene aus Deutschland. Allein kommt sie in Palästina an, in einer völlig fremden Welt und findet ihren Weg.

Sehr schnell fällt auf, wie unterschiedlich die Schwestern sind. Nüchtern, wie einen Lebenslauf, reiht Betty ein Ereignis an das Andere (und derer sind viele!) und überlässt es dabei der LeserIn, diese mit Emotionen zu füllen. Dagegen beschreibt Lies lieber das Exemplarische, mitfühlbar ausgemalt. Dabei ist es manchmal an der LeserIn zu verstehen, warum gerade dieses ausgeführt und wurde und jenes nicht.
In der Kombination wirkt die Ergänzung der beiden Schwestern wunderbar und auch in der Realität sind es die Schwestern, die sich gegenseitig in der damaligen Einsamkeit des Überlebens zum Anker wurden.

AVIVA-Tipp: Die wechselseitigen Erinnerungen dieser beiden Frauen, deren Weisheit, Kraft, Optimismus und Lebensdrang jede Seite prägt und dadurch beschenkt, sind einzigartig. Besonders persönlich und auch historisch spannend sind die erhaltenen Brieffragmente der Schwestern aus der Zeit von 1944 bis 1947. Die Ängste, die Sorgen, das nüchterne Alltagsglück und auch das in diesen Briefen schon Beschwiegene sprechen Bände.
Besonders für Schulklassen und SchülerInnen ist dieses Buch geeignet, vor allem, da die Autorinnen sich den Dialog mit der Jugend zum Ziel gemacht haben und immer wieder öffentliche Gespräche suchen - in den Niederlanden, in Israel und in Deutschland - um durch ihre Geschichte angeregte Fragen zu beantworten.

Zu den Autorinnen: Lies Auerbach-Polak und Betty Bausch-Polak wurden 1919 und 1922 als zwei von vier Kindern in Amsterdam geboren. Die Shoah überlebten nur sie und ihr Bruder. Seitdem lebt Lies in Israel, während Betty den Großteil ihres Lebens in den Niederlanden verbracht hat. Die vorliegende Übersetzung wurde anlässlich Bettys 90. Geburtstages im April 2009 veröffentlicht.

Lies Auerbach-Polak und Betty Bausch-Polak
Bewegtes Schweigen

Aus dem Niederländischen von Sylvia Eke van der Woude
Litblockin Verlag, erschienen im April 2009
Gebundene Ausgabe, 164 Seiten, 33 Abbildungen
11,90 Euro
ISBN-13: 978-3-932289-17-0


Literatur > Jüdisches Leben

Beitrag vom 22.05.2009

AVIVA-Redaktion 






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