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AVIVA-BERLIN.de im März 2021 - Beitrag vom 25.06.2009


Michal Zamir - Die Siedlung
»Nana« Nicole Wenger

Ihr Roman "Das Mädchenschiff" sorgte in der (israelischen) Öffentlichkeit für viel Aufsehen und entfachte hitzige Diskussionen – vor allem beim Militär. Auch ihr neues Buch dürfte Empörung, ...




...Begeisterung oder Unverständnis bei den LeserInnen hervorrufen. Auf den Betrachtungswinkel kommt es an!


Ein Spa in der Oase?

Die Siedlung Newe Chanit "Oase des Speers" wurde, wie auch andere, von und für die militärische Elite, Veteranen, Gründungsväter des Staates, erbaut und von ihren Familien mit Leben gefüllt. Und noch immer werden die wichtigsten Entscheidungen der Bewohner im Siedlungsrat beratschlagt. Doch die Ältesten verlieren mehr und mehr an Einfluss und Bedeutung, denn ihre Nachkommen und NachfolgerInnen streben nach anderen "Idealen" und teilen nicht mehr die gleichen Moralvorstellungen. Shoah-Überlebende und Kriegsveteranen sterben weg – für die neue Generation hat Heimat und Tradition ein andere Bedeutung.

Verfall und Verwesung

Die Oase ist im radikalen Wandel begriffen und entwickelt sich von einem Ort des Friedens und der Zuflucht in eine Betonwüste, in der um jedes Fleckchen Grund mit harten Bandagen oder mit subtiler Vertreibung gekämpft wird. Die bescheidenen Behausungen der GründerInnen sollen nun den Villen - mit babylonischen Ausmaßen - und den Bedürfnissen der Schönen und (Neu-)Reichen weichen.
Die Fassaden bröckeln. Und jede(r) kämpft für ihre oder seine eigenen Interessen: Der Immobilienhai Gaby Chayek kennt keine Skrupel, wenn es darum geht, seine Vorstellungen zu befriedigen: Gaby Chayek nimmt sich was er will, sein Leben wird bestimmt von seiner Gier und Geilheit. Er will große Teile der "Oase" modernisieren und in ein "Spa" umwandeln, das nicht nur ein Ort der Ruhe werden soll.
Der Siedlungsrat sieht diesen Bestrebungen mit großer Skepsis entgegen, doch zu verhindern weiß er es nicht. Seine Tage sind gezählt. Die Kinder sind ausgezogen. Sie wollen erben ...

Was der Herr tut ...

Die Siedlung wird von den Männern dominiert und "regiert". Die meisten Frauen fügen sich. Nicht so die allein erziehende Mutter Hilali, sie lebt ihr eigenes, chaotisches wie lustvolles Leben und zieht so den Unmut der Ältesten auf sich. Doch als sie sich auf eine Affäre mit Gaby einlässt, läuft sie Gefahr, die Kontrolle über ihr Leben, ihre Gefühle und die ihres Sohnes zu verlieren. Die Lücke der verlorenen Werte und Ideale scheinen sich (so) nicht schließen zu lassen.

Michal Zamir hat mit "Die Siedlung" erneut einen brisanten, intelligenten und dazu ironischen kleinen Gesellschafts-Roman geschrieben. Ganz bewusst verzichtet sie auf den erhobenen Zeigefinger und überlässt es den LeserInnen, die aufgeworfenen (Gesellschaft-) Fragen weiter zu denken.

Zur Autorin: Michal Zamir wurde 1964 in Tel Aviv geboren und ist die Zochter von Zvi Zamir, dem früheren Chef des israelischen Geheimdienstes Mossad.
Ihre Erfahrungen beim israelischen Militär schildert Michal Zamir in ihrem Roman Das Mädchenschiff, der bei Presse und Publikum auf große Aufmerksamkeit stieß. Sie lebt mit ihrer Tochter in Tel Aviv.

Zur Übersetzerin: Ruth Achlama, Jahrgang 1945, studierte in Heidelberg Jura, in Cincinnati Judaistik und in Jerusalem Bibliothekswissenschaften. Sie lebt seit 1974 in Israel und arbeitet seit fast dreißig Jahren als Übersetzerin, so etwa für Werke von Amoz Oz, Abraham B. Jehoschua und Meir Shalev.

AVIVA-Tipp: Michal Zamir ist eine Meisterin des Spiels mit den Perspektiven und des wertfreien aber leidenschaftlichen Erzählens. Widersprüchlich und (un-)sympathisch sind ihre Figuren, metaphorisch ihre Beschreibungen. Sie gibt einen ehrlichen Blick auf das (moderne) Israel, auf ein Land, das sich der Zerreißprobe zwischen Tradition und Zukunft mitsamt seinen Moralvorstellungen stellen muss.

Michal Zamir
Die Siedlung

Originaltitel: Mitkanim we-Atrakziot
Übersetzt von Ruth Achlama
Atrium Verlag, erschienen März 2009
Gebundene Ausgabe: 220 Seiten
ISBN: 978-3855358250
19,90 Euro


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin: "Das Mädchenschiff" von Michal Zamir und "Israel – Reise durch ein altes neues Land" von Sylke Tempel.

Weiterlesen: "Ein schönes Attentat" von Assaf Gavron.


Literatur > Jüdisches Leben

Beitrag vom 25.06.2009

AVIVA-Redaktion 






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