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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2021 - Beitrag vom 05.10.2009


Magdaléna Platzová - Aarons Sprung
Claire Horst

Der titelgebende Aaron ist nur eine der Hauptfiguren in dem Roman der tschechischen Autorin. Aus mehreren Perspektiven erzählt Platzová die Geschichte der jüdischen Malerin Berta Altmann, die in...




... Auschwitz ermordet wurde.

Vorbild für Berta Altmann ist die historische Künstlerin Friedl Dicker-Brandeis, die in Theresienstadt Kindern Malunterricht gab und mit ihnen in den Tod ging. Von den Kindern sind 4000 Zeichnungen überliefert, die von ihrem Leben im Konzentrationslager zeugen.

Platzová lässt eine Überlebende von Berta Altmann erzählen. Bertas Freundin Kristýna Hladková, inzwischen 88 Jahre alt, wird von einem israelischen Filmteam nach der Künstlerin befragt. Aufgerüttelt aus ihrer Strategie des Verdrängens, beginnt sie sich erstmals mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen. Was war ihr eigener Anteil an der Geschichte? Hätte sie Berta wirklich nicht helfen können?

Kristýnas Enkelin Milena, die für das Kamerateam die Aussagen anderer ZeitzeugInnen übersetzt, interessiert sich zunächst vor allem für den gutaussehenden Kameramann Aaron. Für die Geschichte Tschechiens hat die 23jährige sich bislang nicht besonders interessiert. Doch Aarons unversöhnliche Wut auf die MittäterInnen erschüttert sie, und sie beginnt, das Geschehene mit neuen Augen zu betrachten: "Es ist furchtbar, schluchzt Milena. Ich kann überhaupt nicht begreifen, dass so was geschehen konnte. Für ihn klingt das naiv, aber er schämt sich dafür. Er will nicht herablassend sein. Sie hat Recht, sagt er sich, nur dass es einen mit der Zeit nicht mehr ganz so mitnimmt. Ich bin mit dem Gedanken an den Holocaust aufgewachsen und habe mich an ihn gewöhnt. Heulen ist zu einfach, sagt er zu Milena. Wir könnten von morgens bis abends heulen, aber das führt zu nichts. Man muss stattdessen aus diesem Grauen Kraft schöpfen."

Von dem Geschehen in der heutigen Zeit schwenkt die Erzählung zurück zur Lebenszeit der Berta Altmann. Im Jahr 1900 geboren und in Wien aufgewachsen, erlebt sie eine aufregende Umbruchstimmung mit. Während des Ersten Weltkriegs lernt sie bedeutende AutorInnen und MalerInnen kennen. Sie wird geprägt vom Verlust ihrer besten FreundInnen, die im Krieg umkommen. Trotzdem sind diese Jahre für Berta eine wichtige und spannende Epoche. An der neu gegründeten Kunstgewerbeschule in Weimar gehört sie schnell zum engeren Kreis um den Lehrer Theodor Noor. Die StudentInnen wollen nicht nur ein neues Malen, sondern auch ein neues Lebensmodell entwerfen.

Bertas Denken und Fühlen vermitteln nicht nur die Zeitsprünge. Auch ihre Tagebücher und Briefe, in denen Kristýna immer wieder liest, ermöglichen eine Einfühlung. Berta, die schon früh nicht mehr selbst künstlerisch tätig ist, sondern als Lehrerin arbeitet, reflektiert ihre Tätigkeit: "Ich kann, darf nicht nur für mich selbst leben. Ich habe kein Geld, ich habe nichts, was ich opfern könnte, nur meine Zeit und meine Kraft. Aber auch so quälen mich Zweifel. Bewirkt mein Unterricht wirklich etwas, oder rede ich mir das nur ein? Ich rede es mir nicht ein! Die Kunst erleichtert ihr Leben und macht es heller, befreit sie ein Stückchen von der tödlichen Banalität des Alltäglichen, dem Schmutz, dem Kampf um die Existenzsicherung. Ich weiß ja selbst, wie tödlich dieser Kampf sein kann!"

Die drei Frauen Berta, Kristýna und Milena und der von außen betrachtende Aaron ermöglichen einen umfassenden Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Sichtweisen mehrerer Generationen ergänzen sich zu einem Gesamtbild, das auch widersprüchliche Deutungen zulässt.

AVIVA-Tipp: Mit großem sprachlichem Geschick gelingt es der Autorin, die Stimmen ihrer ProtagonistInnen einzufangen, die so zu gleichberechtigten ErzählerInnen werden. Der Roman ist nicht nur ein Portrait des vergangenen Jahrhunderts, sondern auch eine allgemeingültige Auseinandersetzung mit Fragen der Schuld, moralischer Verantwortung und dem richtigen Leben.

Zu der Autorin/Herausgeberin: Magdaléna Platzová, geboren 1972 in Prag, studierte Philosophie und arbeitete als Journalistin und Übersetzerin, bevor sie 2003 ihr Debüt "Salz, Schafe und Steine" vorlegte. Mit "Die Rückkehr eines Freundes" gelang ihr 2005 der Durchbruch. "Aarons Sprung" ist ihr drittes Buch, das 2006 erschien und nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt.

Magdaléna Platzová
Aarons Sprung

Aus dem Tschechischen von Kathrin Janka
edition Büchergilde, erschienen September 2009
252 Seiten
ISBN 978-3-940111-61-6
17,90 Euro


Literatur > Jüdisches Leben

Beitrag vom 05.10.2009

Claire Horst 






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