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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2020 - Beitrag vom 11.01.2006


Ruhige Zeiten. Ein Roman von Lizzie Doron
Sarah Ross

Leale arbeitet seit über 30 Jahren im Friseursalon von Sajtschik. Als dieser stirbt, bricht ihre Welt auseinander und Erinnerungen an die Menschen, die ihr Leben waren und sind, steigen in ihr auf.




In einem kleinen Tel Aviver Stadtviertel haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg Menschen zusammengefunden, die die Shoah überlebten und nun, soweit wie möglich, versuchen ein neues Leben zu beginnen. Unter ihnen lebt auch die bereits in die Jahre gekommene Leale, die als Maniküre seit über 30 Jahren in Sajtschiks Friseursalon arbeitet. Auch sie überlebte als Kind den Holocaust - versteckt in einem Erdloch und aufgewachsen in einem Waisenhaus in Polen. Fünfzig Jahre nach dem Krieg fühlt Leale wieder die gleiche Einsamkeit wie zu Beginn ihres Lebens: Nachdem ihr Ehemann Srulik bereits vor Jahrzehnten verstarb, ihr einziger Sohn Etan in die USA auswanderte und nun auch Sajtschik, ihre unerreichbare Liebe, stirbt, verbarrikadiert sie sich in ihrer Wohnung und gibt sich den Erinnerungen ihres Lebens hin.
In Lizzie Dorons neuem Roman "Ruhige Zeiten" reden die Shoah-Überlebenden nur dann, wenn sie über andere sprechen - über ihre eigenen traumatischen Erfahrungen schweigen sie: "Jeder von uns ist eine Geschichte, eine Geschichte, die niemand erzählen will und niemand hören."

Lizzie Doron wurde 2003 für ihren Roman mit dem Preis der Gedenkstätte Yad Vashem ausgezeichnet.

Mit einer ungewohnten Zurückhaltung und Zartheit schildert die Autorin durch die Augen der Protagonistin Leale Bittermann das Schicksal einiger Überlebender des Holocausts, die gemeinsam ein "Leben mit konservierter Todeserfahrung" führen. So bricht Leales Welt nach dem Tod Sajtschiks - dem guten Geist des Viertels, ihres Arbeitgebers, Vertrauten und unerreichbaren Geliebten - nicht zum ersten Mal auseinander: "Der Krieg hat uns die Familie und die Verwandten genommen, und die Zeit, die vergeht, nimmt uns die Nachbarn und die Freunde." Während Leale um ihren Freund Sajtschik trauert, zieht sie sich alleine in ihre Wohnung zurück, lebt dort in völliger Dunkelheit und Stille, und erinnert sich an die Menschen, die ihr Leben waren und sind. Während all der Jahre im Friseursalon hat sie nicht nur jede Hand des Viertels kennen gelernt, sondern auch all die schweren und belastenden Geschichten ihrer Mitmenschen - denn Sajtschik hatte einmal zu ihr gesagt: "im Friseursalon [...] können die Tauben hören, die Blinden sehen und die Stummen reden".

Und so nehmen in den kleinen Episoden, Geschichten, Dialogen und Erinnerungen, die aus Leale herausströmen, die einzelnen Romanfiguren immer mehr Gestalt an: Neben dem geliebten Sajtschik wäre da sein von Leale weniger geliebter Freund Mordechai, der sie nach dem Krieg aus Polen nach Israel brachte. Da sind auch Dora und Rosa, die Professorin hätte werden können, Jaffa mit den Pferdezähnen, der von Sajtschik stets bewunderte Herr Résistance, die schöne Ida, die nur unter dem Mantel ihres Vaters dem Todeskommando entkommen konnte, Ruben der Gemüsehändler, dessen Zwillinge von dem KZ-Arzt Mengele missbraucht wurden, Tanja, die im Lager ihre Mutter verleugnen musste, und viele andere, die den Nazi-Terror überlebten.

AVIVA-Tipp: Mit "Ruhige Zeiten" hat die Autorin Lizzie Doron einen dezenten und zugleich sehr rührenden Roman geschrieben, in dem sie mit erhellendem Witz und menschlicher Wärme durch die Figur Leale davon erzählt, wie einige Shoah-Überlebende in einem Tel Aviver Stadtviertel versuchen, das Unaussprechliche hörbar zu machen und daran fast verzweifeln. Während die einen in Sajtschiks Friseursalon, dem Ort, an dem all diejenigen, die sonst Zuflucht im Schweigen suchen, plötzlich beginnen zu erzählen, versuchen, ihre Erinnerungen loszuwerden, begibt sich Leale erst auf die Suche nach ihrer Geschichte.
In der Erzählung entsteht eine bedrückende Intimität gepaart mit Schmerz, Traurigkeit, der Sehnsucht nach Liebe und dem Willen nach Selbsterhalt, die einen unwillkürlich mitreißt.

Zur Autorin:
Lizzie Doron
wurde 1953 geboren und lebt in Tel Aviv. Ihr Roman "Ruhige Zeiten" wurde 2003 mit dem von Yad Vashem vergebenen Buchman-Preis ausgezeichnet. "Warum bis Du nicht vor dem Krieg gekommen?", das erste Buch von Lizzie Doron, erschien 2004 im Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag.


Lizzie Doron
Ruhige Zeiten

Übersetzt von Mirjam Pressler
Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Juli 2005
ISBN 3-633-54218-3
176 Seiten, gebunden
17,30 Euro90008115&artiId=3548802"



Literatur > Jüdisches Leben

Beitrag vom 11.01.2006

Sarah Ross 






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