Sylvia Plath - Die Glasglocke. Neuauflage mit einem Vorwort von Alissa Walser - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Romane + Belletristik



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2020 - Beitrag vom 20.05.2013


Sylvia Plath - Die Glasglocke. Neuauflage mit einem Vorwort von Alissa Walser
Bärbel Gerdes

"Ich wusste, irgendetwas stimmte in diesem Sommer nicht mit mir". Auch 50 Jahre nach Erscheinen ist der Roman über eine psychische Krise im Leben einer Studentin berührend, verstörend – und komisch




Esther Greenwood, eine strebsame Studentin, neunzehn Jahre alt und aus einer Vorstadt Bostons stammend, gewinnt bei dem Wettbewerb einer Modezeitschrift einen Preis, um den sie viele beneiden: ein einmonatiger Job in New York nebst kostenlosem Aufenthalt und allen möglichen Extras, Ballettkarten und Eintrittskarten für Modeschauen, Gutscheine …, Begegnungen mit erfolgreichen Leuten aus der Branche, nach der wir uns sehnten….
Doch Esther erfährt diesen Aufenthalt anders als erwartet: "Angeblich erlebte ich gerade die schönste Zeit meines Lebens. Angeblich waren Tausende anderer Collegemädchen neidisch auf mich".

Sylvia Plath´s einziger und stark autobiographischer Roman erschien 1963. Angesiedelt ist er 1953, in jenem "Sommer, in dem die Rosenbergs auf den elektrischen Stuhl kamen". Einen Monat nach Erscheinen des Buches nahm sich Sylvia Plath, die durch ihre Gedichtbände Berühmtheit erlangt hatte, das Leben.

Esther Greenwood gerät in New York in eine tiefe Krise. Zwar schließt sie sich den anderen elf jungen Frauen an, die mit ihr den Gewinn teilen, doch ihre Sicht auf die Dinge und auf sich selbst ist eine analysierende, eine fast sezierende Draufsicht: "Auf diese Weise lernte ich vieles kennen, wovon ich sonst nie erfahren hätte, und auch wenn es mich überraschte oder wenn mir übel davon wurde, ließ ich mir nie etwas anmerken, sondern tat so, als hätte ich schon immer über alles Bescheid gewusst".

Mit einer kristallisierenden Sprache, so die Schriftstellerin Alissa Walser in ihrem begeisterten Vorwort der Neuausgabe des Buches im Suhrkamp Verlag, beschreibt Plath das Leben amerikanischer Frauen im Spiegel ihrer Protagonistin. Allgegenwärtig ist die Erwartung, zu heiraten, der sich Esther widersetzen will. In zahlreichen Äußerungen bringt sie ihre strikte Ablehnung der Ehe zum Ausdruck "Deshalb überlegte ich mir, dass es vielleicht wahr sei, dass Heiraten und Kinderkriegen wie eine Gehirnwäsche war und dass man nachher nur noch benebelt herumlief, wie ein Sklave in einem totalitären Privatstaat". Kein Wunder, dass Die Glasglocke in den siebziger Jahren zum Kultbuch der Frauenbewegung avancierte.

Esther Greenwood zieht sich innerlich immer stärker von ihrer Umwelt zurück. Ihr Arbeitseinsatz lässt mehr und mehr nach, sie nimmt alles um sich herum mit Befremden wahr: Wände sehen aus, als wären sie von einer grassierenden Krankheit befallen, das Gesicht Eisenhowers auf einem Zeitschriftenbild strahlt ihr "kalt und glatt wie das Gesicht eines Fötus in einer Flasche" entgegen.

"Leidenschaftslos, wie ein Baum wächst oder eine Blume, wuchs in mir der Gedanke, dass ich mich töten könnte". Schließlich unternimmt sie einige Selbstmordversuche, die allesamt misslingen, und wird in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Doch egal, wohin sie auch geht, "immer saß ich unter der gleichen Glasglocke in meinem eigenen sauren Dunst".

Plath´s Roman, der als Ankündigung ihres eigenen Selbstmordes verstanden werden kann, ist trotz der Schwere des Themas ein geschmeidig eingängiger, ein lebendiger, an vielen Stellen auch komischer Text. Schon Ingeborg Bachmann betonte in einem 1968 geschriebenen Essay de[n] kaum glaubliche[n] Humor, das Komische, das Infantile, das Clownhafte in dieser 19jährigen Esther Greenwood.

Die Übersetzung von Reinhard Kaiser überträgt Sylvia Plath´s exakte Sprache so gekonnt ins Deutsche, dass wir vergessen, dass es sich überhaupt um eine Übersetzung handelt.

AVIVA-Tipp: Sylvia Plaths metaphernreicher Roman ist eine Kritik an den gesellschaftlichen und patriarchalen Verhältnissen. Dem Druck, sich den Konventionen anzupassen, kann sich die Protagonistin nur durch eine psychische Erkrankung entziehen. Obgleich der Roman bereits 1963 erschien, hat er nichts von seiner Brisanz und Brillanz verloren.

Zur Autorin: Sylvia Plath wurde 1932 in Boston geboren. 1950 erhielt sie ein Stipendium. Zur gleichen Zeit begann sie, an Depressionen zu leiden und kurz darauf folgte der erste Selbstmordversuch. Nach der Heirat mit dem Schriftsteller Ted Hughes und der Geburt zweier Kinder hatte Plath nur wenig Zeit zum Schreiben. Nach der Trennung von Hughes 1962 folgte eine sehr kreative, aber kurze Schaffensperiode. Am 11. Februar 1963 nahm sich Sylvia Plath, die durch ihre Gedichtbände Colossus und Ariel zur internationalen Ikone amerikanischer Dichtung wurde, das Leben. (Quelle: Verlagsangaben)

Zum Übersetzer: Reinhard Kaiser, Autor und Übersetzer, übersetzte unter anderem Werke von Irene Dische, Susan Sontag und Sybille Bedford. Er lebt in Frankfurt.

Sylvia Plath
Die Glasglocke

Übers. Von Reinhard Kaiser. Mit einem Vorwort von Alissa Walser.
Suhrkamp Verlag, erschienen 2013
262 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-518-42365-3
22,95 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Sylvia Plath – Film vs. Realität











Literatur > Romane + Belletristik

Beitrag vom 20.05.2013

Bärbel Gerdes 






AVIVA-News bestellen
  AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter



Rebekka Reinhard - Wach denken

. . . . PR . . . .

Wach denken von Rebekka Reinhards
Entschlossen sollen wir sein, lösungsorientiert, erfolgreich. Aber immer nur Erwartungen zu erfüllen, macht unfrei und unglücklich. Rebekka Reinhard gelingt ein philosophischer Befreiungsschlag: Leidenschaftlich, pointiert und schlau argumentiert sie für ein waches Denken.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.edition-koerber.de

Herrin ihrer selbst. Zahnkunst, Wahlrecht und Vegetarismus. Margarete Herz und ihr Freundinnen-Netzwerk

. . . . PR . . . .

Margarete Herz
Ingeborg Boxhammers lebendige Biographie zeichnet die Möglichkeiten nach, die jüdische Frauen im Deutschen Kaiserreich hatten, ihre eigenen Wege zu gehen, wirtschaftlich unabhängig zu sein und sich selbst zu verwirklichen.
Mehr zum Buch und bestellen unter: www.hentrichhentrich.de

Martina Bitunjac - Lea Deutsch. Ein Kind des Schauspiels, der Musik und des Tanzes

. . . . PR . . . .

Lea Deutsch
Sie galt als das Zagreber Wunderkind der 1930er: Als hochtalentierte jüdisch-kroatische Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin hielt sie eine ganze Kulturwelt in Atem. 1943 wurde die 16jährige von den Nazis ermordet.
Mehr zum Buch und bestellen unter: www.hentrichhentrich.de

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn

. . . . PR . . . .

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn
Polen vor dem 2. Weltkrieg: Janina Lewandowska lässt sich zur Pilotin ausbilden. 1939 heiratet sie ihren Fluglehrer Mieczysław Lewandowski, gerät aber nach Kriegsausbruch in russische Kriegsgefangenschaft...
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Victor Margueritte - La Garçonne

. . . . PR . . . .

Victor Margueritte - La Garçonne
Der in zwölf Sprachen übersetzte Kult-Bestseller zeigt die Geburtsstunde der »neuen Frau« und bietet eine faszinierende Zeitreise ins Paris der wilden Zwanzigerjahre.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris

. . . . PR . . . .

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris
Biografische Porträts der Fotokünstlerinnen, Porträtfotografinnen und Fotoreporterinnen Marianne Breslauer, Gisèle Freund, Dora Maar und Lee Miller im Paris der 1920er und 1930er Jahre.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit

. . . . PR . . . .

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit
Jana geht nicht gern unter Menschen. Und erzählt nie von ihrer Vergangenheit. Ihre Lebensgefährtin Frauke verbucht das unter "wortkarge Butch". Als Jana ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gerät, ändert sich das Leben der beiden Frauen radikal.
Mehr zum Buch und Bestellinfos unter: www.krugschadenberg.de

Hila Amit - Hebräisch für Alle. Von der Sprache zur Vielfalt.

. . . . PR . . . .

Hila Amit - Hebräisch für Alle
Das erste queere und feministische Hebräisch-Lehrbuch in Deutschland. Das Arbeitsbuch enthält zahlreiche lebensnahe Beispiele und Übungen, um den Wortschatz direkt anzuwenden und zu verinnerlichen.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.edition-assemblage.de

Sybil Gräfin Schönfeldt - Sonderappell

. . . . PR . . . .

Sybil Gräfin Schönfeldt - Sonderappell
Der Roman erzählt von der 17-jährigen Charlotte, die Ende 1944 zum "Reichsarbeitsdienst" (RAD) nach Oberschlesien eingezogen wird, wo sie Ruth kennenlernt, die Tochter eines Widerstandskämpfers...
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Iris Schürmann-Mock – Frauen sind komisch. Kabarettistinnen in Porträt

. . . . PR . . . .

Iris Schürmann-Mock - Frauen sind komisch
Liesl Karlstadt, Valeska Gert, Maren Kroymann, Carolin Kebekus ... In zehn ausführlichen und fünfzig kurzen Porträts stellt die Journalistin und Autorin die Königinnen der Kleinkunst vor. Ihre Disziplinen: Comedy, Poetry Slam, Tanz, Pantomime, Chanson, Rap.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.aviva-verlag.de

Liv Strömquist - I´m every woman

. . . . PR . . . .

Liv Strömquist - I´m every woman
In ihrem feministischen Comic setzt sich die schwedische Politikwissenschaftlerin, Comiczeichnerin und Radiomoderatorin mit dem Mythos vom männlichen Genie auseinander, indem sie die Geschichte aus weiblicher Perspektive erzählt.
Mehr zum Buch und bestellen unter:
www.avant-verlag.de

Es war einmal ein Töpfchen

. . . . PR . . . .

Es war einmal ein Töpfchen
Alona Frankels "Sir haSirim" (Hebr., der Topf der Töpfe) gilt als erstes Kleinkinderbuch zum Thema "Töpfchentraining". Der israelische Kinderbuchklassiker aus dem Jahr 1975 ist jetzt auf Deutsch erschienen!
Mehr Infos zu den Büchern und zum Ariella Verlag unter:
www.ariella-verlag.de

Nanna Johansson – Natürliche Schönheit

. . . . PR . . . .

Nanna Johansson - Natürliche Schönheit
Die schwedische Comiczeichnerin und Radiomoderatorin hinterfragt in ihrem feministisch-satirischen Comicband gängige Schönheitsideale und gibt mit ihren Comics intelligente Anleitungen zur Selbstliebe.
Mehr zum Buch und bestellen unter:
www.avant-verlag.de


Kooperationen

editionfuenf
HentrichHentrich
AvivA-Verlag
bücherfrauen - women in publishing
ebersbach-simon
Krug & Schadenberg -  Der Verlag für lesbische Literatur