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AVIVA-BERLIN.de im November 2021 - Beitrag vom 13.07.2014


Eva Demski - Scheintod
Philippa Schindler

Ein Anwalt der linken Szene wird tot in seiner Wohnung gefunden, seine Witwe begibt sich auf Spurensuche. Nach dreißig Jahren wurde der Politroman der preisgekrönten Schriftstellerin neu aufgelegt.




1974. Helmut Schmidt wird deutscher Bundeskanzler. Der RAF-Gefangene Holger Meins stirbt im Hungerstreik. Ulrike Meinhof wird wegen Mordversuches bei der Befreiung von Andreas Baader zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Und in Frankfurt am Main stirbt der Anwalt von Gudrun Ensslin in seiner Wohnung. Es ist Reiner Demski.

Todesumstände: ungeklärt

"Wem sonst als Dir" ist der Roman gewidmet, den die Schriftstellerin Eva Demski ein ganzes Jahrzehnt später im Carl Hanser Verlag veröffentlicht. "Scheintod" erscheint erstmals 1984, es ist ein Tagebuch des Abschieds und die Chronik einer aufreibenden Suche. Wer war dieser Mensch, wer war Reiner Demski? Zwischen Aktenseiten und Erinnerungsfragmenten, in schmuddeligen Bahnhofskneipen und den verrauchten Wohnungen von GenossInnen entsteht das kluge und nicht widerspruchsfreie Psychogramm eines Mannes – ein Anarchojurist, egozentrischer Ehemann und Revolutionstheoretiker. In der Frankfurter Schwulenszene nannte man ihn auch "die Gräfin".

Nachforschungen einer Namenlosen

Anlässlich des siebzigsten Geburtstages von Eva Demski legte der Suhrkamp / Insel Verlag das Werk der vielfach ausgezeichneten Autorin erneut auf. Im Frühjahr 2014 kam "Scheintod" in gebundener Fassung heraus, auf dem Umschlag die verblasste Schwarz-Weiß-Fotografie des jungen Paares. Von der ersten bis zur letzten Seite werden zwölf Tage vergehen. Zwölf Tage zwischen Sterben und Beisetzung, in denen die namenlose Protagonistin die innere Zerrissenheit des Toten zu enträtseln versucht - und dabei selbst in die unruhigen Wogen von Staatsschutz und politischem Untergrund-Kampf gerät.

Der Mensch, die Welt, die Melancholie

Seit ihrem Debüterfolg "Goldkind" (1979) und der Erstveröffentlichung von "Scheintod" in den 1980er Jahren prägt Eva Demski die deutschsprachige Literaturszene. Als Schriftstellerin hielt sie Poetik-Vorlesungen an der Frankfurter Universität, arbeitete als Kulturjournalistin für den Hessischen Rundfunk und gründete 1994 gemeinsam mit dem Verleger Claus Schöffling den Verlag Schöffling & Co.

Ihre Romane, darunter auch "Das siamesische Dorf" (2006) und die "Gartengeschichten" (2009), sind Geschichten voller Wendungen und sozialkritischer Blicke. Ihre Figuren: vielschichtig und umgeben von einer sonderbaren Melancholie. Ganz so, wie der kampfesmüde Revolutionär Max Hadenberg, der sich mit seinen vergeistigten Ideen vom Aufstand in die Weltentfremdung treibt. Oder wie Gloucester, ein Untergrundkämpfer der zweiten Gruppe der RAF – in seiner permanenten Anspannung "zittert er wie ein Stückchen Draht, von dem ein Vogel aufgeflogen ist."

Literatur im Visier der Ermittlungen

Eigensinnig und mit schonungsloser Scharfsinnigkeit bildet Eva Demski in "Scheintod" die politischen Umstände der 1970er Jahre ab. Für ihre Darstellungen der RAF-SympathisantInnen-Szene wurde die Schriftstellerin beim Ersterscheinen des Buches heftig kritisiert – vor allem von jenen, die die reale Personen hinter ihren fiktiven Charakteren wiedererkannten. So ist der redseligste Revolutionär von allen, "immer ganz oben auf dem Dachfirst besetzter Häuser, krähend wie ein Gockel", niemand anderes als der Politiker Daniel Cohn-Bendit.
Was die meisten LeserInnen jedoch nicht wissen: Bereits lange vor der Veröffentlichung des Romanes sollte die Schriftstellerin im Frankfurter Polizeipräsidium Rede und Antwort stehen und erklären, was denn nun daran sei, an ihrer Geschichte.

AVIVA-Tipp: "Scheintod" von Eva Demski – das ist ein Politkrimi, eine Liebesgeschichte und eine sehr intime Chronik der politisch turbulenten 1970er Jahre. In ihrem dritten – und nun neu aufgelegten – Roman erzählt die Schriftstellerin von den inneren Widersprüchen eines Menschen, seinem Streben nach Freigeistigkeit und dem gleichzeitigen Verfangen-Sein in den katholisch-konservativen Wurzeln der Kindheit.


Zur Autorin: Eva Demski, geboren 1944 in Regensburg, studierte in Mainz und Freiburg Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte und war anschließend als Dramaturgieassistentin, Lektorin, Übersetzerin und Journalistin tätig. Heute lebt und arbeitet Eva Demski als freie Schriftstellerin in Frankfurt am Main. Ihr literarisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet, 2008 erhielt Eva Demski den von Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki begründeten Preis der Frankfurter Anthologie.
Website der Autorin: www.eva-demski.de


Eva Demski
Scheintod

Suhrkamp / Insel Verlag, erschienen im April 2014
Gebunden, 399 Seiten
ISBN: 978-3-458-17593-3
22,95 Euro
www.suhrkamp.de

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Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Eva Demski - Gartengeschichten

Eva Demski – Das siamesische Dorf




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Beitrag vom 13.07.2014

Philippa Schindler 






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