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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2021 - Beitrag vom 09.08.2014


Saskia Goldschmidt - Die Glücksfabrik
Lisa Sophie Kämmer

Die imaginierte Lebensgeschichte eines legendären Pharma-Unternehmers, der im Wettlauf um industrielle Hormongewinnung keine moralischen Prinzipien kennt, führt die Leserin in die ...




... entgrenzten Tiefen menschlichen Machtstrebens

Die Niederlande zu Beginn der 1920er Jahre. In dem kleinen, weltpolitisch bedeutungslosen Land unterhalb des Meeresspiegels beginnt die Erfolgsgeschichte eines multinationalen Pharmakonzerns, der nach dem Zweiten Weltkrieg Umsätze in Milliardenhöhe verzeichnen wird. Es waren Goldgräberjahre. Weltweit jagten Wissenschaftler fieberhaft der Isolierung und Synthese von Sexualhormonen nach, diesen neuentdeckten "Seelensekreten", die die menschliche Physiologie und Psyche zu revolutionieren versprachen.

Auch der junge Unternehmer Mordechai de Paauw, ehrgeiziger Inhaber eines Schlacht- und Fleischereibetriebes und Ich-Erzähler des Romans, zielte auf eine gewinnbringende Erstentdeckung. Hierfür gründete er 1923 seine legendäre "Hormonfabrik", die fortan Schlachtabfälle sinnvoll verwertete, indem FabrikarbeiterInnen unter wissenschaftlicher Anleitung etwa "tage- und nächtelang mit dem Entsafter kiloweise Pankreas auspressten". Das Resultat dieser blutigen Bemühungen sollte dabei in die Geschichte der Arzneimittel eingehen: so gelang der Firma die synthetische Herstellung von Östradiol und damit schließlich die Entwicklung der revolutionierenden Antibabypille.

Der internationale Erfolg und die ungezügelte Megalomanie des machthungrigen de Paauw warfen frühzeitig jedoch auch Schatten auf das junge Unternehmen. Dabei sind es besonders die Fabrikarbeiterinnen, die unter den Gelüsten ihres Vorgesetzten leiden, indem er sie nach Belieben auf seiner "Cosy-Corner-Couch" missbraucht oder ihnen Hormonpräparate aufzwingt. Auch seinen langjährigen Geschäftspartner gemäß dem Motto "zwei Hähne in einem Hühnerstall, das gibt nur viel Gegacker, aber wenig Eier" fallenzulassen, spiegelt das profitorientierte, egozentrische Weltbild des Protagonisten eindrücklich wider, dessen Stimme im vorliegenden Roman auf äußerst provozierende Art und Weise zur Leserin spricht.

Zur Autorin: Saskia Goldschmidt, geboren 1954 in Amsterdam, studierte an der Kunsthochschule Utrecht, neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin arbeitet sie in ihrer Geburtsstadt als Theaterproduzentin und Schauspiellehrerin für Kinder. In ihrem vielgeachteten Debütroman "Um jeden Preis glücklich" aus dem Jahr 2011 zeichnete sie ihre eigene Familiengeschichte nach. Als Tochter eines jüdischen KZ-Häftlings brach Goldschmidt damit das lange Schweigen innerhalb der Familie und schilderte so auf eindringliche Weise deren Schicksal und die damit verbundenen schmerzlichen Schatten der Vergangenheit. Dass auch ihr neuer Roman Verbindungslinien zu ihrem eigenen Leben bzw. dem ihrer Familie aufweist, belegt der Umstand, dass eine der historischen Hauptfiguren des Buches - der Mediziner und Pharmakologe Rafael Levine - einst der Schwiegervater ihres Vaters war.
Saskia Goldschmidt im Netz: www.saskiagoldschmidt.nl

AVIVA-Tipp: Saskia Goldschmidt ist ein großartiger Roman gelungen, der durch die imaginäre Rückschau eines unverhohlenen Erzählers auf sein Leben als skrupelloser Unternehmer besticht. Die intimen Erinnerungen des Mordechai de Paauw an seine Machenschaften im Rahmen der eigenen Unternehmensgründung und damit an die frühen Jahre seines später global agierenden Pharmakonzerns, dessen Erfolgsgeschichte auf wahren Begebenheiten beruht, faszinieren von der ersten bis zur letzten Seite. Seine frauenfeindlichen Äußerungen rufen bei der Leserin dabei Bestürzung hervor, vermögen zugleich jedoch mit Blick auf die Frage nach deren Ursprung Neugierde zu wecken. Goldschmidt ist so letztlich ein sprachlicher Coup gelungen, da die Leserin meint, die persönliche Lebensgeschichte aus dem Munde eines selbstsüchtigen Machos erzählt zu bekommen.

Saskia Goldschmidt
Die Glücksfabrik

Originaltitel: De hormoonfabriek
Aus dem Niederländischen übersetzt von Andreas Ecke
Deutscher Taschenbuch Verlag, erschienen am 01.08.2014
328 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-423-26024-4
14,90 Euro
www.dtv.de

Weitere Infos unter:

Geschichte des Pharmakonzerns "Organon": www.lasaludfamiliar.com

Die Pille - Eine Forschungsgeschichte: www.3sat.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Nivea Creme - Eine radiophone Dokumentation von Thomas Kirdorf






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Beitrag vom 09.08.2014

Lisa Sophie Kämmer 






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