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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2021 - Beitrag vom 14.11.2014


Stephanie Bart - Deutscher Meister
Claire Horst

Johann Rukeli Trollmann, dieser Name ist viel weniger bekannt, als er sein sollte. Damit steht er stellvertretend für all die Sinti und Roma, die in der NS-Zeit ermordet wurden und die bis ...




... heute fast vollkommen vergessen sind.

Dabei war Trollmann einst ein Star im Boxen: 1933 trug er für kurze Zeit den Titel des Deutschen Meisters im Halbschwergewicht. Mittels Sonderregeln gelang es den Nazi-Funktionären, ihm diesen wieder abzuerkennen.

Aufgrund seines spielerischen Boxstils und seines großen Charismas war Trollmann ein Publikumsliebling. Insbesondere unter den ArbeiterInnen hatte er eine große AnhängerInnenschaft. Nur aus Angst vor dem Protest dieser Fangemeinde wurde ihm der Titel überhaupt verliehen – längst war das Boxen "judenfrei" und gleichgeschaltet, die Funktionäre hätten auch den Sinto Trollmann am liebsten gar nicht erst zugelassen.

Die dramatischen Vorgänge um den Titelkampf – der frühere Meister, der Jude Erich Seelig, wird wie alle anderen Juden von Verband und Kämpfen ausgeschlossen, auch Trollmann bekommt den Titel im Nachhinein aberkannt – erzählt Stephanie Barts vielstimmiger Roman aus mehreren Perspektiven. Trollmann und seine Familie gehören natürlich zu den HauptprotagonistInnen. Für sie geht es um viel mehr als nur um den Titel. Auf dem Spiel steht das Ansehen und letztlich das Überleben der Sinti in Deutschland. Den Umgang mit ihrem Sohn interpretiert die Mutter als Hinweis auf das, was ihnen allen bevorsteht.

Neben der Familie erzählen aber noch weitere Personen von den Geschehnissen rund um den Titelkampf. Darunter ist auch ein Frauenpaar, die Kreuzberger Bäckereiverkäuferinnen Henriette Kurzbein und Maria Plaschnikow. Ihr Laden liegt am Marheinekeplatz, direkt gegenüber der Bockbierhalle also, in der Trollmann kämpfen wird. Die beiden Frauen stehen für die Bewunderung, die dem Boxer entgegengebracht wird, aber auch für den leisen Widerstand gegen die zunehmende Macht der Nazis. Auch für sie bedeutet die Machtübernahme Gefahr: Ihre Liebe ist ebenso wenig erwünscht wie ihr "Guten Tag", das sie statt "Heil Hitler" bevorzugen.

Bart lässt diese Stimmen ebenso authentisch sprechen wie die der Verbandsvertreter, die sich um Arisierung und "Säuberung" des Boxsports bemühen, dabei eigene Machtziele verfolgen, aber auch Zwängen von oben ausgesetzt sind. Kinder und Verkäuferinnen, Funktionäre und Journalisten – dieses Stimmengewirr und das Kreuzberger Lokalkolorit lassen die dreißiger Jahre in Kreuzberg wieder auferstehen. Und auch wenn der Autorin einige wenige Ungenauigkeiten unterlaufen (haben die Menschen damals wirklich täglich geduscht und nicht eher einmal in der Woche gebadet?), ist dem Roman die immense Recherche anzumerken. Besonders die Boxkämpfe selbst sind temporeich und spannend erzählt, lassen die Leserin mitfiebern und auf den Sieg des Protagonisten hoffen, selbst wenn der Ausgang schon bekannt ist.

Tatsächlich ist der reale Johann Trollmann eine derart romanhafte Figur, dass Bart kaum etwas dazu erfinden musste. Sein legendärer Boxstil, der aus dem eher machohaften Sport eine fast tänzerische Darbietung werden ließ, sein ironischer Umgang mit den zahllosen Auflagen der Nazis machen ihn zu einem idealen Protagonisten.

Bart erzählt nach, mit welcher Kreativität Trollmann die Schikane der Behörden konterte. So trat er mit blondgefärbten Haaren an, um das "arische" Ideal zu karikieren und ließ sich in seinem letzten Kampf vollkommen passiv besiegen – denn sein typisches Tänzeln war ihm untersagt worden. Die Perfidie der Machthabenden konnte er so vorführen, gegen ihre Übermacht kam er nicht an.

Ein wenig blass bleibt die Romanfigur Trollmann trotzdem. Von seinen Gefühlen, von Beziehungen zu Menschen, von Ängsten oder Träumen ist leider wenig zu erfahren. Dadurch bleibt er leider etwas schablonenhaft. Besser ist die Charakterisierung der Nebenfiguren gelungen, sie sind facettenreicher als die Hauptfigur geraten.

Barts Roman endet mit Trollmanns letzten Kampf. Seine Ermordung im KZ Wittenberge findet nur im Epilog Platz.

AVIVA-Tipp: Die Geschichte von Johann Trollmann hat es verdient, bekannter zu werden, und Stephanie Bart setzt ihm ein wohlverdientes Denkmal. Streckenweise wirkt das Berliner Lokalkolorit ein wenig bemüht, und wer mit dem Boxsport gar nichts anfangen kann, wird mit den vielen geschilderten Boxkämpfen einige Mühe haben. Trotzdem ist "Deutscher Meister" nicht nur wegen der zugrunde liegenden Geschichte ein lesenswerter Roman.

Zur Autorin: Stephanie Bart, geboren 1965 in Esslingen am Neckar, studierte Ethnologie und Politische Wissenschaften an der Universität Hamburg. Seit 2001 lebt sie in Berlin. Für die Arbeit an "Deutscher Meister" erhielt sie das Stipendium des Deutschen Literaturfonds 2011 und 2012, für den Roman wurde sie mit dem Rheingau Literatur Preis 2014 ausgezeichnet. (Verlagsinformationen)

Die Autorin im Netz: stephanie-bart.tumblr.com

Stephanie Bart
Deutscher Meister

Hoffmann & Campe, erschienen im August 2014
Hardcover, 384 Seiten
ISBN: 978-3-455-40495-1
22,00 Euro
www.hoffmann-und-campe.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Anja Tuckermann - Denk nicht, wir bleiben hier! Die Lebensgeschichte des Sinto Hugo Höllenreiter

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Beitrag vom 14.11.2014

Claire Horst 






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