Michèle Bernstein - Alle Pferde des Königs - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Romane + Belletristik



AVIVA-BERLIN.de im Mai 2021 - Beitrag vom 05.05.2015


Michèle Bernstein - Alle Pferde des Königs
Teresa Lunz

Ist Liebe ohne Treue einfacher als die klassische monogame Paarbeziehung? Die 24jährige Geneviève ist davon überzeugt. Sie genießt die Unverbindlichkeiten in ihrem Leben – vor allem mit Gilles. Bis..




... zu dem zu dritt mit Carole verbrachten Sommer, der ihre Überzeugungen ins Wanken bringt.

Gilles und Geneviève, ein junges Paar in Paris um 1950. Beide sind gebildet, künstlerisch begabt, jedoch zu träge, um ihr Talent zu nutzen, treiben zwischen flüchtigen Affären, Partys und Spontanreisen in den warmen Süden dahin, und leben vom Geld der Familie. Die gemeinsame Clique besteht aus Möchtegern-Künstler_innen: Hauptsache, es lässt sich in weinseliger Gesellschaft mit Ambitionen prahlen, ob nun im Gitarrenspiel oder im Verfassen melancholischer Gedichte. Eifersucht ist – zumindest nach Außen hin – kein Thema, Seitensprünge werden stillschweigend toleriert, auch Kritik wird nicht geübt und als Geneviève "versehentlich" eine gereizte Nachfrage herausrutscht, schämt sie sich dieses kindischen Fauxpas´.

"Ich hatte Gilles nicht daran gewöhnt, solche Launen von mir zu erwarten. Die weibliche Schwäche hatte ich immer den anderen überlassen. Ich bemühte mich, wieder in meine geordnete Welt zurückzufinden, in der ich niemals ungemütlich wurde, es sei denn aus gutem Grund und ohne es wirklich ernst zu meinen. Gilles gegenüber nie."

Michèle Bernstein, Mitbegründerin des Situationismus, bietet den Leser_innen genüsslich auf die Spitze getriebene Negierung irgendeiner Form von Besitzanspruch auf den oder die Partner_in: Geneviève gibt vor, Gilles´ neue, knapp 18jährige Eroberung Carole ebenfalls zu lieben, um an dem unbefangenen Zusammensein der beiden teilzuhaben. Die Frage, ob Gilles mit Carole schläft, erlaubt sie sich nicht – in den Leser_innen kommt sie zwangsläufig auf. Als Geneviève bemerkt, dass Carole eine wichtigere Rolle spielt als die naiven Schönheiten vor ihr, droht sie, die Haltung zu verlieren. Sie verstärkt prompt die Maßnahmen, um Gilles zu zeigen, dass sie sich an seinem Glück freut, und geht eine Affäre mit ihrer 19jährigen blondlockigen Partybekanntschaft Bertrand ein. Im gemeinsamen Strandurlaub mit Gilles und Carole spendet diese Tatsache indessen keinen Trost: Geneviève fühlt sich deplaziert. Die Situation wird für sie unerträglich, als Gilles und Carole von Saint-Paul aus allein weiterreisen und sie nur beiläufig informiert wird, als sie das Kofferpacken bemerkt. Geneviève schlägt mit demonstrativem Enthusiasmus vor, den letzten Abend mit einer ausgiebigen Cocktailrunde zu feiern. Äußerlich genießt sie die improvisierte Ménage à trois mit dem nachgereisten Bertrand und dessen Gastgeberin Hélène. Alle scheinen sich leichthin in alle zu vergucken ohne weiter zu kategorisieren. Tiefe, ausschließliche Liebe empfängt und vergibt niemand, dafür bleiben alle sorglos und frei in ihren Neigungen. Doch in Geneviève keimt das uneingestandene Gefühl der Verlorenheit: Woran soll sie noch ermessen, was sie – und nur sie – dem Liebhaber ist? Oder: Was er ihr sein darf? Sie erleidet förmlich den Zwang, ständig wechselnde Affären eingehen zu müssen, um für den Bohemien Gilles interessant zu bleiben.

"Ich mag keine traurigen, bewegenden Theaterstücke. Ich mag fröhliche Menschen, die keine Schwierigkeiten machen." Ist diese entspannte Lebenshaltung Genevièves auf Dauer als Formel zum Glück tauglich?

Als jede vermeintliche Logik und jede menschliche Weisheit bezweifelnde Situationistin liefert Michèle Bernstein keinen klassischen Beitrag zum Genre Roman – sie persifliert diesen. Ihre "Opfer" sind dabei vor allem Choderlos Laclos, der in "Liaisons dangereuses" schon 200 Jahre zuvor über das Für und Wider der freien Liebe nachsann, und die der eigenen Generation entstammende Erfolgsautorin Francoise Sagan. Bernsteins Romanfiguren sind sich der Tatsache bewusst, Romanfiguren zu sein und thematisieren dieses Wissen – das allein bewirkt den Illusionsbruch der Leser_innen. "Alle Pferde des Königs" gibt keine Wahrheit, keine gelebte Erfahrung wider, es ist ein Spiel mit Möglichkeiten und Rollenmustern. Im ein Jahr später publizierten "Die Nacht" geht Michèle Bernstein noch weiter: Sie beschränkt sich darauf, die bekannte Handlung um Geneviève und Gilles ins Futur zu setzen. Es wird klar: Der Roman ist ein gewolltes Konstrukt. Er enthält ausschließlich das, was die Autorin ihrer Laune folgend hineinschreiben möchte, sein künstlerischer oder gar philosophischer Anspruch ist relativ. Und sein Verlauf allzu oft vorhersehbar.

Zur Autorin: Michèle Bernstein wurde 1932 in Paris geboren, studierte an der Sorbonne und traf ab 1952 in der Bar "Moineau" auf die Mitglieder der Lettristen und späteren Situationisten. 1954 heiratete sie Guy Debord und veröffentlichte Texte in Potlatch und Internationale Situationniste. 1960 publizierte sie, um, wie sie selbst berichtet, "Butter auf unseren Spinat zu kriegen", den Roman "Alle Pferde des Königs", ein Jahr später gefolgt von "La Nuit". Im Sinne der sie umgebenden Avantgarde verfolgte sie nicht das Ziel, ihr Publikum zu begeistern, sondern wollte den Zeitgeschmack parodieren. Offiziell trat Bernstein 1967 aus der Situationniste Internationale (SI) aus. Die Ehe zwischen ihr und Guy Debord wurde 1972 geschieden, dieser heiratete noch im selben Jahr Alice Becker-Ho. Michèle Bernstein heiratete einige Jahre später den englischen Situationisten Ralph Rumney und lebte selbst ab 1982 in England, heute wieder in Paris.
Michèle Bernstein liest am 14. Juni 2015 in der "Golem"-Bar in Hamburg aus "Alle Pferde des Königs", Monique Schwitter übernimmt die Lesung deutscher Passagen.
(Quelle: Nachwort von Roberto Ohrt, Verlagsinformation)

AVIVA-Tipp: Allein der innovative Ansatz macht "Alle Pferde des Königs" lesenswert. Die Charaktere sind nur flüchtig gezeichnet, wirken unfertig, unausgeprägt. Ihre Geschichte will nicht rühren oder mitreißen, schon gar keine Identifikation bewirken, sondern eher kritische Beurteilung von Außen herausfordern. Zumeist wird überzogen-ironisch beschrieben, bis hin zu Caroles Art, wie ein Welpe zu tollen, wenn sie sich an der Schönheit des Strandes freut. Eher als ein Roman mit Tragkraft und Substanz gelingt letztlich ein interessantes literarisches Experiment, und genau dies lag in Michèle Bernsteins Absicht.

Michèle Bernstein
Alle Pferde des Königs

Originaltitel: "Tous les chevaux du roi"
Aus dem Französischen von Dino Beck und Anatol Vitouch
Mit einem Nachwort von Roberto Ohrt
Edition Nautilus Verlag, erschienen im Februar 2015
Gebunden mit Schutzumschlag, 125 Seiten
ISBN 978-3-89401-811-5
19,90 Euro
www.edition-nautilus.de

Interview mit Michèle Bernstein im Frieze Magazin (September 2013)

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Beitrag vom 05.05.2015

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