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AVIVA-BERLIN.de im März 2021 - Beitrag vom 27.12.2015


Ramona Ambs - Mrozek. Ein Paragraphoman
Sharon Adler

Die Journalistin und Autorin legt mit ihren neuen Roman eine sensible Geschichte einer jungen Frau auf der Suche nach ihrem Platz im Leben vor und kreiert en passant ein neues literarisches Genre..




... den Paragraphoman.

Nicht in Kapiteln erzählt sie ihre Geschichte um das Leben Mila Mrozeks, sondern in insgesamt 44 Paragraphen, die deren Schicksal(sschläge) zu bestimmen scheinen: "Die Würde des Menschen ist paragraphierbar. Und nicht nur die Würde, sondern auch der ganze restliche Rest, der sich Leben nennt."

Der allgegenwärtige Paragraph, so die Autorin in ihrem Vorwort, symbolisiert vor allem die unangenehmen Seiten des Lebens besonders für die, die ihn nicht kennen, und missachten. Dabei, so analysiert sie weiter, sehe seine äußere Form doch so nett und sympathisch aus, "Wie eine Acht, die heimlich durchs Gebüsch gekrochen ist".

Ramona Ambs ist bekannt für Wortspielereien aller Art, verwickelte Geschichten mit vielen möglichen Handlungssträngen und Figuren, die so widersprüchlich und komplex sind wie das Leben selbst. "Mrozek" ist daher auch nicht irgendein Familienname: "Mrozek" ist polnisch und heißt auf deutsch "Frost". Möglicher Namensgeber für den Roman von Ramona Ambs könnte aber auch der jüdisch-polnische Karikaturist, Schriftsteller und Dramatiker Slawomir Mrozek gewesen sein, der mit seinen Werken wie "Emigranten" oder "Der Schlachthof" gegen Ungerechtigkeiten und Absurditäten anschrieb.

Ebenso wie schon ihre Protagonistin Romy in Ambs Roman "Die radioaktive Marmelade meiner Großmutter" besteht das Leben für ihre Figur Mila Mrozek in "Mrozek. Ein Paragraphoman" aus Einsamkeit, Verlust, und Katastrophen.
Eine weitere Gemeinsamkeit der beiden Romane: Mila und Romy sind Jüdinnen. Nicht praktizierend im halachischen Sinn, aber damit verbunden durch Kindheit, Jugend, Familie oder die Erinnerungen daran. Prägend an der Jüdischkeit war für Mila vor allem das vergebliche Warten auf das Christkind, das aber das jüdische Kind nie besuchte. Dieses Gefühl von Ausgegrenzt Sein durchzieht auch Milas weiteres Leben: "Ich habe keine Chance. Ich habe meine Schule in der elften Klasse erfolgreich abgebrochen, um als Puppenspielerin mit Matteo durch die Welt zu ziehen". Zehn Jahre waren die beiden gemeinsam in ganz Europa unterwegs, bis ihre große Liebe Matteo sie an einem kalten Januartag einfach so verlassen hat.

Nun muss sie plötzlich in einer fremden Stadt ein neues Leben beginnen, ist auf sich gestellt, einsam, ohne Perspektive. Einzig der nicht enden wollende Schneefall begleitet ihre Tage und Nächte. Sie lebt in einer WG, schläft ab und zu mit ihrem Mitbewohner Faris, bis wieder bürokratische Paragraphen auch dieses kleine Glück zerstören. Erst die Freundschaft zu dem schrulligen alten Anwalt Jakob, den sie während einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme im Altersheim ("... eine ABM, die heutzutage aber EEJ heißt. Also ein Ein-Euro-Job, vermittelt von der ARGE, die eigentlich Arbeitsamt heißt.") kennen lernt, helfen der empfindsamen jungen Frau dabei, allen Paragraphen zu trotzen.

Wer jetzt denkt, es handle sich um eine rundum trostlose und deprimierende Lektüre, sei versichert: Mila Mrozek lässt die Leser_innen ebenso teilhaben an ihrer Verzweiflung um die Welt, in der sie lebt, wie auch an Träumen, die bestimmt sind von der Sehnsucht nach einer paragraphenfreien Zone und bombastisch schönen Sonnenaufgängen.

AVIVA-Tipp: Eine kleine feine Geschichte, die wehmütig macht, aber auch ein kleines bisschen glücklich.

Zur Autorin: Ramona Ambs wurde 1974 in Freiburg geboren. Ihre Schullaufbahn, mit Stationen in Freiburg und Heidelberg, beendete sie 1995 mit Abitur und Scheffelpreis. Danach studierte sie Germanistik und Pädagogik an der Universität Heidelberg und publizierte bereits während des Studiums Gedichte und Essays. Heute arbeitet sie als freie Journalistin und Autorin, unter anderem für das Satiremagazin "Prinzessinnenreporter" und das jüdische Internetportal haGalil.com.

Ramona Ambs
Mrozek. Ein Paragraphoman

BoD, erschienen 2015
272 Seiten
Euro 9.90, Kindle-Version Euro 4,99
Erhältlich bei BoD - Books on Demand oder in jedem Buchladen
www.bod.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Ramona Ambs - Die radioaktive Marmelade meiner Großmutter. Hinter dem witzigen Titel verbirgt sich eine Geschichte, die eher zum Weinen als zum Lachen reizt. Eine Jugend Anfang der achtziger Jahre: Kaum eine Generation liegt die Shoah zurück, und für Romys jüdische Großeltern und ihren Großonkel ist jeder Tag von grauenhaften Erinnerungen an diese Zeit erfüllt. (2013)





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Beitrag vom 27.12.2015

Sharon Adler 






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