Lili Grün - Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit... Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Romane + Belletristik



AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 10.11.2016


Lili Grün - Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit... Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg
Christina Mohr

"Du glaubst auf eigene Fasson unglücklich zu werden statt nach der von anderen Leuten. Du glaubst, das ist gar nix. Das ist vielleicht schon alles, was man haben kann." Was zunächst illusionslos und pessimistisch klingt, ist ein ganz pragmatischer Ratschlag, den...




... in Lili Grüns Roman "Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit…" die lebenskluge Mitzi ihrer Freundin Susi Urban gibt.

Denn was haben die zwei jungen Mädchen vom Leben schon zu erwarten? Beide mussten im Wien der Nachkriegszeit, mitten in den "wilden Zwanzigern" viel zu schnell erwachsen werden, Verantwortung für die vater- und bruderlosen Familien übernehmen, Geld verdienen in Jobs, die ihnen nicht gefallen. Oder ihnen überhaupt nicht liegen, wie Protagonistin Susi bitter erfahren muss: "Sie werden niemals eine tüchtige Bürokraft, Fräulein Urban", eröffnet ihr der gestrenge Anwalt Dr. Müller, in dessen Kanzlei sie angestellt ist und dessen freundliche Gattin um Geduld mit der unbegabten Schreibkraft bittet. Doch im Grunde hat er Recht, der Dr. Müller, denn Susi hasst die Schreibmaschine und das Durchschlagpapier. Eigentlich kocht und backt sie viel lieber, doch ihr ist bewusst (vor gut hundert Jahren schon, wohlgemerkt), dass solche Fähigkeiten bei modernen jungen Frauen nicht gerade hoch angesehen sind.

"Genieße ich jetzt meine Jugend?", fragt sie sich und tut ihr Bestes: Sie geht Shimmy und Twostep tanzen mit Mitzi, trifft sich mit jungen Männern, verliebt sich und wird verlassen – alles ganz normal für Teenager. Und trotzdem ist ihr Leben nicht unbeschwert, ganz im Gegenteil. Seitdem der Krieg vorbei und der Vater tot ist, lebt Susi mit der trauernden Mutter und der griesgrämigen älteren Schwester in einer kleinen Wohnung, ein Zimmer, das der straffällig gewordene Bruder bewohnte, wird untervermietet. Das Geschäft, das die Familie einst stolz führte, ist längst geschlossen. Der Erste Weltkrieg brachte keinen Aufschwung, sondern nur Armut und Elend – ähnliche Szenarien werden auch in Romanen wie "Mich hungert" und "Blutsbrüder" beschrieben, doch im Zentrum "Junge Bürokraft…" steht die Geschichte einer jungen Frau, wie nur Lili Grün sie erzählen konnte: Lakonisch und ungeschönt, teils bitter, jedoch niemals verbittert.

Grüns Protagonistinnen sehen trotz berechtigter Zweifel den Silberstreif am Horizont, könnte doch das bessere Leben schon an der nächsten Straßenecke warten. Oder in der Annonce, die Susi Urban aufgibt – vielleicht gibt es für sie ja doch das Recht aufs kleine Glück, und sie muss nicht auf ewig an der Schreibmaschine hocken. Das leise Aufbegehren, das Hin- und Hergerissensein zwischen Vergnügungssucht und Pflichtbewusstsein zeichnete schon die Heldinnen von Grüns Romanen "Alles ist Jazz" und "Zum Theater!" aus, die auch vom heutigen Standpunkt aus modern und zeitgemäß wirken.

AVIVA-Tipp: Lili Grüns Bücher bewegen, weil sie die Gefühlswelt junger Frauen in der sozialen und gesellschaftlichen Realität zeigen. Grün beschönigt nichts, ihr Stil ist klar und direkt, Not und Elend werden ebenso thematisiert wie die Begutachtung der Abendgarderobe.

Zur Autorin: Lili (Elisabeth) Grün wurde am 3. Februar 1904 als Elisabeth Grün in Wien geboren. Sie wuchs als jüngstes von vier Kindern des aus Ungarn stammenden Bartbindenmachers Hermann (Ármin) Grün und seiner Wiener Frau Regine (Regina) im heutigen 15. Gemeindebezirk Rudolfsheim-Fünfhaus auf. Nach dem Tod ihrer Eltern ging sie Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo sie 1931 zusammen mit KünstlerInnen-FreundInnen ein literarisch-politisches Kabarett eröffnete. Sie schrieb Gedichte und Geschichten für das Berliner Zeitgeist-Magazin "Tempo" und das renommierte Prager Tagblatt. Zurück in Wien verarbeitete sie ihre Berlin-Erlebnisse in ihrem Roman "Alles ist Jazz", der erstmals 1933 unter dem Titel "Herz über Bord" im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Die Wiener Presse bejubelte Lili Grüns Debüt. Nach einem längeren Aufenthalt in Prag und Paris erschien 1935 der Theater-Roman "Loni in der Kleinstadt". Mit der nationalsozialistischen Okkupation Österreichs im März 1938 hatte Lili Grün als jüdische Schriftstellerin schlagartig keine Möglichkeit mehr zu publizieren. Verarmt und lungenkrank blieb ihr die Emigration ins rettende Ausland verwehrt. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und im weißrussischen Maly Trostinec ermordet.
Seit 2007 erinnert in der Heinestraße 4 im 2. Wiener Gemeindebezirk ein "Stein der Erinnerung" an das Schicksal von Lili Grün. Im Mai 2009 wurde ein neugestalteter Platz im Bereich Klanggasse/Castellezgasse, ebenfalls im 2. Wiener Gemeindebezirk, nach ihr benannt.
(Quelle: Verlagsinformation, Fembio)

Zur Herausgeberin: Anke Heimberg, 1967 in Pforzheim geboren, Studium der Germanistik, Soziologie und Medienwissenschaften in Marburg und Wien. Sie lebt und arbeitet als freie Literaturwissenschaftlerin und Publizistin in Berlin. Im AvivA Verlag hat sie bereits die Romane "Mädchenhimmel" (2014), "Das weiße Abendkleid" (2006) und "Die Welt ist blau" (2008) der Exilschriftstellerin Victoria Wolff herausgegeben.

Lili Grün
Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit...

Hg. und mit einem Nachwort von Anke Heimberg
Gebunden, fadengeheftet, Lesebändchen
224 Seiten
978-3-932338-86-1
18,00 Euro
AvivA Verlag, erschienen Herbst 2016
www.aviva-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Mädchenhimmel"Lili Grün
Nach den Romanen "Alles ist Jazz" und "Zum Theater!" veröffentlicht der AvivA-Verlag mit "Mädchenhimmel" eine Sammlung von Lili Grüns Gedichten und Geschichten. Die Lektüre ihrer Romane und anderer Werke ist nicht von der schrecklichen Tatsache zu trennen, dass die in Wien geborene jüdische Schriftstellerin 1942 in einem weißrussischen Vernichtungslager ermordet wurde. (2014)

"Zum Theater" von Lili Grün
Der Roman um die junge, ambitionierte Schauspielerin Loni Holl erschien 1935 unter dem Titel "Loni in der Kleinstadt". Zuvor war das Werk als Vorabdruck im "Wiener Tag" erfolgreich und wurde in der zeitgenössischen Kritik als "ebenso klug wie anmutig" gefeiert. (2011)

"Alles ist Jazz" von Lili Grün
Der Roman erzählt die Geschichte der Schauspielerin Elli, die in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten um 1930 ihr Glück und Auskommen in Berlin sucht. "Alles ist Jazz" ist die Wiederentdeckung der Saison. (2009)





Literatur > Romane + Belletristik

Beitrag vom 10.11.2016

Christina Mohr 






AVIVA-News bestellen
  AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter



Hila Amit - Hebräisch für Alle. Von der Sprache zur Vielfalt.

. . . . PR . . . .

Hila Amit - Hebräisch für Alle
Das erste queere und feministische Hebräisch-Lehrbuch in Deutschland. Das Arbeitsbuch enthält zahlreiche lebensnahe Beispiele und Übungen, um den Wortschatz direkt anzuwenden und zu verinnerlichen.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.edition-assemblage.de

Herrin ihrer selbst. Zahnkunst, Wahlrecht und Vegetarismus. Margarete Herz und ihr Freundinnen-Netzwerk

. . . . PR . . . .

Margarete Herz
Ingeborg Boxhammers lebendige Biographie zeichnet die Möglichkeiten nach, die jüdische Frauen im Deutschen Kaiserreich hatten, ihre eigenen Wege zu gehen, wirtschaftlich unabhängig zu sein und sich selbst zu verwirklichen.
Mehr zum Buch und bestellen unter: www.hentrichhentrich.de

Martina Bitunjac - Lea Deutsch. Ein Kind des Schauspiels, der Musik und des Tanzes

. . . . PR . . . .

Lea Deutsch
Sie galt als das Zagreber Wunderkind der 1930er: Als hochtalentierte jüdisch-kroatische Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin hielt sie eine ganze Kulturwelt in Atem. 1943 wurde die 16jährige von den Nazis ermordet.
Mehr zum Buch und bestellen unter: www.hentrichhentrich.de

Nanna Johansson – Natürliche Schönheit

. . . . PR . . . .

Nanna Johansson - Natürliche Schönheit
Die schwedische Comiczeichnerin und Radiomoderatorin hinterfragt in ihrem feministisch-satirischen Comicband gängige Schönheitsideale und gibt mit ihren Comics intelligente Anleitungen zur Selbstliebe.
Mehr zum Buch und bestellen unter:
www.avant-verlag.de

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn

. . . . PR . . . .

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn
Polen vor dem 2. Weltkrieg: Janina Lewandowska lässt sich zur Pilotin ausbilden. 1939 heiratet sie ihren Fluglehrer Mieczysław Lewandowski, gerät aber nach Kriegsausbruch in russische Kriegsgefangenschaft...
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Victor Margueritte - La Garçonne

. . . . PR . . . .

Victor Margueritte - La Garçonne
Der in zwölf Sprachen übersetzte Kult-Bestseller zeigt die Geburtsstunde der »neuen Frau« und bietet eine faszinierende Zeitreise ins Paris der wilden Zwanzigerjahre.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris

. . . . PR . . . .

Unda Hörner - Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen in Paris
Biografische Porträts der Fotokünstlerinnen, Porträtfotografinnen und Fotoreporterinnen Marianne Breslauer, Gisèle Freund, Dora Maar und Lee Miller im Paris der 1920er und 1930er Jahre.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit

. . . . PR . . . .

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit
Jana geht nicht gern unter Menschen. Und erzählt nie von ihrer Vergangenheit. Ihre Lebensgefährtin Frauke verbucht das unter "wortkarge Butch". Als Jana ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gerät, ändert sich das Leben der beiden Frauen radikal.
Mehr zum Buch und Bestellinfos unter: www.krugschadenberg.de

Sybil Gräfin Schönfeldt - Sonderappell

. . . . PR . . . .

Sybil Gräfin Schönfeldt - Sonderappell
Der Roman erzählt von der 17-jährigen Charlotte, die Ende 1944 zum "Reichsarbeitsdienst" (RAD) nach Oberschlesien eingezogen wird, wo sie Ruth kennenlernt, die Tochter eines Widerstandskämpfers...
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Iris Schürmann-Mock – Frauen sind komisch. Kabarettistinnen in Porträt

. . . . PR . . . .

Iris Schürmann-Mock - Frauen sind komisch
Liesl Karlstadt, Valeska Gert, Maren Kroymann, Carolin Kebekus ... In zehn ausführlichen und fünfzig kurzen Porträts stellt die Journalistin und Autorin die Königinnen der Kleinkunst vor. Ihre Disziplinen: Comedy, Poetry Slam, Tanz, Pantomime, Chanson, Rap.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.aviva-verlag.de

Liv Strömquist - I´m every woman

. . . . PR . . . .

Liv Strömquist - I´m every woman
In ihrem feministischen Comic setzt sich die schwedische Politikwissenschaftlerin, Comiczeichnerin und Radiomoderatorin mit dem Mythos vom männlichen Genie auseinander, indem sie die Geschichte aus weiblicher Perspektive erzählt.
Mehr zum Buch und bestellen unter:
www.avant-verlag.de

Es war einmal ein Töpfchen

. . . . PR . . . .

Es war einmal ein Töpfchen
Alona Frankels "Sir haSirim" (Hebr., der Topf der Töpfe) gilt als erstes Kleinkinderbuch zum Thema "Töpfchentraining". Der israelische Kinderbuchklassiker aus dem Jahr 1975 ist jetzt auf Deutsch erschienen!
Mehr Infos zu den Büchern und zum Ariella Verlag unter:
www.ariella-verlag.de


Kooperationen

editionfuenf
HentrichHentrich
AvivA-Verlag
bücherfrauen - women in publishing
ebersbach-simon
Krug & Schadenberg -  Der Verlag für lesbische Literatur