Lili Gr├╝n - Junge B├╝rokraft ├╝bernimmt auch andere ArbeitÔÇŽ Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg. Lesung und Gespr├Ąch mit Herausgeberin Anke Heimberg und Verlegerin Britta J├╝rgs am 15.11.2016 - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 10.11.2016

Lili Gr├╝n - Junge B├╝rokraft ├╝bernimmt auch andere Arbeit... Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg
Christina Mohr

"Du glaubst auf eigene Fasson ungl├╝cklich zu werden statt nach der von anderen Leuten. Du glaubst, das ist gar nix. Das ist vielleicht schon alles, was man haben kann." Was zun├Ąchst illusionslos und pessimistisch klingt, ist ein ganz pragmatischer Ratschlag, den...



... in Lili Gr├╝ns Roman "Junge B├╝rokraft ├╝bernimmt auch andere ArbeitÔÇŽ" die lebenskluge Mitzi ihrer Freundin Susi Urban gibt.

Denn was haben die zwei jungen M├Ądchen vom Leben schon zu erwarten? Beide mussten im Wien der Nachkriegszeit, mitten in den "wilden Zwanzigern" viel zu schnell erwachsen werden, Verantwortung f├╝r die vater- und bruderlosen Familien ├╝bernehmen, Geld verdienen in Jobs, die ihnen nicht gefallen. Oder ihnen ├╝berhaupt nicht liegen, wie Protagonistin Susi bitter erfahren muss: "Sie werden niemals eine t├╝chtige B├╝rokraft, Fr├Ąulein Urban", er├Âffnet ihr der gestrenge Anwalt Dr. M├╝ller, in dessen Kanzlei sie angestellt ist und dessen freundliche Gattin um Geduld mit der unbegabten Schreibkraft bittet. Doch im Grunde hat er Recht, der Dr. M├╝ller, denn Susi hasst die Schreibmaschine und das Durchschlagpapier. Eigentlich kocht und backt sie viel lieber, doch ihr ist bewusst (vor gut hundert Jahren schon, wohlgemerkt), dass solche F├Ąhigkeiten bei modernen jungen Frauen nicht gerade hoch angesehen sind.

"Genie├če ich jetzt meine Jugend?", fragt sie sich und tut ihr Bestes: Sie geht Shimmy und Twostep tanzen mit Mitzi, trifft sich mit jungen M├Ąnnern, verliebt sich und wird verlassen ÔÇô alles ganz normal f├╝r Teenager. Und trotzdem ist ihr Leben nicht unbeschwert, ganz im Gegenteil. Seitdem der Krieg vorbei und der Vater tot ist, lebt Susi mit der trauernden Mutter und der griesgr├Ąmigen ├Ąlteren Schwester in einer kleinen Wohnung, ein Zimmer, das der straff├Ąllig gewordene Bruder bewohnte, wird untervermietet. Das Gesch├Ąft, das die Familie einst stolz f├╝hrte, ist l├Ąngst geschlossen. Der Erste Weltkrieg brachte keinen Aufschwung, sondern nur Armut und Elend ÔÇô ├Ąhnliche Szenarien werden auch in Romanen wie "Mich hungert" und "Blutsbr├╝der" beschrieben, doch im Zentrum "Junge B├╝rokraftÔÇŽ" steht die Geschichte einer jungen Frau, wie nur Lili Gr├╝n sie erz├Ąhlen konnte: Lakonisch und ungesch├Ânt, teils bitter, jedoch niemals verbittert.

Gr├╝ns Protagonistinnen sehen trotz berechtigter Zweifel den Silberstreif am Horizont, k├Ânnte doch das bessere Leben schon an der n├Ąchsten Stra├čenecke warten. Oder in der Annonce, die Susi Urban aufgibt ÔÇô vielleicht gibt es f├╝r sie ja doch das Recht aufs kleine Gl├╝ck, und sie muss nicht auf ewig an der Schreibmaschine hocken. Das leise Aufbegehren, das Hin- und Hergerissensein zwischen Vergn├╝gungssucht und Pflichtbewusstsein zeichnete schon die Heldinnen von Gr├╝ns Romanen "Alles ist Jazz" und "Zum Theater!" aus, die auch vom heutigen Standpunkt aus modern und zeitgem├Ą├č wirken.

AVIVA-Tipp: Lili Gr├╝ns B├╝cher bewegen, weil sie die Gef├╝hlswelt junger Frauen in der sozialen und gesellschaftlichen Realit├Ąt zeigen. Gr├╝n besch├Ânigt nichts, ihr Stil ist klar und direkt, Not und Elend werden ebenso thematisiert wie die Begutachtung der Abendgarderobe.

Zur Autorin: Lili (Elisabeth) Gr├╝n wurde am 3. Februar 1904 als Elisabeth Gr├╝n in Wien geboren. Sie wuchs als j├╝ngstes von vier Kindern des aus Ungarn stammenden Bartbindenmachers Hermann (├ürmin) Gr├╝n und seiner Wiener Frau Regine (Regina) im heutigen 15. Gemeindebezirk Rudolfsheim-F├╝nfhaus auf. Nach dem Tod ihrer Eltern ging sie Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo sie 1931 zusammen mit K├╝nstlerInnen-FreundInnen ein literarisch-politisches Kabarett er├Âffnete. Sie schrieb Gedichte und Geschichten f├╝r das Berliner Zeitgeist-Magazin "Tempo" und das renommierte Prager Tagblatt. Zur├╝ck in Wien verarbeitete sie ihre Berlin-Erlebnisse in ihrem Roman "Alles ist Jazz", der erstmals 1933 unter dem Titel "Herz ├╝ber Bord" im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Die Wiener Presse bejubelte Lili Gr├╝ns Deb├╝t. Nach einem l├Ąngeren Aufenthalt in Prag und Paris erschien 1935 der Theater-Roman "Loni in der Kleinstadt". Mit der nationalsozialistischen Okkupation ├ľsterreichs im M├Ąrz 1938 hatte Lili Gr├╝n als j├╝dische Schriftstellerin schlagartig keine M├Âglichkeit mehr zu publizieren. Verarmt und lungenkrank blieb ihr die Emigration ins rettende Ausland verwehrt. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und im wei├črussischen Maly Trostinec ermordet.
Seit 2007 erinnert in der Heinestra├če 4 im 2. Wiener Gemeindebezirk ein "Stein der Erinnerung" an das Schicksal von Lili Gr├╝n. Im Mai 2009 wurde ein neugestalteter Platz im Bereich Klanggasse/Castellezgasse, ebenfalls im 2. Wiener Gemeindebezirk, nach ihr benannt.
(Quelle: Verlagsinformation, Fembio)

Zur Herausgeberin: Anke Heimberg, 1967 in Pforzheim geboren, Studium der Germanistik, Soziologie und Medienwissenschaften in Marburg und Wien. Sie lebt und arbeitet als freie Literaturwissenschaftlerin und Publizistin in Berlin. Im AvivA Verlag hat sie bereits die Romane "M├Ądchenhimmel" (2014), "Das wei├če Abendkleid" (2006) und "Die Welt ist blau" (2008) der Exilschriftstellerin Victoria Wolff herausgegeben.

Lili Gr├╝n
Junge B├╝rokraft ├╝bernimmt auch andere Arbeit...

Hg. und mit einem Nachwort von Anke Heimberg
Gebunden, fadengeheftet, Leseb├Ąndchen
224 Seiten
978-3-932338-86-1
18,00 Euro
AvivA Verlag, erschienen Herbst 2016
www.aviva-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"M├Ądchenhimmel"Lili Gr├╝n
Nach den Romanen "Alles ist Jazz" und "Zum Theater!" ver├Âffentlicht der AvivA-Verlag mit "M├Ądchenhimmel" eine Sammlung von Lili Gr├╝ns Gedichten und Geschichten. Die Lekt├╝re ihrer Romane und anderer Werke ist nicht von der schrecklichen Tatsache zu trennen, dass die in Wien geborene j├╝dische Schriftstellerin 1942 in einem wei├črussischen Vernichtungslager ermordet wurde. (2014)

"Zum Theater" von Lili Gr├╝n
Der Roman um die junge, ambitionierte Schauspielerin Loni Holl erschien 1935 unter dem Titel "Loni in der Kleinstadt". Zuvor war das Werk als Vorabdruck im "Wiener Tag" erfolgreich und wurde in der zeitgen├Âssischen Kritik als "ebenso klug wie anmutig" gefeiert. (2011)

"Alles ist Jazz" von Lili Gr├╝n
Der Roman erz├Ąhlt die Geschichte der Schauspielerin Elli, die in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten um 1930 ihr Gl├╝ck und Auskommen in Berlin sucht. "Alles ist Jazz" ist die Wiederentdeckung der Saison. (2009)




Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 10.11.2016 Christina Mohr 





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