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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2018 - Beitrag vom 22.07.2018

Gianna Molinari - Hier ist noch alles möglich
Bärbel Gerdes

Die Schweizer Schriftstellerin Gianna Molinari gewann 2017 in Klagenfurt beim Ingeborg-Bachmann-Preis den 3sat-Preis für einen Auszug aus dem vorliegenden Roman. Nun stellt sie ihn in Gänze vor und damit eine äußerst interessante Frau: eine Nachtwächterin, die auf einem verlassenen Fabrikgelände einen Wolf jagt, den es vielleicht gar nicht gibt, ein großer Roman über das Vage und Ungewisse.



Unscharfe Schwarz-weiß-Fotos, Skizzen von Skiapoden, Inseln und siamesischen Hunden, sowie ein Text, der in seiner ruhig berichtenden, lakonisch geschriebenen Art so skurril ist, dass frau laut auflacht beim Lesen, führen ein in das Leben der Protagonistin. Von ihr erfahren wir nur Bruchstücke: dass sie in einer Bibliothek gearbeitet hat beispielsweise, und dass sie daran zweifelt, dass die Sicherheit, in der sie lebt, der Realität entspricht. "Ich sehne mich nach Unsicherheit, nach mehr Echtheit vielleicht, nach Wirklichkeit. Ich möchte unterscheiden können was wichtig ist und was nicht."

Der Chef stellt sie ein und macht sie gleich aufmerksam auf die desolate Pappkartonfabrik, die bald schließen wird. Viel zu bewachen gibt es hier nicht.
Doch der Koch hat einen Wolf auf dem Gelände gesehen und dem sollen sie und ihr Kollege Clemens eine Falle stellen.
Die Sorge um den Wolf auf dem Betriebsgelände, der Menschen anfallen könnte und der in den Erzählungen immer größer und gefährlicher wird, beschäftigt den Chef mehr als das Schließen der Fabrik.
Überhaupt - diese Geschichten und Erzählungen, die in der Kantine ausgetauscht werden zwischen Koch, Lose - einem Fabrikmitarbeiter - und der Nachtwächterin! Da ist der verschollene Astronaut im All, der eine unglaubliche Ähnlichkeit mit Lose hat - so sagt es der Koch. Da ist die Bankräuberin, die eine unglaubliche Ähnlichkeit hat mit der Nachtwächterin – so sagt es Clemens. Oder ähnelt Lose nicht doch eher dem Maler, der einer Frau ein Bild verkaufte?

Nichts ist sicher in diesem Roman, alles ist in Bewegung: die Erdplatten, die sich verschieben, genauso wie der Mann, der vom Himmel fiel, oder die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich ein Wolf auf dem Gelände ist.

Die Nachtwächterin trägt alles Wichtige in ihr Universal-General-Lexikon ein, alles, was in diesem Wörterkosmos dann doch nicht enthalten ist.

Gianna Molinaris Roman ist keiner, in dem Gefühle Platz hätten. Er besticht durch seine Nüchternheit und sein genaues Beobachten. Er überzeugt und befremdet dadurch, dass wir die Ich-Erzählerin bei ihren Gängen und Gedanken begleiten. Gerne wäre sie wie Erika, eine Flugzeugmechanikerin, die für alle Arbeitsschritte eine Anleitung hat und die weiß, welche Schraube an welchen Ort gehört, die sich durch nichts aus der Fassung bringen lässt, "nicht durch eine fehlende Hydraulik, nicht durch einen abgebrochenen Flugzeugflügel."

Für die Nachtwächterin ist nichts sicher, "nicht der Boden, auf dem wir stehen, und nicht die Flugzeuge, in die wir steigen, nicht die andere Seite von Grenzen." Sicher ist vielleicht nicht einmal das eigene Ich: "Auf dem Phantombild messe ich mit meinen beiden Fingern den Augenabstand aus. Auch in meinem Gesicht ist der Abstand zwei Finger breit."

AVIVA-Tipp: Gianna Molinari hat mit "Hier ist noch alles möglich" einen glänzenden Roman geschrieben, der 2018 mit dem Robert-Walser-Preis ausgezeichnet wurde. Gerade der lakonische und nüchterne Stil machen ihn zu einer höchst vergnüglichen und klugen Lektüre.

Zur Autorin: Gianna Molinari wurde 1988 in Basel geboren. Sie studierte Literarisches Schreiben am Schweizerischen Lehrinstitut in Biel, anschließend Neuere Deutsche Literatur in Lausanne. 2012 erhielt sie ein Stipendium des Literarischen Colloquiums Berlin und den MDR-Literaturpreis für ihre Kurzgeschichte Herr Bleier. Mit Julia Weber gründete sie die Kunstaktionsgruppe Literatur für das, was passiert, die Menschen auf der Flucht helfen will. Hierfür erhielt sie 2016 die Anerkennungsgabe der Stadt Zürich. 2017 las sie beim Ingeborg-Bachmann-Preis den Text Loses Mappe, ein Auszug aus dem vorliegenden Roman, für den sie den 3sat-Preis erhielt. Die Autorin lebt in Zürich.
Mehr Infos unter: www.facebook.com und bachmannpreis.orf.at

Gianna Molinari
Hier ist noch alles möglich

Aufbau Verlag, erschienen Juli 2018
Gebunden mit Schutzumschlag, 192 Seiten
ISBN 978-3-351-03739-0
18,00 Euro
Mehr zum Buch sowie Lesungstermine: www.aufbau-verlag.de


Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 22.07.2018 Bärbel Gerdes 





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