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AVIVA-BERLIN.de im August 2019 - Beitrag vom 27.07.2019


Deborah Levy – Was das Leben kostet
Bärbel Gerdes

Von der Unplanbarkeit des eigenen Lebens erzählt die britische Schriftstellerin Deborah Levy in ihrem stark autobiographischen Text. Eine Frau um die fünfzig, die in ihrem Leben eigentlich einen Gang zurückschalten wollte, steht plötzlich erschütternden Veränderungen gegenüber – die ihren Blick grundsätzlich verwandeln.



"Wenn wir nicht mehr überzeugt sind von der Zukunft, die wir planen, nicht von dem Haus, für das wir uns verschuldet haben, nicht von dem Menschen, der neben uns schläft, dann kann es schon sein, dass uns ein Unwetter (das sich seit langem am Himmel zusammenbraut) der Person näher bringt, die wir in der Welt gern wären."

Doch wer ist diese Person, die die Ich-Erzählerin nun sein wird? Dem ersten Bestreben, das Auseinanderbrechende zusammenhalten zu wollen, folgt die erstaunliche Erkenntnis, dass sie es gar nicht zusammenhalten will. Aber wo soll sie hin?

Scharfsinnig berichtet Levy von dem Dazwischen, jener Zeit, die auch die US-amerikanische Psychotherapeutin Virginia Satir so eindrucksvoll beschreibt. Das Alte, Vergangene ist vorbei, aber noch nicht weit entfernt, die Zukunft vage und aufgrund dieser Vagheit beängstigend. Ein Zustand des Chaos setzt ein, doch Levy ist davon überzeugt, dass "insgeheim [...] das Chaos unsere größte Sehnsucht" sei.

Das gemeinsame Haus wird verkauft, ein langes gemeinsames Leben abgewickelt. Mit ihren beiden Töchtern zieht die Autorin in den sechsten Stock eines riesigen heruntergekommenen Wohnblocks in Nordlondon, um hinter der Patina des Märchens vom schönen Heim plötzlich eine unbedankte, ungeliebte, vernachlässigte, erschöpfte Frau zu entdecken, die zunächst ratlos ist.

Soll sie die Wände ihres Zimmers gelb streichen, weil Gelb aufheitere, wie eine Freundin sagt? Tut es wirklich gut, regelmäßig eine Familie einzuladen, weil es schwierig ist, sich an den leeren Tisch und die mangelnde Lautstärke zu gewöhnen? "Der Versuch, ein altes Leben einem neuen Leben einzupassen, war ein sinnloses Unterfangen."

Deborah Levy schreibt, denn das Schreiben ist eine der wenigen Tätigkeiten, "bei denen ich mit der Angst vor der Ungewissheit, der Angst vor der völlig offenen Zukunft fertigwurde."

Als eine Freundin ihr ein kleines Gartenhäuschen am Ende ihres Grundstücks anbietet und zudem darauf achtet, dass sie dort ungestört sein kann, ist dies das größte Geschenk. Zu erfahren, dass ihr Schreiben als normal angesehen wird, dass sie geschätzt und respektiert wird, führt dazu, dass sie in dieser Hütte drei Bücher vollendet, auch das vorliegende.

Offenen Auges geht sie durch die Stadt und protokolliert die Begegnungen und Beobachtungen: da ist der Mann, der die Frau, mit der er verheiratet ist, nie beim Namen nennt und sein Unverständnis darüber zum Ausdruck bringt, dass Levy nicht zu ihrem Mann zurückkehrt. Sie berichtet von dem Mann auf einer Party, der sie vollquatscht, ihr jedoch keine einzige Frage stellt. Und auf der anderen Seite steht die Frau, die zuhört und von der Gleichmut und Heiterkeit erwartet werden.

Starke Frauen stellt sich Deborah Levy zur Seite. Begleitet wird sie von den Texten Adrienne Richs und Audre Lordes, vor allem aber von Marguerite Duras und Simone de Beauvoir. Mithilfe dieser Frauen zeigt Levy Gegenentwürfe weiblicher Leben auf. Doch wird ihr auch bewusst, wie unheimlich schwer [es als Frau ist], die eigenen Wünsche durchzusetzen, und so viel unanstrengender, sich darüber lustig zu machen.

Als schließlich ihre Mutter schwer erkrankt und auch stirbt, reflektiert Deborah Levy eindrücklich die widersprüchlichen Anforderungen, die wir als Töchter unseren Müttern entgegenbringen. "Wir geben ihr die Schuld an allem Möglichen, weil sie einfach da ist. Andererseits verweigern wir uns den diversen Mythen vom Charakter und der Bestimmung der Mutter. … Unsere Gefühle verraten wir ihr nicht, dennoch erwarten wir, rätselhafterweise, dass sie versteht, was wir empfinden."

Die Autorin scheint am Ende des Buches ruhiger geworden zu sein, sicherer. Sie scheint bei sich angekommen zu sein. "Die Nacht ist weicher als der Tag, stiller, trauriger […], man hört den Wind an den Scheiben rütteln […] und in der Ferne immer auch ein fernes verhaltenes Rauschen, das dem Meer ähnelt, aber einfach Leben ist, mehr Leben."

AVIVA-Tipp: Was das Leben kostet ist an keiner Stelle Selbstbespiegelung oder Larmoyanz. Ganz im Gegenteil berichtet eine starke Frau mit klarem feministischen Blick von einer großen Lebensveränderung und ihrem kreativen Umgang damit.

Zur Autorin: Deborah Levy, 1959 in Johannesburg, Südafrika geboren, ist Bühnen- und Romanautorin und Mitglied der Fellow Royal Society of Literature.
Ihr Vater, Sohn jüdischer Eltern, die aus Litauen vor den Pogromen nach Südafrika flohen, wurde als Gegner des Apartheit Regimes und Mitglied des ANC (African National Congress) inhaftiert und sah sich anschließend im Jahr 1968 dazu gezwungen mit seiner Familie nach London zu emigrieren.
Nach ihrem Studium am Dartington College of Arts, welches Deborah Levy 1981 abschloss, war sie als unter anderem als Theater- und Drehbuchautorin für die Londoner Royal Shakespeare Company tätig und leitete in Cardiff die Manact Theatre Company.
Zwischen 1989 und 1991 wirkte Levy als Creative Arts Fellow am renommierten Trinity College in Cambridge.

Bisher wurden drei Romane Deborah Levys ins Deutsche übersetzt: Heimschwimmen (2011), Black Vodka (2014) sowie "Was ich nicht wissen will" (2015) sowie Heiße Milch (2016). Ersterer wie auch Letzterer waren im Jahr 2012 und 2016 für den englischen Man Booker Prize for Fiction nominiert.
Darüber hinaus verfasste Levy in der Vergangenheit regelmäßig Beiträge für Fernsehen und Radio und veröffentlicht bis heute regelmäßig Artikel und Kritiken für die Printmedien wie The Independent oder The Guardian.
Mehr Infos zur Autorin: www.literature.britishcouncil.org

Zur Übersetzerin: Barbara Schaden studierte Romanistik und Turkologie in Wien und München. Nach einigen Jahren in der Filmbranche und im Verlagslektorat arbeitet sie seit 1992 vor allem als freiberufliche Übersetzerin aus dem Englischen, Französischen und Italienischen.

Deborah Levy
Was das Leben kostet

Originaltitel: The Cost of Living
Aus dem Englischen von Barbara Schaden
Hoffmann und Campe, erschienen im April 2019
Pappband mit Schutzumschlag, 160 Seiten
ISBN 978-3-455-00514-1
Euro 20,00
Mehr zum Buch: www.hoffmann-und-campe.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Deborah Levy - Heiße Milch
Erfolgsautorin Deborah Levy ("Heim schwimmen", "Was ich nicht wissen will") lieferte Anfang 2018 einen packenden Roman über die komplexe Beziehung einer jungen Frau zu ihrer an tauben Beinen leidenden Mutter vor der Kulisse Andalusiens. Es ist eine Geschichte, die die Hitze dieses Sommers für die Stunden der Lektüre zurückholt und die Grenzen zwischen Fiktion und Realität unter der südspanischen Sonne verglühen lässt.

Deborah Levy - Heim schwimmen
Dieser Urlaub war schon ein Alptraum, bevor er überhaupt losging. Der weltbekannte Dichter Joe ist unberechenbar, depressiv und ein chronischer Fremdgänger, seine Frau Isabel, die weltgewandte Kriegsberichterstatterin hat ihn und seine Ausfälle längst gründlich satt und die gemeinsame Tochter kann für ihre Eltern bestenfalls Mitleid aufbringen. Das mitgereiste befreundete Ehepaar steht kurz vor dem Bankrott – beste Voraussetzungen also für ein komplettes Desaster. (2013)

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