Rachida Lamrabet - Frauenland - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Romane + Belletristik



AVIVA-BERLIN.de im März 2021 - Beitrag vom 28.12.2009


Rachida Lamrabet - Frauenland
Claudia Amsler

"Welcher Kerl nimmt schon Unterwürfigkeit auf sich? Jetzt einmal ganz im Ernst, du bist also bereit, für Europa deine Würde zu verhökern?" Die marokkanischen Männer bezeichnen den Westen als...




...Frauenland, denn sie sind der Meinung, dass Frauen dort das Sagen haben. Doch der Roman thematisiert nicht nur die unterschiedlichen Geschlechterverhältnisse zwischen dem Westen und dem Islam, sondern auch die große Suche nach der eigenen Identität.

"Mara. Nenn mich Mara. Das ist der Name, den ich mir selbst gegeben habe." Selbstbestimmung - dieses Wort ist für Mariam, die sich nun Mara nennt, der Schlüsselbegriff für die grenzenlose Freiheit des eigenen Ichs. Als Kind ist sie mit ihrer Familie von Marokko nach Belgien gezogen. Doch Mariam wollte sich ganz von ihren Wurzeln, von ihrer Religion, dem Islam loslösen und entschloss sich, ihre Familie zu verlassen und in die Politik zu gehen. Als erfolgreiche Neopolitikerin wirbt sie als Migrantin "für mehr Farbe" und gleichsam lehnt sie das muslimische Kopftuch ab. Ihre Familie fühlt sich durch diese Emanzipation hintergangen von ihrer Tochter – sie kann und will diese Ablösung nicht verstehen.

Rachida Lamrabet zeigt mit dem Charakter der Mariam die kulturellen Differenzen zwischen dem Islam und dem Westen auf, ohne jegliche Wertung einzunehmen. Zudem spricht sie die Schwierigkeiten der eigenen Identitätssuche und auch die stetige Erinnerung an die eigenen Wurzeln an, welche nie absolut ausgelöscht werden können. Obwohl Mariam eine zentrale Rolle in "Frauenland" einnimmt, ist sie lediglich eine Perspektive von vielen. Doch sie ist der Ausgangspunkt - der Auslöser für die Träume, welche sich im Verlauf des Romans in allen Charakteren widerspiegeln.

Bevor die Traumwelt die Handlung dominiert, wird die Leserin an den marokkanischen Strand geführt, wo Mariam in Ferienlaune auf den jungen Mann Younes trifft. Aus dieser entspannten Stimmung entwickelt sich eine Liebe, die sich jedoch nicht verflüchtigen will, sondern sich tief im Herzen von Younes verankert. So tief, dass er Mariam einen Heiratsantrag macht. Der Antrag wird erwidert, doch so schnell das "Ja" erklingt, so kurzfristig ist die Abreise von Mariam. Der Student Younes gibt diese Liebe zu keiner Zeit auf, vergisst das Ja-Wort nicht und schreibt treu seiner Geliebten Briefe - Wörter, die fünf Jahre unbeantwortet bleiben.

"DER WESTEN: Die Zukunft und die Liebe." Diese Phrase nimmt sich Younes zu Herzen und folgt ihm auch. Denn er macht sich mit zwei Freunden auf die Reise nach Abendland - über das stürmische Meer - hin zu seiner geliebten Mariam. An der Brust stets sein Gebet für Mariam tragend. "Wenn dich die Liebe ruft, so folge ihr, auch wenn ihre Wege schwer und steil sind. Und wenn ihre Flügel dich umfassen, gib ihr nach, auch wenn das Schwert in ihrem Gefieder versteckt dich verwunden kann. Und wenn sie zu dir spricht, glaube ihr." Doch der couragierte Younes gelang nie zu seiner Geliebten, denn die Wellen nahmen ihm schlussendlich das Leben..

Neben der unvollendeten Liebe zwischen Younes und Mariam, eröffnet die Autorin Rachida Lamrabet weitere individuelle Geschichten. Diese bilden eigene persönliche Historien, die dennoch nicht als einzelne Nebenerzählungen wirken, sondern sich zu einem großen Ganzen zusammenfügen. So beispielsweise die von Faïza, dem Nachbarmädchen von Younes, die ihm seit klein auf verfallen ist. Sein Tod löst bei ihr Hungerstreiks aus, Übernachtungen auf dem Friedhof und die große Frage, wer seine Geliebte Mariam ist. Die Charaktere, so differenziert sie auch sein mögen, beginnen denselben Traum zu haben. Es scheint so, als würde sich der verstorbene Younes in die Phantasiewelt einschleichen, um endlich eine Antwort auf seine Briefe zu erhalten.

Rachida Lambaret benutzt diese Liebesgeschichte geschickt, um die verschiedenen Perspektiven im Roman, welche beinahe auseinanderdriften, wieder zusammen zu fügen. Denn Mariam wird aufgrund des Todes von Younes wieder mit ihrer Familie - mit ihrer Herkunft - konfrontiert. Und so wird ihr klar, dass sie ihre eigene Geschichte doch nicht so einfach hinter sich lassen kann.

Nicht nur Mariam befindet sich in diesem Konflikt, vielmehr erleben alle ProtagonistInnen diese Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne. Die Frage nach dem eigenen Ich - der individuellen Identität - ist ein zentraler Aspekt des Buches und Rachida Lamrabet zeigt am Ende des Romans auf, dass die persönliche Vergangenheit - die Familie, das Herkunftsland, die Religion - nicht einfach vergessen werden kann, sondern ein Teil von der eigenen Identität ist, auch wenn frau sich damit nicht mehr identifizieren kann.

AVIVA-Tipp: Der Roman "Frauenland" ist ein mannigfaltiges Buch und das nicht nur wegen der verschiedenen Perspektiven, sondern auch aufgrund des Schreibstils. Rachida Lamrabet schiebt hier und da marokkanische wie auch arabische Wörter hinein, welche der Leserin die kulturellen Unterschiede nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich näher bringen. Es werden Fragen aufgeworfen, die nie an Aktualität verlieren - Fragen über Heimat, Emigration, Liebe und das nie endende Rätsel des Glücks.

Zur Autorin: Rachida Lamrabet wurde 1970 in Marokko geboren und lebt in Belgien. Sie arbeitet als Juristin im Zentrum für Chancengleichheit und Bekämpfung von Rassismus in Antwerpen. 2006 erhielt eine Erzählung von Rachida Lamrabet den Literaturpreis von Kif Kif, ihr Debüt "Frauenland" gewann den Vlaamse Debuutprijs 2009, und ihr neuer Band mit Erzählungen, "Een kind van God", wurde 2008 mit dem BNG Nieuwe Literatuur Prijs ausgezeichnet. (Quelle Verlagsinformation)

Rachida Lamrabet
Frauenland

Übersetzerin: Heike Baryga
Originaltitel: Vrouwland (Meulenhoff/ Manteau, Antwerpen 2007)
Sammlung Luchterhand, erschienen Dezember 2009
Taschenbuch, 249 Seiten
ISBN-13: 978-3-630-62175-3
9,00 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Der Islam braucht eine sexuelle Revolution" von Seyran Ates.

"Der Multikulti-Irrtum" von Seyran Ates.

Türkische Autorinnen im Fokus


Literatur > Romane + Belletristik

Beitrag vom 28.12.2009

AVIVA-Redaktion 






AVIVA-News bestellen
  AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter



Esther Dischereit - Mama, darf ich das Deutschlandlied singen. Politische Texte

. . . . PR . . . .

Esther Dischereit - Mama, darf ich das Deutschlandlied singen. Politische Texte
Jüdisch. Solidarisch. Antirassistisch. Der Essayband mit einem Vorwort von Aleida Assmann knüpft an die beiden Aufsatzbände "Übungen jüdisch zu sein" und "Mit Eichmann an der Börse" an.
Mehr zur Autorin, zum Buch, sowie Bestellung unter: www.mandelbaum.at

Anne Waak - Wir nennen es Familie

. . . . PR . . . .

Wir nennen es Familie von Anne Waak
Wenn die Kleinfamilie nicht das große Glück verspricht, beginnt die Suche nach anderen Formen des Zusammenlebens. Anne Waaks Buch inspiriert dazu, die Familienform zu entdecken, die am besten zu einem passt und in der die Verantwortung für Kinder fair geteilt wird.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.edition-koerber.de

Hila Amit - Hebräisch für Alle. Von der Sprache zur Vielfalt.

. . . . PR . . . .

Hila Amit - Hebräisch für Alle
Das erste queere und feministische Hebräisch-Lehrbuch in Deutschland. Das Arbeitsbuch enthält zahlreiche lebensnahe Beispiele und Übungen, um den Wortschatz direkt anzuwenden und zu verinnerlichen.
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.edition-assemblage.de

Daniela Schenk - Mein Herz ist wie das Meer

. . . . PR . . . .

Daniela Schenk - Mein Herz ist wie das Meer
Amelies fester Vorsatz, sich von der Liebe fernzuhalten, gerät ins Wanken, als sie auf einer Zugfahrt der zauberhaften Zazou begegnet … Ein Buch, das die komplizierte Krankheit Bipolarität nicht beschönigt, aber Hoffnung macht. Und uns manches Mal befreiend lachen lässt.
Mehr zum Buch und Bestellinfos: www.krugschadenberg.de

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn

. . . . PR . . . .

Maria Nurowska - Briefe aus Katyn
Polen vor dem 2. Weltkrieg: Janina Lewandowska lässt sich zur Pilotin ausbilden. 1939 heiratet sie ihren Fluglehrer Mieczysław Lewandowski, gerät aber nach Kriegsausbruch in russische Kriegsgefangenschaft...
Mehr Informationen zum Buch und Bestellung unter: www.ebersbach-simon.de

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit

. . . . PR . . . .

Ahima Beerlage - Riss in der Zeit
Jana geht nicht gern unter Menschen. Und erzählt nie von ihrer Vergangenheit. Ihre Lebensgefährtin Frauke verbucht das unter "wortkarge Butch". Als Jana ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gerät, ändert sich das Leben der beiden Frauen radikal.
Mehr zum Buch und Bestellinfos unter: www.krugschadenberg.de


Kooperationen

editionfuenf
HentrichHentrich
AvivA-Verlag
ebersbach-simon
Krug & Schadenberg -  Der Verlag für lesbische Literatur