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AVIVA-BERLIN.de im Februar 2021 - Beitrag vom 13.05.2010


Justine Lévy - Schlechte Tochter
Marie Heidingsfelder

Reicht es, Mutter zu sein um Mama zu sein? Während ihre Mutter im Sterben liegt, bereitet sich Louise auf die Geburt ihrer Tochter vor. Eine Frau zwischen Tochter und Mutter, zwischen Leben und Tod.




Von Außen ist alles perfekt: Louise ist die Tochter eines bekannten Philosophen und eines Models, arbeitet erfolgreich in einem Verlag in Paris und hat eine vielversprechende Karriere als Autorin begonnen. Als sie mit ihrem Mann Pablo eine Tochter erwartet, scheint das Glück vollkommen. Doch die Schwangerschaft wird überschattet vom Sterben ihrer Mutter, die mit Krebs im Endstadium im Krankenhaus liegt.
Mit schonungsloser Ehrlichkeit beschreibt die französische Autorin Justine Lévy den Strudel an Emotionen, in dessen Sog ihre Protagonistin zu ertrinken droht. Zwischen Vorfreude, Schuldgefühlen, Trauer und der Angst, sowohl als Tochter, als auch als Mutter zu versagen, kämpft Louise mit der Fassung und sich selbst.

Im Zentrum des Romans steht die Beziehung von Mutter und Tochter, in der Louise eine schwierige Doppelrolle einnimmt. Sie, die in der Kindheit schrecklich unter dem "laisser faire", der Sucht und dem sozialen Abstieg der Mutter gelitten hat, weiß nicht, wie sie selbst ihrer Tochter eine echte "Mama" sein kann. Als wäre sie gezwungen, alles wie in einer Beichte offen zu legen, erzählt sie von ihrem Hass auf sich selbst, den Zweifeln, den Psychopharmaka und den Drogen.

Gefangen in Schuldgefühlen wagt sie es kaum, der vom Krebs zerfressenen Mutter von dem neuen Leben zu erzählen, das in ihr wächst. Doch der Tod der Mutter geht einher mit ihrem Aufleben und Bestehen: Überall in ihrer Tochter findet Louise die Spuren ihrer Mutter.
In der Konfrontation von Leben, Tod und drei Generationen von Frauen stellt sich die Frage, wie sehr man als Mutter immer Tochter bleibt und tradierte Handlungsmuster weitergibt.

Ohne Zweifel ist auch der dritte Roman nach "Rendez-vous mit Alice" (Le Rendez-vous, 1995) und "Nicht so tragisch" (Rien de grave, 2004) von Justine Lévy autobiographisch. "Schlechte Tochter" ist keine Fiktion, sondern der persönliche Rückblick auf die Zeit ihrer ersten Schwangerschaft. Beeindruckend ist die Offenheit, mit der sie von diesen Monaten und der belasteten Beziehung zu ihrer Mutter erzählt
So lässt sie keinen Zweifel daran, dass der äußere Schein der jungen, hübschen, erfolgreichen und glücklichen Mutter nur das ist - ein Schein. Ihr literarischer Seelenstrip ist nicht nur mitreißend und bewegend, sondern vor allem sehr mutig. Mutter zu werden ist nicht automatisch eine Eintrittskarte ins Glück, sondern kann Frauen auch in tiefe Selbstzweifel stürzen. Wenn Justine Lévy kommentarlos all die Geburts-Ratgeber aneinander reiht, die sie zur Vorbereitung gelesen hat, bleibt einem als LeserIn das Lachen im Hals stecken: Man spürt die Angst, mit der gesellschaftlich genormten Rolle überfordert zu sein. Was heißt es eigentlich, nicht bloß Mutter, sondern Mama zu sein?

Auch stilistisch besticht "Schlechte Tochter" und entwickelt eine Sogkraft, der man sich kaum entziehen kann. Oft entsteht der Eindruck, nicht einen durchdachten und konstruierten Roman, sondern ein Notizbuch vor sich zu haben.
Episoden aus der eigenen Kindheit, aus der Schwangerschaft, aus gemeinsamen Urlauben, aus der Krankengeschichte, nach der Beerdigung und nach der Geburt werden ohne Ordnung aneinandergereiht. Dazwischen Momentaufnahmen zusammenhangsloser Gedanken und Eindrücke: "Mir ist kalt. Ich bin müde. Was soll ich mit den ganzen Büchern? Ich mache das Fenster wieder auf. Nichts geht mehr". Als LeserIn sucht man mit der gleichen Aussichtslosigkeit wie Louise nach einem Halt im Chaos der Erinnerungen, Gefühle und Ängste - und ertappt sich doch immer wieder beim Lachen über die Situationskomik und hat beinahe selbst Lust, rohen Lachs mit einer Tafel Schokolade zu essen.

In Frankreich wurde "Schlechte Tochter" für den wichtigsten Literaturpreis, den Prix Goncourt vorgeschlagen – Justine Lévy hat sich von dem berühmten Namen ihres Vaters Bernard emanzipiert und ist mit nur 35 Jahren als feste Größe in der zeitgenössischen französischen Literatur etabliert.

AVIVA-Tipp: Ein bewegender Roman über Verlust und Gewinn, über Schuld und Reue – und vor allem über das Mutter und Tochter sein. Eine ehrliche und sprachlich hervorragende Abrechnung mit der eigenen Geschichte und der tiefen Bindung, die alle drei Protagonistinnen gleichzeitig fesselt und vereint.

Zur Autorin: Justine Lévy wurde 1974 als Tochter des Philosophen Bernard-Henri Lévy und des Models Isabelle Doutreluigne geboren. Sie hat Philosophie studiert, arbeitet als Editorin in Paris und hat mit "Schlechte Tochter" 2009 ihren dritten Roman veröffentlicht. Bekannt ist sie in Frankreich vor allem für "Rien de grave" ("Nicht so tragisch"), in dem sie die Trennung von ihrem ersten Ehemann verarbeitet, der sie für Carla Bruni verlassen hat.

Justine Lévy
Schlechte Tochter

Originaltitel: Mauvaise fille
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Kunstmann-Verlag, erschienen März 2010
Gebunden, 175 Seiten
ISBN-13: 978-3888976438
17,90 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Nicht so tragisch" von Justine Lévy


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Beitrag vom 13.05.2010

AVIVA-Redaktion 






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