Meret Oppenheim - Träume, Aufzeichnungen 1928-1985 - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Romane + Belletristik



AVIVA-BERLIN.de im November 2021 - Beitrag vom 24.11.2010


Meret Oppenheim - Träume, Aufzeichnungen 1928-1985
Marie Heidingsfelder

Eine Reise-Einladung in das Unbewusste einer genialen Künstlerin. Passend zum 25. Todestag der deutsch-schweizerischen Surrealistin und Lyrikerin am 15. November 2010 hat der Suhrkamp Verlag...




...ihre Träume und Aufzeichnungen aus mehr als 50 Lebensjahren neu aufgelegt.

Der Königsweg zum Unbewussten

Im Mai 2010 habe ich in Berlin eine Ausstellung der Künstlerin Aurélia Vartanian gesehen: Mehrere hundert Werke ihres "Journal aquarelle", ein gezeichnetes Tagebuch, das täglich wächst. Niemals war auf den Bildern die äußere Realität zu sehen, sondern immer innere Landschaften, ein unkommentiertes Tagebuch des Traumhaften und Unbewussten, in dem im Laufe der Zeit doch immer wieder Strukturen sichtbar wurden und eine Identität Form annahm. Ein Raum voller Bilder, der mir eine ähnliche Empfindung vermittelte, wie die Träume und Aufzeichnungen von Meret Oppenheim.
Wie die Werke Vartanians sind sie chronologisch geordnet und beginnen 1928, im 15. Lebensjahr von Meret Oppenheim. Ab diesem Alter und bis an ihr Lebensende hat sie die ihr relevant erscheinenden Träume so nüchtern wie möglich aufgeschrieben, aufbewahrt und sich mit ihnen auseinander gesetzt. Teilweise sind sie kommentiert, interpretiert oder mit Zeichnungen illustriert, die in der Neuauflage in den Text eingefügt sind. Über 57 Jahre ist so eine beeindruckende Sammlung entstanden, eine bizarre und faszinierende Hintertür in ihr Denken und ihre Kunst.

"Juli 53. In der Wüste. Drei bis fünf berittene kriegerisch aussehende Beduinen. Es sind aber Frauen. Man sieht ihre wettergebräunten Brüste. Das Pferd der einen bäumt sich auf und geht mit dem Hinterteil in die Luft, sodass sein schwarzer Schwanz wie ein Palmenwedel gegen den gelben Abendhimmel steht"

"In einem Geschäft probiere ich hohe, bis unter die Wade reichende Stiefeletten an. Sie sind über und über mit hellgrünen Pailletten bestickt. Ich kaufe sie. Die Verkäuferin bringt mir einen wundervollen Mantel, mit Kapuze, aus hellgrünen Marabufedern. Ich finde sie prächtig, sage aber zur Verkäuferin 2000 fr, das kommt leider nicht in Frage."

Diese Plastizität und Leuchtkraft ziehen sich durch all fast alle der Aufzeichnungen, in denen sich zusammengeträumte Tagreste mit Prophezeiungen, unbewussten Wünschen und farbenprächtige, unverständliche Visionen aneinander reihen. Erst Schritt für Schritt offenbaren sich Strukturen und Muster: Das ständige Verorten nach Himmelsrichtungen, die Natur als Hintergrund, Stimmungen, sexuelle Wünsche und teilweise reale Freunde und Familienmitglieder, die immer wieder auftauchen.
So weicht das anfängliche Befremden nicht nur einer großen Faszination, tabulos in die Traumwelt einer anderen Person gelassen zu werden, sondern auch einem ästhetischen Spaß an der Welt, in die man einen Einblick bekommt.

AVIVA-Tipp: Durch die Hintertür direkt ins Unbewusste: Ein gleichzeitig befremdlicher und sehr intimer Einblick in das Wesen einer faszinierenden Künstlerin. So inspirierend, dass man überlegt, statt des nächsten Buches das nächste mal ein Traumtagebuch aus der Buchhandlung mitzunehmen.

Zur Autorin: Meret Oppenheim gehört zu den wichtigsten Vertreterinnen des magischen Surrealismus. Die Künstlerin und Lyrikerin wurde am 6. Oktober 1913 in Berlin-Charlottenburg geboren und starb am 15. November 1985 in Basel. Schon früh wollte sie Künstlerin werden und las in ihrer Jugend Autoren wie Goethe, Keller, Rilke und Hesse. Mit 18 fuhr sie nach Paris, wo sie sich mit Hans Arp und Alberto Giacometti anfreundete und über sie in den Künstlerkreis um Marcel Duchamp und André Breton kam. Nach einer Fotografie von Man Ray galt sie als "Muse der Surrealisten", stellte aber auch selbst aus und wurde mit "Frühstück im Pelz" 1936 schlagartig berühmt. Nach einer Schaffenskrise begann sie 1949 wieder zu arbeiten und hatte zahlreiche Retrospektiven in großen europäischen Städten. Kurz vor ihrem Tod wurde sie Mitglied in der Berliner Akademie der Künste.

Meret Oppenheim
Träume, Aufzeichnungen 1928-1985

Herausgegeben von Christiane Meyer-Thoss
Suhrkamp Verlag, Neuauflage, Oktober 2010
Gebundene Ausgabe mit Abbildungen, 117 Seiten
ISBN: 978-3518224595
16,90 Euro
www.suhrkamp.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Karoline Hille - Spiele der Frauen. Künstlerinnen im Surrealismus"


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Beitrag vom 24.11.2010

AVIVA-Redaktion 






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