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AVIVA-BERLIN.de im März 2021 - Beitrag vom 23.11.2010


Laura Alcoba - Das Kaninchenhaus
Christina Boge

Argentinien Ende der 1970er Jahre: Zur Zeit der Militärdiktatur lebt hier die siebenjährige Laura, abgeschottet vom Rest der Welt – ihre Eltern gehören einer gejagten Guerilla-Organisation an.




Eigentlich ist Laura ein ganz normales Mädchen. Sie spielt mit Puppen, mag rosafarbene Prinzessinnenkleider und geht jeden Tag zur Schule. Doch Lauras Leben ist nicht ganz normal. Ihre Eltern haben sich den Montoneros angeschlossen, einer bewaffneten Organisation, die aus dem Untergrund mit Waffengewalt gegen die Militärdiktatur kämpft.

Laura wünscht sich nichts sehnlicher als ein sorgenfreies Leben in einem roten Backsteinhaus mit Hund und "Eltern, die sonntags Kuchen backen". Stattdessen muss sie erst zusehen, wie ihr Vater ins Gefängnis gebracht wird und sich dann von ihrer Mutter trennen, für die das Leben in der Öffentlichkeit nun zu gefährlich wird. Zunächst wohnt das Mädchen bei ihren Großeltern. Anspannung, Angst und Sorge bestimmen Lauras Alltag. Dass die Menschen auf der Straße kaum etwas von dem Krieg zu merken scheinen, der nun ein fester Bestandteil ihres Lebens ist, verunsichert sie zusätzlich.

Als Lauras Mutter ihre Tochter schließlich zu sich holt und mit ihr in ein gemeinsames Versteck zieht, wird das Kind endgültig jeglicher Normalität entrissen. Am Stadtrand bewohnen sie nun ein Haus, das der Organisation der Montoneros für Versammlungen dient. Im Schuppen wird eine Druckerpresse versteckt, um die Bevölkerung mit Flugblättern für die Sache der KommunistInnen zu gewinnen. Offiziell beherbergt das kleine Haus im Garten jedoch eine Kaninchenzucht.

Die Gefahr im Land wächst spürbar, jeden Tag werden Montoneros getötet oder verschwinden spurlos. Laura muss lernen, Verfolger zu erkennen und bei Ausflügen zu den Großeltern reglos unter einer Decke auf dem Rücksitz zu verharren. Aber sie versteht. Sie versteht, dass ihre Mutter keine Zeit für sie hat, dass sie nicht mehr zur Schule gehen kann, dass sie mit niemandem sprechen darf.

Gleichzeitig merkt sie, dass sie der Situation nicht gewachsen ist. Als eine freundliche Nachbarin sie nach ihrem Namen fragt, gibt sie an, ebenso wie ihre Eltern keinen zu haben: "Mein Vater und meine Mutter haben auch keinen Nachnamen. Sie sind Herr und Frau Garnichts, wie ich." Immer wieder wird die Frage laut, ob das Mädchen die Bewegung auffliegen lassen könnte. Zwar hält Laura dem Druck im Haus stand. Doch sie fühlt sich minderwertig und ausgeschlossen aus der gefährlichen Welt der Erwachsenen. Schließlich fällt die Mutter den Entschluss, mit ihrem Kind Schutz im Ausland zu suchen.

Jahre später wird Laura in ihrer neuen Heimat Frankreich durch Zufall mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Sie erfährt, was mit dem Haus um die Kaninchenzucht geschah und kann endlich beginnen, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten.

Mehr als 25 Jahre später schreibt die mittlerweile 35-jährige Frau über ihre Kindheitserlebnisse, die sie bis heute prägen. Obwohl als Roman gekennzeichnet, trägt das Buch stark autobiographische Züge. Und gleichsam als Intro schreibt die Erzählerin, es gehe ihr "weniger darum, mich zu erinnern, als herauszufinden, ob ich danach anfangen kann zu vergessen".

AVIVA-Tipp: Bedrückend, aber klaglos erzählt "Das Kaninchenhaus" von einer Kindheit zwischen Angst und Neugier, zwischen Ernst und Spiel. Die Lücken in der bruchstückhaften Erzählung muss die Leserin selbst ausfüllen. Zwar fällt dies nicht immer leicht, da die Autorin eine gewisse Kenntnis der damaligen Zustände in Argentinien voraussetzt. Doch rühren die kindlichen Gedanken mit ihrer Konzentration auf das Wesentliche die Leserin in einer Weise, die diesen Erstlingsroman zu einem außergewöhnlichen Glücksfall für die argentinische Literatur werden lässt.

Zur Autorin: Laura Alcoba wurde 1968 in La Plata, Argentinien, geboren. Im Alter von zehn Jahren flüchtete sie mit ihrer Mutter nach Paris, wo sie heute als Universitätsdozentin arbeitet. "Das Kaninchenhaus" ist ihr erstes Buch, es wurde in mehrere Sprachen übersetzt. (Verlagsinformation)

Laura Alcoba
Das Kaninchenhaus

Insel Verlag, erschienen August 2010
Gebunden, 118 Seiten
ISBN 978-3-458-17492-914,90 Euro






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Beitrag vom 23.11.2010

AVIVA-Redaktion 






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