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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2021 - Beitrag vom 22.12.2010


Sara Stridsberg - Traumfabrik und Valerie Solanas - SCUM
Marie Heidingsfelder

"I regret that I missed". Wenn Valerie Solanas bekannt ist, dann vor allem für den gescheiterten Mordversuch an Andy Warhol. Aber wer war die Frau, die die "Society for cutting up men" gründete?




Die junge schwedische Autorin, die schon das SCUM-Manifest in ihre Muttersprache übersetzte, rekonstruiert und phantasiert das verstörende Leben ihrer Heldin.

Das SCUM-Manifest ist Valerie Solanas persönliche, irrationale und radikalfeministische Abrechnung mit der patriarchalen Gesellschaft und den Männern überhaupt. Kurz zusammengefasst, haben diese ihre Daseinsberechtigung mit dem wissenschaftlichen Fortschritt endgültig verspielt und sollten nun – da eine rein weibliche Reproduktion möglich ist – ausgerottet werden. Vom Inhalt abgesehen, liest frau aber vor allem eins in dem 2010 von Philo auf Deutsch neu erschienenem Manifest: Eine große persönliche Verletzung, Verbitterung und eine unmäßige Wut.

Eigentlich erstaunlich, dass Sara Stridsberg, die erst sechs Jahre nach dem Manifest und dem Attentat auf Andy Warhol zur Welt kam, die schwedische Übersetzung übernommen hat. Und noch erstaunlicher, dass der Text ein halbes Jahrhundert und zwei Feminismus-Wellen später ausgerechnet in Schweden Comeback feiert: Einem Land, das den meisten anderen in Frauenrechtsfragen weit voraus ist. Die Schlüsselrolle hat wohl Sara Stridsbergs Roman gespielt.

"Traumfabrik" ist eine Fiktion auf der Basis dessen, was von Valerie Solanas Leben an Fakten und Gerüchten bekannt ist: Die Kindheit in der Wüste, die alkoholabhängige Mutter, die Vergewaltigungen durch den Vater, das College-Stipendium und die Flucht. Das Psychologiestudium, das sich die brillante Denkerin durch Prostitution finanziert und dann der Weg in Andy Warhols Fabrik mitten in die KünstlerInnenszene. Schließlich das Attentat, der Prozess, die Psychiatrieaufenthalte und der soziale Abstieg bis zum einsamen Tod in einem Hotelzimmer.

Sara Stridsbergs Roman ist nicht einfach, in doppelter Hinsicht: Zum einen, weil Valerie Solanas Leben ständig am Abgrund streift – und regelmäßig ganz kippt. Eine Abfolge von verbauten Chancen, Hass, Gewalt und der ganzen negativen Seite von Sex, Drugs and Rock´n´Roll. Und zum anderen, weil die Autorin unterschiedlichste Zeitebenen und Schreibstile mischt, als würden Valerie Solanas Phantasien im Fieber doch noch Realität. So erscheint nicht nur ihre Freundin trotz ihres Selbstmords am Totenbett, sondern auch Sara Stridsberg selbst.

Doch obwohl das Lesen Kraft und Zeit verlangt, obwohl frau wütend wird und ab und zu Lust hat, den Roman zuzuschlagen und irgendwas Nettes von Anne Gavalda zu lesen, ist frau genauso gefesselt wie begeistert. Von der Sprache und vor allem der Einfühlsamkeit, mit der sich die Autorin der als "durchgedrehte Feministin" bekannten Frau nähert. So ermöglicht sie nicht nur einen Zugang zum SCUM-Manifest, sondern zeigt auch andere Seiten von Valerie Solanas: Ihre Intelligenz, ihre Empfindsamkeit, das Surfen am Strand, sonnenhelle Nachmittage allein mit ihrer Mutter, glückliche Momente am College und im Studium, die Beziehung zu Cosmogirl und der gemeinsame Traum, die ersten intellektuellen Huren Amerikas zu werden.

AVIVA-Tipp: "Traumfabrik" ist nicht einfach, doch wer sich auf die Erzählweise einlässt, erlebt einen großartigen Roman: Sowohl inhaltlich, als auch stilistisch ebenso einfühlsam wie verstörend. Der perfekte Zugang, um das SCUM-Manifest zu verstehen. Und nebenbei kann die kombinierte Lektüre schwere Fälle von Feminismus hervorrufen!

Zur Autorin: Sara Stridsberg 1972 geboren, schreibt Romane und Theaterstücke und ist außerdem als Übersetzerin und Journalistin tätig. 2004 erschien ihr erster Roman zu Sally Bauer, der ersten Frau aus Skandinavien, die den Ärmelkanal durchschwamm. Für "Traumfabrik", ihren zweiten Roman, erhielt sie 2007 den Literaturpreis des Nordischen Rates. (Quelle: Fischer Verlag)
Seit dem Wintersemester 2010 lehrt Sara Stridsberg im Rahmen der Samuel Fischer-Gastprofessur für Literatur am Peter Szondi-Institut an der Freien Universität Berlin. In diesem Rahmen hält sie ein wöchentliches Seminar mit dem Titel "Destroy she says – Destruction, Alienation & Literature from ´Medea´ (Euripides) to ´Blasted´ (Sarah Kane)".



Sara Stridsberg
Traumfabrik

Aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein
Fischer Verlag, erschienen September 2010
Gebunden, 327 Seiten
ISBN: 978-3100744357
21´95 Euro
www.fischerverlage.de


Valerie Solanas
S.C.U.M. Manifest der Gesellschaft zur Abschaffung der Männer

Philo Fine Arts, erschienen September 2010
Broschiert, 109 Seiten
ISBN-13: 978-3865726667
10´00 Euro
www.philo-fine-arts.de




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Beitrag vom 22.12.2010

AVIVA-Redaktion 






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