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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2021 - Beitrag vom 26.11.2002


Doris Dörrie: Das blaue Kleid
Meike Bölts

Doris Dörries neuer Roman über Liebe, Trauer, Tod, Verzweiflung und Hoffnung




Babette und Florian trauern um ihre verstorbenen Geliebten: Ein beinahe lapidarer Satz, der Doris Dörries neuen Roman Das blaue Kleid beschreibt. Doch hinter dem kleinen Verb "trauern" steht eine Wucht an Gefühlen, die uns beinahe ersticken lässt. Klein, ruhig und unauffällig kommt die Geschichte daher: Babettes Mann Fritz stirbt nach einem Verkehrsunfall auf Bali. Florians Freund Alfred verliert nach Jahren den Kampf gegen den Krebs. Die Hinterbliebenen suchen den Weg zurück ins Leben.

Nachdem Dörrie sich mit Nackt doch eher oberflächlichen Luxusproblemen zuwandte (ich gebe zu, ich kenne nur den Film, nicht die literarische Vorlage Happy), wagt sie sich mit ihrem neuen Roman wieder an die großen Themen: Liebe, Verlust und Tod. Welche Rituale stehen uns zur Verfügung, um Trauer zu ertragen, zu verarbeiten? Sowohl Babette als auch Florian zerbrechen beinahe an dem Versuch, ihr Leben weiterzuleben, ohne die Toten zu vergessen. Erst als die Beiden sich gegenseitig ihre Geschichte erzählen können, bahnt sich für sie eine Möglichkeit des Weiterlebens an.

Dörrie nutzt das Thema, um uns wieder in die surreal anmutende Welt von exotischen Ritualen mitzunehmen: Den Emotionen buchstäblich Raum geben und sie damit sicht- und greifbar zu machen. Den Tod ins Leben einzuschließen, ohne an der Trauer zu zerbrechen - mit dem Tod tanzen. Die visuelle Wahrnehmung und Darstellungskraft der Filmemacherin Dörrie ist hier ganz deutlich zu spüren. Leider hat die Darstellung etwas von westlichem Staunen über "primitive" Rituale. Doch die aufscheinende Kritik in Das blaue Kleid ist durchaus berechtigt: Trauer ist nicht über die Ratio zu erfassen, sondern eine Emotion und muss als solche begriffen werden.

Einerseits betritt Dörrie ein weiteres Mal bereits als sicher erachtetes Terrain: Die geschilderten balinesischen und mexikanischen Totenfeier-Szenarien ähneln den "Semana Santa"-Szenen in Bin ich schön doch so sehr, dass das Wörtchen "Wiederholung" im Raume steht. Andererseits ermöglichen diese Szenen ihr, die Emotionen dem Verstand zu entreißen.

Die Geschichte oszilliert zwischen komischer Verzweiflung und erschreckender Dramatik. Die Erzählerin bleibt jedoch in einer seltsamen Distanz gegenüber den Figuren hängen. Sie führt uns an die Abgründe, damit wir einen Blick hinunter riskieren können, ohne gleich selbst hinunter zu fallen.

Babette erklärt: "Ich beginne zu verstehen, dass tiefe Trauer die Voraussetzung für großes Glück sein kann." Diesen Weg zu beschreiben ist Dörrie mit Das blaue Kleid im Kleinen gelungen.



Doris Dörrie: Das blaue Kleid
Diogenes Verlag, Zürich 2002
Gebunden, 192 Seiten, 16,90 EUR
ISBN 3-257-06319-9 http://www./?r=aviva-berlin200888534675" target="_blank">


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Beitrag vom 26.11.2002

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