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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 16.05.2017

Vera D├╝nkel - R├Ântgenblick und Schattenbild. Genese einer neuen Art von Bildern
Lisa Baurmann

Die Kunsthistorikerin und Kulturwissenschaftlerin nimmt uns in ihrem Werk, das urspr├╝nglich als Dissertation am Helmholtz-Zentrum f├╝r Kulturtechnik der Humboldt-Universit├Ąt entstanden ist, mit auf eine Reise ins europ├Ąische fin de si├Ęcle, in dessen...



... Sehgewohnheiten und wissenschaftlichen Diskurse, die sich auch in den ersten entstehenden R├Ântgenaufnahmen abzeichnen. Das Kernst├╝ck des Buches bilden bisher unver├Âffentlichte, teilweise erstaunliche und wundersch├Âne Abbildungen dieser fr├╝hen Arbeiten.

Mit "Zwei Seefische: Acanthurus nigros und Zanclus cornutus" ist die Aufnahme aus dem Jahr 1896 betitelt, die J.M. Eder und E. Valenta im Band "Versuche ├╝ber Photographie mittelst der R├Ântgen┬┤schen Strahlen" ver├Âffentlichten. Sie entstand noch im selben Jahr der Entdeckung der unsichtbaren elektromagnetischen Wellen durch Wilhelm Conrad R├Ântgen und ist beispielhaft f├╝r deren schnelle Verbreitung und Popularisierung.

Ebenso beispielhaft steht diese Aufnahme f├╝r die epistemische und bildliche Kontinuit├Ąt mit der Fotografie, in die Zeitgenoss_innen das R├Ântgenverfahren stellten, wie Eder und Valenta auch mit dem Titel des Bandes deutlich machten. Das legt nahe, dass fr├╝he R├Ântgenbilder nicht nur auf ihre technischen Voraussetzungen hin untersucht, sondern auch mit Blick auf ihre ├Ąsthetischen Bedingungen interpretiert und kontextualisiert werden k├Ânnen. Letzteres Projekt unternimmt Vera D├╝nkel in ihrem Buch "R├Ântgenblick und Schattenbild". Die "Zwei Seefische" sind bestens geeignet, einige der Verortungen aufzuzeigen, die D├╝nkel dabei vornimmt.

Zwei Seefische: Acanthurus nigros und Zanclus cornutus
┬ę AVIVA-Berlin. "Zwei Seefische: Acanthurus nigros und Zanclus cornutus", R├Ântgenaufnahme erschienen 1896 in J.M. Eders und E. Valentas "Versuche ├╝ber Photographie mittelst der R├Ântgen┬┤schen Strahlen", hier abgebildet in Vera D├╝nkels "R├Ântgenblick und Schattenbild", S. 232.

Schattenbilder

Zun├Ąchst wird die zeitgen├Âssische Betrachterin vielleicht der Umstand wundern, dass es sich bei den zwei Seefischen nicht, wie von heutigen medizinischen bildgebenden Verfahren bekannt, um in Wei├č hervortretende Formen auf schwarzem Grund handelt. In dieser Fr├╝hphase des Experimentierens mit R├Ântgenstrahlen wurden oft noch Positive von der mit den Strahlen belichteten Fotoplatte abgezogen, so auch hier. Die Ergebnisse wirken wie mysteri├Âse, im Bild schwebende Schatten.

In Schwarz auf wei├čem Grund zeichnen sich also zwei Fische ab. Ihre Augen leuchten hell aus den dunklen K├Ârpern hervor. Die Skelette, Z├Ąhne, Flossen und Stacheln bilden filigrane, erstaunlich detailliert abgebildete Formen innerhalb der halbtransparenten, sich ├╝berlagernden Haut- und Muskelschichten.

Unsichtbares sichtbar machen

Diese Detailtreue geh├Ârt zu den Zielen, nach denen die Wissenschaftler_innen und Unternehmer_innen, die mit den neuen Strahlen experimentierten, allen voran strebten. Sie l├Ąsst sich einordnen in den Versuch, bisher Unsichtbares, wie die Knochen eines intakten Lebewesens, sichtbar zu machen. Die Enth├╝llungen konnten die Betrachter_innen ├╝berraschen und begeistern, aber auch gruseln: Von allen Motiven der fr├╝hen R├Ântgenaufnahmen, darunter auch Alltagsgegenst├Ąnde und Ger├Ątschaften, erfreuten sich Durchleuchtungen von Tier- oder Menschenk├Ârpern, die das Skelett sichtbar machten, schnell der gr├Â├čten Popularit├Ąt. Besonders beliebt waren Live-Durchleuchtungen von Armen und H├Ąnden des begeisterten Publikums auf Elektrizit├Ąts- und R├Ântgenausstellungen, die mittels fluoreszierender Schirme zum Vorschein kamen. Die Autorin arbeitet die darin begr├╝ndete Parallele zu Memento-Mori- und Vanitas-Kunstwerken heraus, die die Pr├Ąsenz des Todes in Erinnerung rufen sollten.

Ästhetischer Anspruch

Vor allem aber l├Ąsst sich der Aufnahme der Anspruch ansehen, Bilder nicht nur mit Erkenntnisinteresse, sondern von visuell ansprechender Qualit├Ąt zu schaffen. Der gegenl├Ąufigen Anordnung der beiden Fische im Bildzentrum l├Ąsst sich die bewusste Entscheidung f├╝r eine bestimmte Bildkomposition ablesen. Das R├Ântgenbild kann damit, wie viele andere der gezeigten Aufnahmen, nicht nur als technisch, sondern auch als ├Ąsthetisch ├Ąu├čerst gelungen betrachtet werden.

├ästhetisch ansprechend gestaltet ist der gesamte Band, nicht nur die in Originalgr├Â├če enthaltenen, von der Autorin ausgew├Ąhlten R├Ântgenaufnahmen. Durch den transparenten Einband scheint, in genialer Anlehnung an das Untersuchungsobjekt, die Abbildung einer fr├╝hen R├Ântgenaufnahme der menschlichen Hand. Im Inhaltsverzeichnis sind die Seitenzahlen mit den Kapitel├╝berschriften durch wellenf├Ârmige Linien verbunden, die an Strahlung erinnern. F├╝r die Gestaltung zeichnet die Berliner Agentur Troppo Design verantwortlich.

Durchleuchtende Beobachtungen, transparente Sprache

Selbstredend ├╝berzeugt D├╝nkels Werk, dem jahrelange wissenschaftliche Forschungen zugrunde liegen, auch inhaltlich. Mit zahlreichen Gegen├╝berstellungen verortet es die fr├╝hen R├Ântgenbilder nicht nur in Sehgewohnheiten des ausgehenden 19. Jahrhunderts und in zeitgen├Âssische Diskurse, sondern auch in Kunsttechniken des fr├╝hen 20. Jahrhunderts. Besonders spannend sind die Parallelen zur sp├Ąteren Fotogrammkunst, unter anderem zu Werken L├íszl├│ Moholy-Nagys von 1927, die die Autorin aufzeigt.

Vera D├╝nkel gelingt es, ihre tiefgehenden Er├Ârterungen zu der anspruchsvollen Thematik mit zug├Ąnglicher Sprache zu vermitteln, indem sie mit Fachjargon spart und durchweg eine klare Ausdrucksweise w├Ąhlt.
Der Einstieg in den Text h├Ątte jedoch, f├╝r Einsteiger_innen wie f├╝r Expert_innen, einfacher gestaltet werden k├Ânnen. D├╝nkel geht sehr sparsam mit Wegweisern um, die dem Text Struktur geben ÔÇô darunter Ausblicke auf noch folgende Textabschnitte oder Zusammenfassungen einzelner Kapitel ÔÇô sodass das Erschlie├čen von Kernpunkten und Argumenten erschwert wird.

Kritische Leerstellen

Das vierte Kapitel besch├Ąftigt sich mit der Arbeit Hans Virchows an R├Ântgenbildern von abgebundenen F├╝├čen aus dem Jahr 1905. Diese werden euphemistisch auch "Lotosf├╝├če" genannt, sie bezeichneten eine bis ins 20. Jahrhundert in China angewandte Praxis, F├╝├če von M├Ądchen und Frauen schmerzhaft einzubandagieren und teilweise auch gewaltsam zu brechen, damit sie eine m├Âglichst kleine und spitze Form erhielten. Dabei ├╝bernimmt D├╝nkel einerseits unkritisch die Quellensprache ("Chinesinnen-F├╝├če"), andererseits l├Ąsst sie Fragen unbeantwortet, die die Betrachtung der Bilder im historischen Kontext nahe legen w├╝rde: Inwiefern ist der R├Ântgenblick hier auch Ausdruck eines kolonialen Blicks, der Menschen und Kulturen au├čerhalb Europas verallgemeinernde und abwertende Eigenschaften zuschreibt?

Thematisch verbunden mit dieser Frage ist die Normierung von K├Ârperbildern, die D├╝nkel als Mechanismus eines Teils der fr├╝hen R├Ântgenbilder aufzeigt. Dabei bleibt offen, wie sich das Verh├Ąltnis von dieser Normierung zu Eugenik und Rassenideologie im 19. und 20. Jahrhundert gestaltet. Auch wenn diese Leerstellen im Rahmen der Dissertation vielleicht nicht zu f├╝llen waren, h├Ątte Vera D├╝nkel immerhin auf sie aufmerksam machen k├Ânnen.

AVIVA-Tipp: Trotz einzelner offener Fragen ist der schriftliche Teil der Abhandlung von gro├čem wissenschafts- und bildhistorischen Wert. Die ├╝ber 70 Abbildungen von R├Ântgenaufnahmen in Originalgr├Â├če und das bibliophile Design machen das Werk dar├╝ber hinaus zu einem wahren Schmuckst├╝ck. Damit spricht es nicht nur wissenschaftlich zum Thema Arbeitende an, sondern auch geschichtlich oder k├╝nstlerisch Interessierte.

Zur Autorin: Vera D├╝nkel studierte Bildende Kunst und ├ästhetik in Paris sowie Kulturwissenschaften und Kunstgeschichte an der Humboldt-Universit├Ąt zu Berlin und arbeitete bis 2013 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Projekt "Das technische Bild", eine Kooperation des Hermann von Helmholtz-Zentrum f├╝r Kulturtechnik und des Instituts f├╝r Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universit├Ąt, wo sie bis heute assoziiertes Mitglied ist. 2014 promovierte sie beim Kunsthistoriker Horst Bredekamp mit "R├Ântgenblick und Schattenbild. Genese und ├ästhetik einer neuen Art von Bildern". 2008 war sie Mitherausgeberin des Sammelbandes "Das Technische Bild. Kompendium zu einer Stilgeschichte wissenschaftlicher Bilder". 2015 erschien dessen englischsprachige Ausgabe "The Technical Image. A History of Styles in Scientific Imagery". 2010 gab Vera D├╝nkel den Band "Kontaktbilder" in der Reihe "Bildwelten des Wissens. Kunsthistorisches Jahrbuch f├╝r Bildkritik" heraus. In Fotogeschichte, Heft 138, ver├Âffentlichte sie 2015 den Aufsatz "Zwischen Memento mori und Spektakel. Fr├╝he Auff├╝hrungen von R├Ântgenbildern des K├Ârpers im kulturgeschichtlichen Kontext". Vera D├╝nkel lebt und arbeitet in Berlin.

Vera D├╝nkel
R├Ântgenblick und Schattenbild. Genese und ├ästhetik einer neuen Art von Bildern

Edition Imorde, erschienen: April 2016
Offene Fadenbindung mit transparentem Kunststoffeinband, 296 Seiten, 223 Textabbildungen und 72 Farbtafeln
ISBN: ISBN 978-3-942810-35-7
Preis: 79 Euro
www.reimer-mann-verlag.de

Literatur > Sachbuch Beitrag vom 16.05.2017 AVIVA-Redaktion 





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