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AVIVA-BERLIN.de im September 2019 - Beitrag vom 15.06.2019


Rebecca Solnit - Die Dinge beim Namen nennen. Call Them by Their True Names. American Crisis (and Essays)
Ahima Beerlage

Die jüdisch-amerikanische Kulturhistorikerin, Journalistin, Essayistin und Autorin ("Wenn Männer mir die Welt erklären"), der wir den Begriff des "Mansplaining" zu verdanken haben, nimmt sich in ihren aktuellen furchtlosen und scharfsichtigen Essays der USA unter Trump an.



"Indem wir Dinge bei ihrem wahren Namen nennen, durchbrechen wir die Lügen, mit denen Untätigkeit, Gleichgültigkeit oder Weltfremdheit entschuldigt, abgeschwächt, vertuscht, verdeckt oder umgangen werden oder sie die befördern. Dies ist zwar nicht das alleinige Mittel zur Veränderung der Welt, aber doch ein wesentlicher Schritt." Diese Erkenntnis scheint Solnit nicht nur auf Amerika anzuwenden, das durch immer neue sprachliche Verschleierungen der Missstände im Land die Trump-Ära in einem besseren Licht erscheinen lassen soll, sondern diese Erkenntnis ist auch das Hauptmotiv ihrer schriftstellerischen und journalistischen Arbeit. Mit Publikationen wie "Wenn Männer mir die Welt erklären" hat sie bewiesen, dass sie in ihren Essays einen klaren Blick auf Missstände hat, mit dem sie die Lesenden aber nicht allein lässt. Sie sucht nach Lösungen und Auswegen, ohne dabei literarisch zu posieren oder sich politischen oder gesellschaftlichen Gruppierungen anbiedern zu wollen.

In ihren neuen Essays analysiert sie die Krise Amerikas unter vier Aspekten: "Wahlkatastrophen", "Amerikanische Gefühlslagen", "Amerikanische Hartleibigkeiten", "Möglichkeiten".

Die Tochter einer irisch-katholischen Mutter und eines jüdischen Vaters ist in Connecticut aufgewachsen. Zwar hat sie nie eine öffentliche höhere Schule besucht, hat aber die Prüfung für die Zulassung zum College mit Erfolg abgelegt. Mit 17 Jahren studierte sie bereits in Paris, später in San Francisco und Berkeley. Heute schreibt sie für den britischen "The Guardian" und das amerikanische Magazin "Harper´s" und sie meldet sich auf kritischen Internetseiten zu Wort. Im Vordergrund ihrer Arbeit stehen Feminismus, Umweltschutz und Menschenrechte. Und hier sieht sie auch klar die Probleme, die sich unter der Präsidentschaft von Trump und den weißen Hardlinern hinter ihm nur verstärkt haben.

Im ersten Kapitel, Wahlkatastrophen, nimmt sie den Missbrauch von Sprache unter die Lupe, den gezielten Einsatz von Lügen, um die politische Gegnerin zu diskreditieren, um Minderheiten zu denunzieren und Missstände zu vertuschen und deckt auf, dass diese Taktik nicht erst mit Trump und seinen Leuten Einzug in die amerikanische Sprache gefunden hat.

"(…) man kann Informationen verfälschen, indem man sie verzerrt oder in ein Missverhältnis setzt, Gewalt beschönigt oder absolut legale Handlungen verunglimpft, so dass weiße Jugendliche "abhängen", Schwarze dagegen "herumlungern" oder irgendwo "lauern". Sprache kann ausradieren und verdrehen, in die falsche Richtung weisen, sie kann falsche Köder auslegen und vom Eigentlichen ablenken. Sie kann Leichen vergraben oder sie hervorholen."

Immer neue Begriffe werden auf den Markt geworfen, Daten zum Thema Klimawandel oder Gewalt gegen Frauen verfälscht oder gar durch falsche Grundannahmen manipuliert. Die Verschleierung der Realität ist in Donald Trump personifiziert. Das raffgierige Kind aus reichem Haus, so Solnit, lebt in einer eigenen Welt aus Euphorie und Ablehnung, aus Großprojekten und Pleiten, aus Idealisierung und Dämonisierung – und mit der Wut eines skrupellosen Narzissten konnten er und die weißen alten Männer hinter ihm auch die politische Gegnerin Clinton im Wahlkampf vernichten. Sie manipulierten Wahlbezirke, schlossen Minderheiten von der Wahl aus, verbreiteten Frauenhass und erreichten trotz faktisch geringerer Wahlstimmen den Sieg. Wie dieser Sieg im Einzelnen zustande kam, bereitet sie in den folgenden Kapiteln auf.

In Meilensteine der Frauenfeindlichkeit deckt Rebecca Solnit den Krieg dieser Männer gegen Frauen auf, ein Krieg, der nicht nur die Kandidatin Hillary Clinton traf, sondern allen Frauen gilt. Im Kapitel Die Ideologie der Isolation deckt sie den Mechanismus der rechten Ideologie auf. "Ihre Grundwerte sind individuelle Freiheit und individuelle Verantwortung: Jeder kämpft für sich selbst und für sich allein. Dieser glorreichen Losgelöstheit entspringen alle möglichen Varianten unlogischen Denkens. Zu Ende gedacht, gebietet diese Weltsicht, dass sogar Fakten losgelöste Waren sind, die der Selfmademan nach Belieben fabrizieren kann".

Die Selbstgewissheit, die daraus resultiert, führt zu immer härteren Auseinandersetzungen, in denen die Wirklichkeit simplifiziert wird, findet Rebecca Solnit. Es entstehen klare Fronten, in der Gespräche zu Kriegen werden, in denen die Kriegsparteien die Wahrheit gepachtet zu haben scheinen. Diese Wahrheiten sind so überhöht, dass ihre Realisierung immer unwahrscheinlicher wird.

Zynismus ist die Folge, eine Resignation, das Machbare je zu erreichen. "Zyniker sind häufig enttäuschte Idealisten und Hüter unrealistischer Standards". Ihnen setzt Rebecca Solnit durch klare Sprache und die Fähigkeit, positiv zu denken entgegen, dass nur Neugier und Offenheit für die Komplexität der Welt hilft, die Welt wirklich zu verändern. Als Mittel scheint ihr dabei auch Wut legitim, denn im bestehenden System steht Wut nur weißen alten Männern zu. Frauen und People of Colour hingegen wird Wut abgesprochen oder die Wütenden werden kriminalisiert. Wichtig ist ihr aber auch, dass die GegnerInnen nicht ins Predigen verfallen, denn niemand hat die Wahrheit gepachtet. Zuhören ist das probate Mittel. Auch ermutigt sie dazu, schon zu handeln, wenn die Dinge noch in ihrer Entwicklung sind. Abzuwarten, bis sich ein Prozess in gesellschaftlicher Gewissheit verfestigt hat, kann handlungsunfähig machen. Manche Dinge verfestigen sich auch erst durch ihre Anwendung in der Gesellschaft. Im besten Fall ist eine Unterhaltung eine Methode, um viel schlaue, indirekte Dinge zu erreichen.

Wie nötig ein differenzierter Dialog ist, sieht sie am Zustand des Landes, in dem hemmungslos produziert wird, was das Klima immer weiter zerstört. Der geleugnete Klimawandel wird zu Gewalt, der mehr Ressourcen und Menschen vernichtet als jeder Krieg. Auch im Rassismus, auf dem die Gründung des Staates schon aufbaut und der sich heute im Krieg gegen MigrantInnen und People of Colour fortsetzt, sieht sie Ursachen für den Verfall des Landes, ebenso in der Verdrängung alter Menschen und ärmerer Bevölkerungsgruppen am Beispiel San Franciscos. Hier drängen die MitarbeiterInnen der Tech-Milliardäre vom Silicon Valley zunehmend in die Stadt und verdrängen die bisherigen MieterInnen, was auch zur Schließung von Lesben- und Schwulentreffpunkten führt und damit eine gewachsene Szene verdrängt. Die neuen weißen Reichen sind an dieses multikulturelle Zusammenleben nicht gewohnt und reagieren rassistisch-ängstlich auf ihre Umgebung und provozieren damit polizeiliche Übergriffe an People of Colour und Menschen aus dem LGBTQI-Spektrum.

Diese Verdrängung verursacht sogar den Tod vieler alter Menschen und Menschen, die sich nicht gegen diesen Druck durchsetzen können. Die Verdrängungsprozesse führen zu überfüllten privatwirtschaftlichen Gefängnissen, in der People of Colour und andere Minderheiten überproportional einsitzen. Todeszellen füllen sich, Berufungsverfahren werden verschleppt. Wer aber glaubt, Rebecca Solnit habe resigniert, irrt sich. In Widerstandsbewegungen wie den SchülerInnenprotesten nach einem Amoklauf an einer Schule, dem Widerstand gegen eine Pipeline am "Standing Rock", dem Frauenmarch, dem Widerstand von JournalistInnen gegen die Flut der Fake-News und der Wut, Trauer und Gegenwehr vieler BürgerInnen sieht sie ihre Hoffnung zur Rettung des Landes.

"Hoffnung ist ein informierter, aufmerksamer und offener Kopf für das, was passieren kann, und welche Rolle wir dabei spielen könnten. Hoffnung schaut nach vorn, zieht ihre Energie aber aus der Vergangenheit, aus der Kenntnis alter Geschichte(n) und aus dem Wissen auch über unsere Siege, über deren Vielschichtigkeiten und Unvollkommenheiten."

Gewohnt klar und unerschrocken widmet sich Rebecca Solnit in den Essays ihres neuen Buches den Verhältnissen in den USA. Ausgehend von dem schon vergifteten und misogynen Wahlkampf, der Trump und die Allianz der weißen alten Männer an die Macht gebracht hat, fällt ihre Bilanz alarmierend und düster aus. Aber wie auch in ihren anderen Büchern lässt sie die Lesenden nicht gelähmt vor Angst zurück. Sie beschreibt die verschiedenen Bewegungen wie die Jugendlichen gegen die freizügigen Waffengesetze und den Widerstand am Standing Rock als Beginn einer wachsenden Gegenbewegung und sie nimmt auch die Lesenden in die Pflicht. "Die einzige Kraft, die Tyrannei und Zerstörung stoppen kann, ist die Zivilgesellschaft, und zu dieser Gesellschaft gehört eine große Mehrheit von uns. Wir müssen uns bloß unserer Macht entsinnen und zusammenkommen."

AVIVA-Tipp: Auch wenn die Verhältnisse, die beschrieben werden, spezifisch auf die USA zutreffen, sind viele der Schlüsse von Rebecca Solnit daraus allgemeingültig. Obwohl die Trump-Regierung und ihre AnhängerInnen leicht dazu verleiten, die Welt in FreundIn und FeindIn einzuteilen, warnt Rebecca Solnit explizit vor diesem Denken. Und darin besteht die besondere Qualität ihrer Essays. Sie sind lesenswerte Analyse einer zunehmend individualisierten und egoistischen Gesellschaft, die sich nicht in intellektuellem Zynismus verliert. Eine Sichtweise, aus der es sich lohnt, auch das eigene Land zu betrachten.

Zur Autorin: Rebecca Solnit Jahrgang 1961, ist eine der bedeutendsten Essayistinnen und Aktivistinnen der USA. Sie setzt sich für Feminismus, Umweltschutz und Menschenrechte ein. Sie ist mitwirkende Herausgeberin des US-amerikanischen Magazins "Harper´s", für das sie als erste Frau regelmäßig für die Kolumne "Easy Chair" schreibt. Außerdem verfasst sie regelmäßig Kolumnen für den "The Guardian". Gemeinsam mit der Illustratorin Mona Caron veröffentlichte sie das Bestiarium: "A California Bestiary", das 2010 erschien. Darin stellt sie kalifornische Tiere und ihre erstaunlichen Eigenschaften vor. Für ihre Werke erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Ins Deutsche übersetzt wurden von ihr neben "Die Dinge beim Namen nennen" (2019) bisher "Wenn Männer mir die Welt erklären" (2017), "Die Mutter aller Fragen" (2017) und "Nonstop Metropolis. Ein Atlas in Worten" (November 2019), alle bei Hoffmann und Campe erschienen.
Rebecca Solnit lebt in San Francisco, Kalifornien.
Mehr Infos unter: rebeccasolnit.net und www.theguardian.com

Rebecca Solnit
Die Dinge beim Namen nennen

Originaltitel: Call Them by Their True Names. American Crisis (and Essays)
Übersetzt von Bettina Münch und Kirsten Riesselmann
Verlag Hoffmann und Campe, erschienen am 1. April 2019
Gebundene Ausgabe, 320 Seiten
ISBN: 978-3455005301
Preis: 22,00 Euro
Mehr zum Buch unter: www.hoffmann-und-campe.de

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