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AVIVA-BERLIN.de im August 2022 - Beitrag vom 15.12.2021


Mary L. Trump - Das amerikanische Trauma – Die gespaltene Nation – und wie sie Heilung finden kann
Silvy Pommerenke

Wie bereits in ihrem Bestseller "Zuviel und nie genug", rechnet Mary L. Trump, Psychologin und Autorin, sowie Nichte von Donald Trump, sowohl mit ihm als auch mit der amerikanischen Gesellschaft ab. Die Nation sei gespalten, so sagt sie, weil die millionenfache Versklavung von Schwarzen und die Unterdrückung indigener Völker bis heute Auswirkungen auf die US-amerikanische Gesellschaft habe.




Mary L. Trumps Buch dokumentiert eine Geschichte von Unterdrückung und Segregation, von Epigenetik, kritischer Rassentheorie, weißer Vorherrschaft und von Faschismus. Es hilft, die US-amerikanische Geschichte zu verstehen, und auch, wie jemand wie Donald Trump zum Präsidenten gewählt werden konnte.

In "Das amerikanische Trauma" werden private Erlebnisse der Autorin mit aktuellen politischen als auch historischen Fakten der USA verbunden. Ihr ganz persönliches Trauma erfährt Mary L. Trump durch den Regierungsantritt ihres Onkels, Donald Trump, der eine posttraumatische Belastungsstörung bei ihr auslöst. Aber nicht nur sie als Individuum leidet unter einem Trauma, ein anderes Trauma durchzieht die gesamte Gesellschaft der USA, hervorgerufen durch das Unrecht, das den Ureinwohner*innen des Landes zugefügt wurde und durch die Verschleppung von Afrikaner*innen und deren Versklavung. Sie macht dabei keinen Unterschied zwischen denen, die die Gräueltaten begingen und das System aufrechterhielten, und denen, die hätten eingreifen können, es aber nicht getan haben. "Die Geschichte unseres Landes ist eng verquickt mit nie aufgelösten Widersprüchen, unverfrorenen Heucheleien und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die sich durch die ganze Geschichte unserer Demokratie ziehen."

Die Zahlen sind erschütternd: Zwölf Millionen Afrikaner*innen wurden verschleppt, von denen bereits zwei Millionen bei der Deportation starben. Die übriggebliebenen zehn Millionen versklavten Menschen machten 20 % der Bevölkerung des kolonialen Amerikas aus, verfügten aber über keinerlei Rechte, geschweige denn, dass sie wie Menschen behandelt wurden. Mary L. Trump berichtet von den Lynchmorden an Schwarzen, der rassistischen Diskriminierung und Ideologie der weißen Vorherrschaft, und der systematischen Unterdrückung und Segregation, die bis heute anhalten.

Die Psychologin und Sozialarbeiterin Joy DeGruy bezeichnet das als Konzept des posttraumatischen Sklavensyndroms, "ein Zustand, der daraus resultiert, dass eine Bevölkerung ein multigenerationales Trauma erlebt hat, das aus der jahrhundertelangen Sklaverei resultiert, und auch heute noch Unterdrückung und institutionalisierten Rassismus erlebt".

Mary L. Trump geht auch ins Gericht mit den Taten der vergangenen Präsidenten oder Institutionen, wie beispielsweise dem Supreme Court, und bemängelt das Fehlen einer historischen Abrechnung. Die Weiße Vorherrschaft, das Ausblenden der historischen Verantwortung und die Weigerung, Menschen anderer Hautfarbe als gleichwertig anzusehen seien nicht nur undemokratisch, sondern wiesen faschistoide Tendenzen auf. Ihr Fazit: "Je mehr Macht man hat, umso weniger Konsequenzen muss man fürchten".

Das beste Beispiel dafür ist wohl Donald Trump. Seine Volksverhetzung, seine Lügen, seine Entgleisungen auf dem politischen Parkett, sein Machtmissbrauch und Justizbehinderung, seine Inkompetenz in Bezug auf die Corona-Bekämpfung, sowie seine willkürlichen Nominierungen und Kündigungen von Politiker*innen werden von Mary L. Trump akribisch aufgeführt. All diese politischen und menschlichen Katastrophen hatten keinerlei Konsequenzen für den einst mächtigsten Mann der Welt. Dies führte in Summe – zumindest für einen großen Teil der US-Amerikaner*innen – zu einem Verlust des Vertrauens in den Staat.
Eine sofortige Lösung hat Mary L. Trump nicht für die Traumabewältigung der amerikanischen Nation, aber sie fordert die Weiße Mehrheitsgesellschaft auf, zu handeln: "der erste Schritt zur Heilung ist, sich der Wahrheit zu stellen und den Schmerz zu fühlen".

AVIVA-Tipp: Mary L. Trump hat wie bereits mit "Zuviel und nie genug" ein Abrechnungsbuch geschrieben. Dieses Mal ist es weniger eine Familiengeschichte der Trumps, sondern eine Geschichte der USA. Das Land konnte nur zu seiner politischen und wirtschaftlichen Größe aufgrund der Unterdrückung der indigenen Völker und der Versklavung von Schwarzen Menschen aufsteigen, deren Unrechtsbewältigung bis heute fehlt und zu eben jener Spaltung der Nation führt. Die Regierungszeit Donald Trumps (und vor allem das Ende und nicht eingestehen wollen der Wahlniederlage) hat gezeigt, wie sehr die Demokratie in Gefahr ist und wie stark die faschistischen Tendenzen bis heute sind.

Zur Autorin Mary L. Trump: geboren am 03.05.1965 in New York als Tochter von Fred Trump Jr. und Linda Lee Clapp. Ihr Vater war das zweite Kind von Frederick Christ Trump Sr. und der ältere Bruder des ehemaligen Präsidenten Donald Trump. Sie hat einen Bachelor-Abschluss in englischer Literatur der Tufts University und einen Master in den gleichen Fächern von der Columbia University. Anschließend erwarb sie einen Master-Abschluss in klinischer Psychologie von der Adelphi University, promovierte am Derner Institute of Advanced Psychological Studies in New York und lehrte in den Fachbereichen Traumatherapie, Psychopathologie und Entwicklungspsychologie. 2002 war sie Mitautorin von "Diagnosis: Schizophrenie", 2020 veröffentlichte sie den Spiegel-Bestseller "Zu viel und nie genug" und 2021 "Das amerikanische Trauma".
Mary L. Trump war mit einer Frau verheiratet und lebt, von dieser getrennt, zusammen mit ihrer Tochter in New York.
Donald Trump hat im September 2021 Klage gegen seine Nichte und die New York Times wegen "heimtückischer Verschwörung" erhoben. Der Prozessausgang bleibt abzuwarten.
Mary L. Trump auf Twitter: MaryLTrump

Mary L. Trump - Das amerikanische Trauma – Die gespaltene Nation – und wie sie Heilung finden kann
Heyne Verlag, erschienen 08/2021
Originaltitel: The Reckoning: Our Nation´s Trauma and Finding a Way to Heal
Übersetzung: Eva Schestag, Monika Köpfer, Gisela Fichtl, Christiane Bernhardt, Astrid Becker und Pieke Biermann
Gebundenes Buch, 256 Seiten
ISBN 978-3-453-21825-3
Euro 22,00

Mehr zum Buch unter: www.penguinrandomhouse.de

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Beitrag vom 15.12.2021

Silvy Pommerenke