Ines Geipel - Zensiert, verschwiegen, vergessen. Autorinnen in Ostdeutschland 1945 - 1989 - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Sachbuch



AVIVA-BERLIN.de im Mai 2021 - Beitrag vom 16.04.2009


Ines Geipel - Zensiert, verschwiegen, vergessen. Autorinnen in Ostdeutschland 1945 - 1989
Claire Horst

Wieso verschwiegen und vergessen? Bekannte Autorinnen aus Ostdeutschland gibt es doch wie Sand am Meer. Christa Wolf, Monika Maron und Irmtraut Morgner sind nur einige der berühmtesten. Wo liegt...




... also das Problem? Wer diese Frage stellt, weiß wenig über die Realität künstlerischer (Un)freiheit in der DDR. Ines Geipel, die 1960 geborene Autorin von "Zensiert, verschwiegen, vergessen", hat selbst unter dem DDR-Regime gelitten. Die Olympiasprinterin musste aus politischen Gründen ihre Sportkarriere beenden. Ihr in Jena begonnenes Germanistikstudium setzte sie in Darmstadt fort. Von ihrem Trainer ohne ihr Wissen gedopt, beteiligte sie sich nach der Wende an einer Sammelklage wegen Körperverletzung.

Als Literaturwissenschaftlerin beschäftigt Geipel sich seit Jahren mit der DDR-Lyrikerin Inge Müller. Neben germanistischen Arbeiten hat sie eigene Prosa veröffentlicht und gemeinsam mit dem Schriftsteller Joachim Walther das "Archiv unterdrückter Literatur in der DDR" begründet, in dem Nachlässe unveröffentlichter AutorInnen gesammelt werden. In ihrer jüngsten Veröffentlichung stellt Geipel zwölf Autorinnen vor, die niemals in den Kanon deutschsprachiger Literatur aufgenommen wurden.

Ihr beeindruckend gut recherchiertes Buch beginnt mit einer berühmten Schriftstellerin, mit Ricarda Huch. Huchs Haltung während des Nationalsozialismus ist bekannt: Als Nationalkonservative blieb sie zwar in Deutschland, verließ aber die Preußische Akademie der Künste nach dem Machtantritt der Nazis. In der inneren Emigration überstand sie das Regime. Dass die neue Regierung im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands Huch für ihre Zwecke einsetzen wollte, dass die Schriftstellerin mit über achtzig Jahren die Flucht ergriff und daran starb, weiß heute kaum noch jemand. In der DDR wurde sie zur persona non grata, die in keiner Anthologie mehr auftauchte.

Ausgehend von Huchs Geschichte arbeitet Geipel sich chronologisch durch die Geschichte der vergessenen DDR-Autorinnen. Ihr Buch ist in drei Hauptteile gegliedert, die sich mit verschiedenen Aspekten des Lebens in der DDR beschäftigen: "Die Stunde Schuld", "Das Projekt der Spaltung" und "Eine andere, kleinere Welt". Geipels Erzähltalent wird beim Lesen sofort klar. Das an Informationen reiche Werk liest sich wie ein hochspannender Roman.

Schon bei der ersten vorgestellten Autorin, Edeltraut Eckert, die den "Verschwundenen" BürgerInnen in der SBZ nachspüren wollte, für das Verteilen von Flugblättern zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde und mit erst 25 Jahren an einer Infektion starb, wird deutlich, was hier zerstört wurde. Geipel hat einige von Eckerts Gedichten und Gefängnisbriefen in den Text eingebaut. Das Talent der jungen Autorin und ihr Mut berühren gleichermaßen.

Das Buch schildert jedoch nicht nur Einzelschicksale. Die Urteile, von denen die Autorinnen getroffen wurden, stehen in engem Zusammenhang mit der politischen Großlage. Das jeweilige Verhältnis zwischen DDR und Sowjetunion, Entscheidungen der ZK-Plena und die Personalpolitik der DDR spielen eine große Rolle – anhand von Aktennotizen und unzähliger weiterer Quellen zeichnet Geipel ein präzises Bild der paranoiden Kulturpolitik der DDR.

Welche Kreise eine unbedachte Äußerung ziehen konnte, mit welcher Panik auf kritische Texte reagiert wurde, wie schnell AutorInnen kaltgestellt wurden – und auf der anderen Seite die Auswirkungen auf die Betroffenen: Rückzug, Flucht in die BRD oder Selbstmord wie bei Inge Müller, Selbstzerstörung wie bei Eveline Kuffel, und vor allem das völlige Schweigen über unerwünschte AutorInnen, diese Einzelheiten fügen sich zu einem ernüchternden und erschütternden Gesamtbild zusammen.

AVIVA-Tipp: Endlich erhalten diese vergessenen Autorinnen die Aufmerksamkeit, die sie verdient haben. Anhand dieses Buches (und der zahlreichen Fotos und biografischen Hinweise im Anhang) ist es nun zumindest möglich, sich ein Bild von den Personen zu machen. Wünschenswert wäre es, wenn nun die Verlage nachlegten und auch die Werke der Schriftstellerinnen endlich (wieder) veröffentlicht würden.

Zur Autorin: Ines Geipel ist Schriftstellerin, Professorin für Verssprache in Berlin und ehemalige Weltklassesprinterin. Sie gilt als Expertin für eine ostdeutsche Archäologie weiblichen Schreibens und hat vielfach dazu veröffentlicht. Sie ist Mitherausgeberin der Verschwiegenen Bibliothek der Büchergilde Gutenberg. Ihre Veröffentlichungen (Auswahl): No Limit. Wie viel Doping verträgt die Gesellschaft, Stuttgart 2008, Für heute reicht´s. Amok in Erfurt, Berlin 2004, Dann fiel auf einmal der Himmel um: Inge Müller; die Biografie, 2004, Diktate, Potsdam 2000, Das Heft, Berlin 1999, Hg.: Inge Müller: Irgendwo: noch einmal möcht ich sehn, Berlin 1996


Ines Geipel
Zensiert, verschwiegen, vergessen. Autorinnen in Ostdeutschland 1945-1989

Artemis und Winkler, erschienen März 2009
Gebunden mit Schutzumschlag, 280 Seiten
ISBN: 978-3-538-07269-5
24,90 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Geburtsort Berlin" - Kurzgeschichten von Monika Maron
Cornelia Schleime – "Weit fort"
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Beitrag vom 16.04.2009

Claire Horst 






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