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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 17.02.2012

Fr√ľher war nicht alles besser ‚Äď die Krise der M√§nnlichkeit als Chance
Katarina Wagner

Glaubt mensch den Bef√ľrtworterInnen der These vom "Schmerzensmann", so haben Feminismen vor allem eines hervor gebracht: eroberungsunwillige M√§nner und frustrierte Frauen. In wie weit dienen...



... solche Klischees einer Resouver√§nisierung traditioneller Maskulinit√§tskonzepte und wie f√∂rdert der Diskurs um die Krise der M√§nnlichkeit die Gleichstellung ‚Äď oder wirft sie zur√ľck?

Geschlechterverh√§ltnisse und -rollen sind keine festen Gef√ľge, sondern m√ľssen fortlaufend neu hergestellt und legitimiert werden. Dabei werden Positionierungen und Zuschreibungen nicht nur zwischen Frauen und M√§nnern ausgehandelt, sondern auch innerhalb der Genus-Gruppen werden Hierarchien etabliert. In der Diskussion um die so genannten "Schmerzensm√§nner" k√∂nnen einige Beitr√§ge als Versuche gewertet werden, die Vormachtstellung einer bestimmten M√§nnlichkeit gegen√ľber abweichenden Entw√ľrfen und sich √∂ffnenden Geschlechterverh√§ltnissen zu verteidigen.

Ansto√ü der Debatte war Nina Pauers Artikel in der ZEIT Anfang Januar 2012, in welchem sie sich √ľber die neue Generation M√§nner beklagt. Diese empfindet sie als verweichlicht, unsicher, unentschlossen, melancholisch und auf Dauer "furchtbar unsexy". Die Ursache f√ľr diese Entwicklung sieht Pauer in der Gesellschaft, die von den M√§nnern mehr Empfindsamkeit, Reflektiertheit, R√ľcksicht und Mut zur Schw√§che verlange:

"Doch was als eine begr√ľ√üenswerte Mentalit√§tsreform des alten M√§nnerbildes begann, hat inzwischen groteske Z√ľge angenommen."

Sie bem√§ngelt im Namen aller Frauen derselben Generation, dass diese sich nicht mehr an eine starke, m√§nnliche Brust werfen k√∂nnten, sondern die Schmerzensm√§nner tr√∂stend in den Arm nehmen m√ľssten. So scheint Pauer einem, in aktiv und passiv, stark und schwach aufgeteilten, Geschlechterverh√§ltnis nachzutrauern, in dem alle Beteiligten wissen, was gesellschaftlich von ihnen erwartet wird und nicht davon abweichen.

In den Entgegnungen finden sich verschiedene Argumentationsstrukturen. Auf der einen Seite wird festgestellt, dass diese (von Pauer dramatisierte) Entwicklung zu begr√ľ√üen sei und eine R√ľckkehr zu starken M√§nnern und schwachen Frauen vor allem Nachteile f√ľr Frauen mit sich br√§chte. In der FAZ beschreibt Jenny Friedrich-Freksa, wie die, von Pauer abwertend erw√§hnten Strickjacken-tragenden M√§nner als ein Zeichen der Emanzipation gesehen werden k√∂nnen, denn

"Neue Bilder von Männlichkeit wird es nur geben, wenn jemand den Mut findet, sie auszuprobieren."

Auf der anderen Seite kn√ľpfen einige Autor_innen an Pauers Ablehnung abweichender M√§nnlichkeiten an und gehen zu Schuldzuweisungen √ľber. Jonathan Widder behauptet auf seinem Blog, die jungen Frauen seien an ihrem "Frust" √ľber die Schmerzensm√§nner selbst Schuld, da ihr Emanzipationskonzept f√ľr junge M√§nner undurchsichtig sei, ihnen zu viel abverlange und sie in Ratlosigkeit dar√ľber gerieten, was Frauen eigentlich wollten. Auch Christopher Scheuermann meint im SPIEGEL, Frauen seien selbst daf√ľr verantwortlich, wenn sie sich nach einem souver√§nen und starken Mann sehnten, diesen aber nicht finden k√∂nnten. Er beschreibt die moderne "Optimier-Frau", die f√ľr eine Generation erfolgreicher und pragmatischer Frauen steht:

"Es ist aber gut m√∂glich, dass sie beim Jonglieren ihrer vielen Rollen und Aufgaben vergessen hat, was es bedeutet, Geliebte zu sein. Sie wolle sich fallen lassen, sagt sie, hat aber verlernt, wie das funktioniert. Diese Erfahrung kann jeder Mann best√§tigen, der in den vergangenen Jahren einen mit Alpham√§dchen gef√ľllten Tangokurs belegt hat."

Der Grundton dieser Beitr√§ge ist gepr√§gt durch den Vorwurf an Frauen, das Gleichgewicht unter den Geschlechtern zerst√∂rt zu haben. Es wird dabei nicht reflektiert, wie in dem asymmetrischen, traditionellen Geschlechtergef√ľge M√§nner privilegiert und Frauen benachteiligt werden.

Das Märchen von der Modernisierungsgewinnerin

Christiane Ketteler deckt in ihrem Artikel f√ľr die "Jungle World" Scheuermanns Darstellung der "Optimier-Frau" als "M√§rchen von der Modernisierungsgewinnerin Frau" auf. Ein sehr wirkm√§chtiges M√§rchen, wenn es √ľber die tats√§chlichen Chancenaufteilungen auf dem Arbeitsmarkt hinwegt√§uschen kann und auch unter einigen Frauen den Eindruck erweckt, dass beispielsweise eine gesetzliche Quotenregelung f√ľr F√ľhrungspositionen nicht n√∂tig sei. Im Zuge dessen scheint sich in der Gesellschaft ein Feminismus-√úberdruss zu verbreiten. Mit der Verankerung der Gleichberechtigung im Grundgesetz sehen viele diesen als erledigt und √ľberholt an.

Bei genauerem Hinsehen sollte allerdings klar werden, dass f√ľr die Gleichstellung noch einiges getan werden muss: In den Vorst√§nden der DAX-Konzerne finden sich unter den 190 M√§nnern nur sieben Frauen und der Entgeltunterschied zwischen den Geschlechtern liegt in Deutschland insgesamt bei rund 23 Prozent. Au√üerdem lastet weiterhin die Hauptverantwortung f√ľr F√ľrsorge- und Pflegearbeit auf den Frauen. Sie befinden sich √∂fter in prekarisierten Teilzeitarbeitsverh√§ltnissen, akzeptieren Erwerbsunterbrechungen und sind daraufhin schlechter sozial abgesichert. Die Teilzeitarbeit wird nicht nur durch mangelnde Kinderbetreuungsangebote erforderlich, sondern wird sogar staatlich durch das Ehegattensplitting honoriert. Die Dominanz der erfolgreichen Karrierefrauen bleibt ein M√§rchen und die F√∂rderung der Chancengleichheit steht weiterhin vor gro√üen Aufgaben und H√ľrden.

Krise der Männlichkeit als Chance

Essentiell f√ľr die Gleichstellung ist der Abbau von Rollenerwartungen und geschlechterspezifischer Arbeitsteilung. Jungen- und M√§nnerpolitik wird dadurch nicht ausgeschlossen, sondern ist dann begr√ľ√üenswert, wenn sie auch hier die Wahlfreiheit f√∂rdert und Stereotype abbaut. Schwierig wird es, wenn eines durch das andere zur√ľckgedr√§ngt wird und r√ľckw√§rtsgerichtete Argumentationen lauter werden. Der Gleichstellungspolitik und Frauenbewegung wird vorgeworfen, lange Zeit die Bed√ľrfnisse von Jungen und M√§nnern vernachl√§ssigt zu haben und nun sei es Zeit, sich verst√§rkt um diese zu k√ľmmern. Verschiedene Ph√§nomene, F√§lle von Burn-outs bei m√§nnlichen Erwerbst√§tigen, die Jungen als so genannte Bildungsverlierer und eben die "Schmerzensm√§nner", werden unter dem Begriff der "Krise der M√§nnlichkeit" zusammengefasst. Zwar werden in diesem Diskurs ernst zu nehmende Probleme angesprochen, doch kann es problematisch werden, wenn sie vorrangig auf neue Anforderungen an M√§nner zur√ľck gef√ľhrt werden, die im Zuge des Feminismus und einer angestrebten Reform der Machtverh√§ltnisse aufkamen. An der Spitze einer solchen Argumentationslinie stehen antifeministische "M√§nnerrechtlerInnen", welche die gesamte Gesellschaft durch den Feminismus dominiert und bedroht sehen und teilweise die R√ľckkehr zur traditionellen Rollenaufteilung fordern.

Nina Pauers Klagelied √ľber M√§nner, die nicht w√ľssten, wie sie eine Frau erobern sollen, schl√§gt einen √§hnlichen Ton an. Sie impliziert die Notwendigkeit, die vermeintlich verunsicherten M√§nner in ihrer M√§nnlichkeit (stark, erobernd, entschlossen und als Gegenpol zur Weiblichkeit) zu st√§rken. Dieses r√ľckw√§rtsgerichtete Sehnen nach mehr Eindeutigkeit in den Geschlechterbildern l√§sst wenig Raum f√ľr neue Aushandlungen oder sogar √úberwindungen der dichotomen Geschlechterlogik. Der Chancengleichheit wird geschadet, wenn den M√§nnern ihr Beitrag zur Emanzipation verwehrt wird.

Es w√§re hilfreicher, die Fragilit√§t der Konstrukte um M√§nnlichkeit und Weiblichkeit zu nutzen und sie den heutigen lebensweltlichen Anforderungen anzupassen, um f√ľr jede Person eine gleichwertige Teilhabe in allen Bereichen des sozialen Lebens zu erm√∂glichen. Dazu ist es n√∂tig sich von zweidimensionalen Betrachtungsweisen zu l√∂sen, Raum zu schaffen und Frauen- oder M√§nnertypen nicht nach "unsexy" oder "sexy" aufzuteilen.


Weitere Informationen finden Sie unter:

"Die Schmerzensmänner" von Nina Pauer (ZEIT, 06. Januar 2012)

"K√ľssen kann man nicht alleine" von Jenny Friedrich-Freksa (FAZ, 17. Januar 2012)

"Der Frust der Frauen" von Jonathan Widder (09. Januar 2012)

"Lieber nicht" von Christoph Scheuermann (SPIEGEL, 16. Januar 2012)

"Heul doch, Mann!" von Christiane Ketteler (Jungle World, 26. Januar 2012)


Public Affairs Beitrag vom 17.02.2012 Katarina Wagner 





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